von am 5. April 2014

The Incredible Herrengedeck: Daniel, Robert, Tapani (v.l.)Die Chanson-Punk-Band The Incredible Herrengedeck hat das große Ganze im Blick. Kapitalismus abschaffen, Welt retten und ihr drittes Album „Alles nur Gelaber?“ veröffentlichen. Ein Stammtischgespräch im Körnerpark.

Die drei von The Incredible Herrengedeck, Daniel Thylmann, Robert Rating und Tapani Gradmann, fachsimpeln auf zwei Bierbänken im Körnerpark aufgeregt über ein Schriftstück auf der Mitte des Tisches, das nach Abschlussarbeit aussieht: Die „Meisterarbeit“ soll als politisches Fundament dem dritten Album der Band als theoretischer Überbau und zugleich „Inlet“ dienen. Noch ist unklar, ob die Arbeit rechtzeitig zum Album-Release gedruckt sein wird.

neukoellner.net: Ihr feiert diesen Samstag das Release eures dritten Albums zusammen mit einer befreundeten Band unter dem Motto „The Incredible Herrengedeck und Fokko Wolkenstein retten die Welt!!! Mal wieder“. Vor wem oder was wollt ihr die Welt denn retten?
Daniel: Sollen wir jetzt sagen, dass wir eigentlich die Weltherrschaft anstreben und das nur die Tarnung ist, die Welt zu retten? (Kurze Pause) Eigentlich streben wir die Weltherrschaft an.

Robert: Aber eine Kampagne muss man ja auch kommunizieren und dann sagt man halt „Welt retten“, weil das gut klingt. Ist ja gerade auch angebracht.

Tapani: Es gibt viele Sachen, vor der wir die Welt retten wollen. Wir haben ja auch eine ganze Arbeit darüber verfasst.

Gekicher, als das Gespräch auf ihre „Meisterarbeit“ kommt. Der Titel: „Alles nur Gelaber? Die Audioaufnahme als Medium der Selbstreflektion des Individuums in der spätkapitalistischen Gesellschaft.“

Tapani: Das Shoppingmall-Monster ist sehr sehr dramatisch. Kapitalismus ist so ein Dauerthema, vor dem wir die Welt und uns selber auch gerne retten wollen.

Daniel: (Beginnt aus der Arbeit vorzulesen.) „Der Krieg im Kongo, Krise in Syrien, Naher Osten, Internetüberwachung“, und dann haben wir hier noch ein Feld, damit man selber Ergänzungen machen kann. Der Leser kann sich entsprechend beteiligen, Probleme gibt es genug. [Anmerkung für Leser: Ihr könnt auch hier direkt in Form von Kommentaren Eure Ergänzungen machen.]

Ihr habt euch 2006 gegründet. Hattet ihr auch damals schon das programmatische Ziel der Weltherrschaft vor Augen und dieses Sendungsbewusstsein im Hinterkopf?
T: Ach, das hat sich so entwickelt und über die Jahre sind wir etwas größenwahnsinnig geworden. Unser erstes Album hieß „Soundtrack zum Untergang der Welt“ – wir denken schon immer an das große Ganze.

Ihr habt vorhin schon einen Fünf-Punkte-Plan angesprochen.
T: Naja, da darf man jetzt nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen. Der erste Punkt ist das Record-Release am 5.4. im SO36 und kucken wir mal, was dann passiert. Manchmal kann ja schon der Flügelschlag eines Schmetterlings einen Taifun auslösen. Vielleicht wird sich dann schon im Laufe des Jahres die Weltherrschaft abzeichnen und ansonsten müssen wir mal sehen wie wir nachlegen. Touren vielleicht. Das Wort verbreiten.

Angenommen, das mit der „Weltrettung“ klappt nicht wie geplant und ihr müsstet euch auf Deutschland beschränken. Was sollte man in Deutschland retten?
Einen kurzen Moment herrscht Schweigen, um dann in großem Gelächter zu kulminieren.
R: Oh Gott, Deutschland retten?

D: Ich hab jetzt jahrelang „Deutschland abschaffen“ an irgendwelche Hauswände gesprüht und jetzt soll ich es plötzlich retten?

Ihr habt vor knapp zwei Jahren vergeblich versucht, die FDP mit einer Lobeshymne zu retten. Welche Partei würdet ihr denn noch gerne unterstützen?
R: Wir könnten die AfD retten, aber das wäre irgendwie langweilig. Die retten sich wahrscheinlich selbst.

T: Das Einzige, das ich mir wirklich als Verbesserung hierzulande wünschen würde, ist das bedingungslose Grundeinkommen. Das fände ich richtig fein. (Schaut auf die Meisterarbeit.) Davon haben wir eigentlich viel zu wenig hier drin.

R: Wobei das ja nicht unumstritten ist. Die soziale Befriedung lässt ja den Druck aus dem Kessel.

D: Naja, das lässt sich im Kaffeehaus immer leicht sagen: Es muss hier alles härter werden und dann gibt es Revolution. Aber wenn du auf der Seite der Verlierer bist …

T: Deswegen sage ich ja: Für mich persönlich wäre so ein bedingungsloses Grundeinkommen einfach schön. Oder halt die Weltherrschaft, dann würde sich das ja erübrigen.

D: Das ist doch mal eine klare Message an die Welt da draußen: bedingungsloses Grundeinkommen oder Diktatur. Da liegt doch mal wieder ein Nazi-Vergleich in der Luft.

R: Erfolgloser Künstler. Und dann… (Allgemeines Gelächter)

Dann überlassen wir Deutschland einmal der Großen Koalition und setzen den Fokus auf Berlin. Vor wem würdet ihr Berlin retten?
R: Vor denen, die die Häuser kaufen und die Mieten teuer machen.

T: Es herrscht ein wahnsinniger Druck, den ich selbst auch verspüre. Ich wohne hier in Neukölln und fühle mich in meinem Kiez dazugehörig, habe dort mein soziales Umfeld. Aber eine neue Wohnung kann ich mir dort nicht mehr leisten.

Was könnte man realistisch dagegen tun?
T: Ich glaube realistisch ist nur eine Deckelung von Mieten. Wirklich helfen kann nur eine politische Lösung.

Also Wowereit?
T: Naja, der wahrscheinlich nicht. Der Druck kann natürlich von der Straße kommen, aber letztendlich lässt sich das Problem nicht lösen, dass die Mieten derart steigen, solange das nicht reguliert wird.

Sind Initiativen wie das Volksbegehren „100% Tempelhof eurer Ansicht nach ein Schritt in die richtige Richtung oder doch nur vergeudete Liebesmühe?
T: Ich hab immer die Hoffnung, dass so etwas wie das Volksbegehren Tempelhof eine breite Basis und ein Selbstbewusstsein schafft, den Leuten ein Gefühl gibt von „Wir können zusammen etwas verändern. Wir können Einfluss nehmen.“

Au ja, ich spende via: PayPal | Überweisung | Bankeinzug | Flattr

Vielleicht rettet die New York Times ja Berlin, wenn sie schreibt, dass es nicht mehr die coolste Stadt der Welt ist.
R: Ja, hab ich auch gedacht, die nimmt den Druck raus. (allgemeines, amüsiertes Zustimmungsgeraune)

T: Wobei ich auch erst ein bisschen einen kleinen Stich gespürt habe und mir dachte: „Waaas? Wie sind nicht mehr die coolste Stadt.“ Die Frage ist ja allerdings noch nicht genau geklärt, wer jetzt eigentlich cooler sein soll. Aber Berlin ist jedenfalls nicht mehr die coolste.

 

THE INCREDIBLE HERRENGEDECK
UND FOKKO WOLKENSTEIN
Doppel-Release-Konzert

Samstag, 05.04.2014, 21:00 Uhr
S036, Oranienstraße 190, 10999 Berlin

 

2 Kommentare:

  • Kaum eine Idee bewegt die Menschen in den letzten Jahren so sehr wie das Bedingungslose Grundeinkommen (BGE). Das lässt sich leicht an der Vielzahl von Modellen ablesen, die mittlerweile die Diskussionen durchfluten. Je nach Modell und Finanzierungsansatz gibt es unterschiedliche Begriffe für im Prinzip Vergleichbares: »Gesellschaftsdividende«, »Negative Einkommensteuer«, »ausgezahlter Mehrwertsteuerfreibetrag«, »Teilhabeabgabe« sind nur einige davon. Überall wird diskutiert, theoretisiert – wie soll das gehen? Arbeitet dann noch einer? Was ist mit den Schmarotzern? Aber wie geht es denn nun wirklich? Wie wäre es endlich mal mit Praxis statt mit Theorie?!

    Im Netzwerk BGE-Kreise besteht die Möglichkeit, eigene Erfahrungen in einem geschützten Rahmen mit dem Grundeinkommen zu machen. Elemente von Tauschring, Komplementärwährung und Grundeinkommen wurden hier zu einer Einheit verschmolzen. Jeder Teilnehmer erhält dabei neben einem Startkapital ein monatliches Grundeinkommen in Form einer digitalen Währung. Dieses Geld kann eingesetzt werden, um z.B. Handel zu betreiben oder Dienstleistungen anzubieten. Über eine »Umlauf- und Umsatzsteuer« findet ein erneuter Rückfluss des Geldes in das BGE-Kreise-System statt. Das Geld ist zunächst als »Regionales Geld« vorgesehen, wobei nicht nur Einzelpersonen sondern auch Körperschaften an diesem System teilnehmen können:
    http://bgekoeln.ning.com/profiles/blogs/bedingungsloses-grundeinkommen-nicht-warten-sondern-starten

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