von am 15. Dezember 2016
1. Festival fuer jiddische Kultur in Neukoelln

Daniel Kahn singt in der Werkstatt der Kulturen während des 1. Festival für jiddische Kultur in Neukölln. Foto: Emmanuele Contini

Das erste jiddische Kulturfestival „Shtetl Neukölln“ begeisterte seine Besucher mit Konzerten, Sessions und Workshops. Unsere Autorin hat zusammen mit der Klezmer-Gemeinde fünf Tage gefeiert.

„In Droysn iz finster“. Drinnen ist Party. „Hulyet, hulyet kinderlach“ (Party, Party Kinderlein) heißt das auf Jiddisch und ist eine Zeile des Liedes, das die Sängerin Sasha Lurje zusammen mit vierzig Workshopteilnehmern einstudiert. Alle sitzen im Kreis. Die dunkle Stimme Sashas ist mitreißend und leidenschaftlich. Sie ist Sängerin der psychedlischen Band Forsphil, tritt weltweit auf und leitet den Gesangsworkshop im Shtetl Neukölln. „Friiiling“, ruft Sasha und erklärt, das sei wie ein russisches i. „Friiiling“, schallt es von der Runde fröhlich zurück, während es an diesem grauen Sonntagmorgen regnet. Sasha gibt den Rhythmus mit ihren Füßen vor und dirigiert zugleich; mit vollem Körpereinsatz motiviert sie alle Teilnehmer nach einem langen Samstagabend. Nicht wenige der Leute, die singen, spielen gleichzeitig Akkordeon oder Violine. Die Tanzworkshopleiterin hat zwar selbst Rückenschmerzen, tanzt aber tapfer und enthusiastisch weiter.

Forsphil

Den Auftakt nach der Session am Donnerstagabend machten die Musiker Karsten Troyke und das Duo  Khupe. Troyke und seine markante rauchige Stimme dürfte vielen Berliner Klezmerfans ein Begriff sein, da er seit 35 Jahren in der Stadt auftritt. Aus aktuellem Anlass sang er zwei Lieder vom kürzlich verstorbenen Leonard Cohen. Und auch Daniel Kahn, der Sänger mit der Schiebermütze, interpretierte Cohens „Hallelujah“ im vollbesetzten Foyer auf Jiddisch als Zugabe, eigens übersetzt von Kahn. Er spielt Geige, Mundharmonika und Akkordeon. Bei „Lily Marleyn“ auf jiddisch verspürt man eine leichte Gänsehaut, wurde dieses Soldatenlied 1941 doch durch das von den deutschen Truppen besetzte Radio Belgrad auf dem Balkan gespielt. Während Kahn eine kleine Kurbel an einem Kästchen dreht, die spieluhrgleich die Melodie erklingen lässt, singt er: „Far dar Kazarme, far der groyser Tir“ – verfremdeter Klezmer, verkehrte Welt.

Farsoymt keyn Oygenblik

Das Festival bestand nicht nur aus Konzerten und einem rauschenden Klezmer-Ball am Samstagabend, es gab vielfach Gelegenheit, in Workshops zu arbeiten. Zur Auswahl standen Jiddischer Tanz, Jiddischer Gesang oder instrumentales Musizieren, welche sich auf den Sessions wie selbstverständlich ergänzten. Höhepunkt des fünftätigen Festival waren die Tantshoys Neukölln #5 im Ballhaus Rixdorf. Auf dem Ball tanzten bis zu sechzig Leute jiddische Kreistänze.

In einem der Instrumentalworkshops sitzt eine 12-Jährige Berlinerin und stellt routiniert und ohne Scheu Fragen auf Englisch an Amit Weisberger, der aus Angers/Frankreich angereist ist und mit seiner Geige den Ton angibt. Vier Geigen und ein Akkordeon erklingen, dazu tanzen drei Menschen. Das “Shtetl Neukölln” besticht nicht nur durch sein weites musikalisches Repertoire, sondern durch die Unaufgeregtheit und Bescheidenheit der professionellen Musiker.

1. Festival fuer jiddische Kultur in Neukoelln

Zeitgenössische jiddische Musik – dafür stehen Daniel Kahn und Sasha Lurje. (Foto: Emmanuele Contini)

Im Tanzworkshop wird geschwitzt und gelacht. Die Atmosphäre familiär und herzlich, jeder kann mittanzen. „Spet banaht“, spät bei Nacht, singen alle zusammen ein wenig bekanntes Lied aus einem russischen Seefahrerfilm, das der Pianist und Akkordeonist Ilja aus dem Orga-Team eingebracht hat. Das ergab sich spontan und wurde als Tradition beibehalten. So sangen täglich über hundert Menschen die eingängige Melodie und tanzten.

Meen teueres zis Leben

Das Niveau im Shtetl (Jiddisch für: jüdisches Viertel) ist hoch. Neben den hauptberuflichen Musikern zieht das Festival viele Musiklehrer an. Es wird nicht nur geübt, sondern diskutiert; über zusätzlich eingefügte Vokale zum Beispiel, (Feygele singt man „Feyigele“, Vöglein) oder über die korrekte Notation bekannter Lieder. Expertentum ist aber keine Voraussetzung, Menschen mit wenig Vorwissen oder Gesangskenntnissen werden ebenso herzlich aufgenommen. „Weil der Friiling legt sich bald, mit ihm das erste Gliiek“.

Der Frühling mag noch eine Weile ausbleiben, bis dahin erklingen Lieder, die zeigen, wie zeitlos Klezmer ist.  So wie das Lied, das häufiger auf dem Festival erklingt und von der Miete handelt. Der Vermieter kommt mit dem „Stecken“, wenn die Miete nicht pünktlich gezahlt wird. In der direkten Umgebung der Werkstatt der Kulturen sind steigende Mieten mittlerweile Alltag geworden.

Das Problem der steigenden Mieten betrifft nicht nur Berlin, sondern findet sich in vielen Metropolen weltweit. Die Besucher sind aus ganz Europa angereist. Zum Beispiel Laura und Samuel, zwei junge Ärzte aus Zürich. Laura spielt Klarinette, Samuel besucht die Gesangsworkshops. Für ihn war es das erste jiddische Festival und er möchte wiederkommen. Laura besucht bereits seit 2009 das Yiddish Summer Festival in Weimar, dort liegt der Schwerpunkt eher auf traditioneller Klezmer-Musik.

Viele der Teilnehmer kennen sich aus Weimar; die Organisatoren des Shtetl wohnen jedoch in Berlin und verkörpern die jüngere, internationale Generation der jiddischen, osteuropäischen Musik. Das Team besteht u.a. aus Letten, einem Dänen, Schweden und mehreren US-Amerikanern, die sich seit zwei Jahren zur Klezmer-Session im Obmolov in der Lenaustraße treffen. Irgendwann kam die Idee auf, gemeinsam ein Festival auf die Beine zu stellen. Der Verein Tănase & Gebirtig, dem Till Schumann vorsitzt, kooperierte dafür mit der Werkstatt der Kulturen. Vor Beginn des Konzerts “Gebirtig-Projekt” am Sonntagabend betonte er, dass es völlig egal sei, „wer hier Jude ist und wer nicht“.

Will mit dir zwee Weurter reyden

Zum Abschluss am Sonntag wird zum Gebirtig Projekt in den großen Saal geladen. Fragmente aus einem Dokumentarfilm zeigen Menschen, die Lieder des bekannten polnischen Poeten und Komponisten Mordechaj Gebirtig singen, der 1942 im Krakauer Ghetto erschossen wurde.

Das Shtetl Neukölln wurde mit „Aufopferung und Enthusiasmus“ organisiert, sagt Till Schumann am letzten Tag. Gigi Backes, die mit ihm das „Oriente Musik“-Label managt, und das Festival tatkräftig mitorganisiert hat, weist auf den „Mangel an Zuwendung durch öffentliche Gelder“ hin. Private Sponsoren wären ihrer Ansicht nach eine weitere mögliche Finanzierungshilfe. Alle Konzerte sowie der Ball waren gut besucht; die Workshops und Sessions ebenso. Der Preis dafür war günstig, kostet doch sonst ein Konzert in der Werkstatt 15 Euro Eintritt.

Also lieber Kultursenat, lieber Bezirk Neukölln, lieber privater Financier: „A vu bist du gewen? Komm aroys (Wo bist du gewesen? Komm heraus), will mit dir zwee Weurter reden.“ Denn nach Shtetl Neukölln ist vor Shtetl Neukölln. Dazwischen liegt das Klezmer-Festival in Weimar (10.7.-12.8.2017). „Wayl fun Friling bis tsum Winter is a Katsenshprung“ endet der Refrain.

2017 soll Shtetl Neukölln vom 7.-10. Dezember stattfinden. Wem das in zu weiter Ferne liegt, der möge mit oder ohne Instrument am kommenden Samstag zur Jubiläumssession ins Obmolov kommen und das Tanzbein schwingen. Lalalalei, lalalei…

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