von am 12. Mai 2014
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Thilo Bock, der Autor; Foto: Susanne Bax

Kurz vor dem Volksentscheid über das Tempelhofer Feld erscheint ein Roman, das den ehemaligen Flughafen zum Mittelpunkt der Handlung macht. Umfassend berichtet der Autor Thilo Bock aus Vergangenheit und Gegenwart, umwoben mit einer Liebesgeschichte. Will man das? Eine Rezension.

Im erst kürzlich gegründeten Neuköllner Verlag Fuchs & Fuchs ist das neue Buch des Berliner Autors Thilo Bock erschienen: „Tempelhofer Feld. Ein Freiluftroman“. Das passt, denn der Verlag selbst sitzt „nur einen Steinwurf vom Paradies“ (Zitat von der Verlagshomepage) entfernt, und meint damit eben jene Stadtbrache.

Thilo Bocks 40-jähriger Ich-Erzähler Sven vernarrt sich genau dort in eine junge Skaterin namens Luis, woraufhin dieser den ehemaligen Flughafen immer und immer wieder besucht. Ein Mann, eher klug als schön, mitten in der Midlifecrisis, „eben nicht mehr der Jüngste. Und benehme mich trotzdem wie ein Teenager.“ Er lässt sich treiben auf dem Feld: „Oder anders“, das ist sein Mantra, so beginnt jeder neue Abschnitt, jedes Kapitel im Buch – als hätte und sollte es eben auch ganz anders kommen können.

Mit ihm erkundet Thilo Bock jeden Zipfel des weitläufigen Geländes, von den bepflanzten Schuhen am Rande des Gemeinschaftsgartens nahe Oderstraße bis hin zu den archäologischen Ausgrabungen südlich des Columbia-Damms – den Keksgeruch aus der angrenzenden Fabrik in der Nase. Er begegnet Typen wie dem vermeintlichen Sohn von JFK, der täglich Flaschen sammelt auf dem Feld, einem Konversationsverkäufer oder dem Uhrzeitensammler.

Aus der Zeit gefallen

Es ist ein zeitgenössisches Porträt dieses politisch umkämpften Terrains geworden, ein Dokument (fast) in Echtzeit, indem der Masterplan des Berliner Senats oder der bedrohte Steinschmätzer diskutiert werden. Auch das Doppelkonzert der Ärzte und der Toten Hosen kommt vor.

Manchmal wirken Autor und Protagonist wie aus der Zeit gefallen, wenn Guerilla-Stricken als neuer Trend verkauft wird oder Sven meint, sich mit heimeligen Gedanken an die Hitparade gegen die jugendliche Süße der Skaterin und ihrer Mitbewohner wappnen zu müssen, die alles „porno“ oder „vintage“ finden. Als sei 40 schon 60.

Und immer wieder schleichen sich historische Momente des Ortes in die Geschichte ein. Thilo Bock spricht vom „Tempelhofer Narbenfeld“ und lässt die Rede Hitlers, das Zwangsarbeiterlager, Rosinenbomber, die Sonnenfinsternis oder die Landung von DDR-Flüchtlingen aufblitzen. „Meine Herren un Damen! Et is ein welthistorischer Fleck Erde, uff dem Sie mich befinden! Dieset Feld is der jeeignetste Platz bei Berlin, uff welchem sich allet unterlassen lässt“, heißt es an einer Stelle.

Perfekt getimtes Hintergrundrauschen

Was da heute so passiert auf dem Feld, und was der Boden an Erinnerungen gespeichert hat, das zeigt Thilo Bock facettenreich auf. Und gerade weil er wahrscheinlich alles gelesen hat, was darüber aufzutreiben war, klingt es teilweise ein bisschen hölzern, werden Dialoge mit zu vielen Infos gespickt.

Und auch die Liaison auf dem Flugfeld ist weniger eine packende Liebesgeschichte oder Auslöser tiefgründiger Gedanken zur Selbstfindung, als vielmehr vor allem eins: ein perfekt getimtes Hintergrundrauschen zum Volksentscheid am 25. Mai.

Buchpremiere, Lesung und Gespräch mit Thilo Bock ist am Dienstag, den 13. Mai, um 19.30 Uhr im Heimathafen Neukölln, moderiert von Jakob Hein. Eintritt 5 Euro.

Eine weitere Lesung findet am 22. Mai um 19.30 Uhr in der Buchkönigin statt, Eintritt 3-5 Euro. 

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