von am 16. Juni 2013

"Das Gedächtnis der Teekanne" ist im Labor im 1. OG in den Neukölln Arcaden zu sehen.

Ein altes Tomatenmesser, ein paar Farbtuben und ein zerschlissener Kopfkissenbezug können viel erzählen. Martina Becker hat mit „Das Gedächtnis der Teekanne“ ein Museum der gespeicherten Erinnerungen zusammen getragen.

Alten Menschen wird oft nachgesagt, dass sie mehr in der Vergangenheit, als in der Gegenwart leben. Vielleicht liegt das daran, dass mit zunehmendem Lebensalter an die Stelle der Hoffnung das Gedächtnis tritt. Die verbleibende Zeit erscheint im Vergleich zur langen Vergangenheit als verschwindend gering. Und der Körper erweist sich mehr und mehr als eher untreuer Begleiter. Frei beweglich – selbst in den Grenzen einer Demenz – bleibt dann nur noch der Geist. Aber wie funktioniert Erinnerung? Was ist der Türöffner zu vergangenen Zeiten?

Für die Neuköllner Künstlerin Martina Becker sind persönliche Gegenstände die besten Zeitzeugen und gleichzeitig auch Kontaktobjekte, die einen Zugang zur Welt der Alten eröffnen. In den vergangenen Wochen ist sie an verschiedenen Orten in Neukölln mit Senioren türkischer und deutscher Herkunft zusammengekommen und hat mit viel Engagement „Objekte gespeicherter Erfahrungen“ gesammelt. Bei den Treffen stand zunächst das gemeinsame Basteln im Vordergrund: mit Knete, Stoffen und Wolle. Im Prozess der Handarbeit sind dann nicht nur Puppen, Topflappen und Knetfiguren entstanden, die im Labor in den Neukölln Arcaden ausgestellt werden, sondern auch Gespräche. Über vergangene Zeiten und über liebgewonnene Gegenstände, die zum Teil aus der Kindheit in die Gegenwart gerettet werden konnten.

Das Stövchen stammt aus dem Jahre 1938.

Das Stövchen der verstorbenen Schwester

Da gibt es zum Beispiel die Farbtuben: „4 Stück Temperafarben. Rot, blau, gelb, weiß.“ Die Mutter der Künstlerin hat sie als Kind geschenkt bekommen und bis heute aufgehoben: „Ich habe immer die Tuben geöffnet, habe an den Farben gerochen. Ich habe sie aber nicht benutzt, weil ich nicht wollte, dass sie alle werden. Nur von dem Weiß ist ein bisschen raus“. Oder das Stövchen aus dem Jahre 1938, das einer der Senioren als Erinnerung an die Schwester aufgehoben hat. Sie starb  1939 mit nur 35 Jahren und hinterließ zwei Kinder. Das Stövchen ist eines der berührendsten Ausstellungsstücke und wird im Gegensatz zu den anderen Erinnerungsobjekten, die meist nur abfotografiert wurden, auch als Gegenstand gezeigt. Sowieso spiegelt sich Martina Beckers lobenswerter Zugang zur Thematik leider nicht immer in der künstlerischen Umsetzung.

Die Künstlerin Martina Becker inmitten der Objekte gespeicherter Erinnerungen.

Neben großformatigen, verfremdeten Fotos der Senioren hängt Selbstgebasteltes. Zwischendrin werden Zitate aus den Gesprächen präsentiert und natürlich auch die Erinnerungsstücke. Dann gibt es noch die vielen Zettel, auf denen Besucher aufschreiben konnten, mit welchen Gegenständen sie bestimmte Erinnerungen verbinden. Das hat dann allerdings nicht unbedingt etwas mit dem Thema Alter zu tun. So wirkt die Installation an manchen Stellen wie ein buntes Sammelsurium aus Eindrücken und Gegenständen, das ein einheitliches Konzept vermissen lässt. Vielleicht hat Martina Becker mit „Das Gedächtnis der Teekanne“ aber auch genau das beabsichtigt. Denn Erinnerungen sind oft nicht eindeutig, sondern konfus.

 

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