von am 14. November 2011

Mit dem Wegzug des jüdischen Theaters an die Friedrichstraße hat Neukölln seine einzige jüdische Institution verloren. Diesen Sonntag hat es seine Pforten an neuer Stelle geöffnet – ein Reisebericht.

Angekommen. „Man findet immer noch einen Weg“, sagt Dan Lahav, der sich allen Widerständen zum Trotz seinen Traum erfüllt hat. Lange hat seine Reise gedauert, an vielen Stationen Halt gemacht, Höhen und Tiefen überwunden. Nicht ohne Stolz präsentiert der Intendant die neuen Räumlichkeiten des jüdischen Theaters Bimah im Seitenflügel des Admiralpalastes. Hinter der Glastür im dritten Stock eröffnet sich ein langer weißer Rundgang, vorbei an einigen verschlossenen Türen und einer kleinen Bar. Eine dieser Türen führt schließlich in den neuen Saal des Theaters. Die Sitzreihen sind bereits aufgestellt und angeschraubt, das schwarze Bühnenpodest ist durch einen Anbau – früher rund – zu einem Rechteck erweitert. Die Kante scheint noch leicht durch die Übermalung. Das Bimah, hebräisch für die Mittelbühne, hat sein Ziel erreicht.

Kein Theater von Juden für Juden

Die Reise von Dan Lahav hat in Israel begonnen, als er 1946 dort geboren wurde. Seine Familie stammt eigentlich aus Hamburg und Umgebung, war seit Generationen dort ansässig, bis die Machtergreifung Hitlers seine Eltern ins Exil zwang. Der Großteil der Familie hat den Holocaust nicht überlebt. Dementsprechend sieht er in der Aufarbeitung der Judenverfolgung das notwendige Fundament seiner künstlerischen Arbeit. „Die Aufgabe von so einem Theater, das ich eröffnet habe, ist zuerst einmal, das Unvorstellbare, was hier passiert ist, immer im Gedächtnis zu behalten.“

Lahav wollte kein Theater von Juden für Juden machen, sondern jüdisches Leben Deutschen näher bringen und wieder als Bestandteil der deutschen Kultur integrieren. Das Bimah veranstaltet regelmäßig den Abend „Shabat Shalom“, der Gästen einen spielerischen Einblick in jüdische Traditionen und Kultur gewährt, in dem die Darsteller das Publikum die Zeremonie einer traditionellen Shabat-Feier miterleben lassen, inklusive jüdischen Humors und Essens.

„Die Liebe zu Europa“

Bevor ihn seine Reise nach Deutschland führte, absolvierte er ein Theaterstudium an der Universität in Tel Aviv, war als Schauspieler an verschiedenen Theatern in Israel tätig und führte Regie. Irgendwann begann ihm jedoch die räumlich begrenzte Kulturszene Israels zu klein zu werden und ihn einzuengen. „Die Liebe zu Europa“ habe ihn letztlich hierher gebracht, aber natürlich auch die Suche nach den Wurzeln der eigenen Familie, der Straße in Hamburg, in der sie gewohnt hatten, das Kaufhaus in Altona, das ihnen einmal gehört hatte.

Neben Vergangenem, bleibt der Faschismus der Gegenwart ein andauerndes Thema des Theaters. Solange Deutschland die NPD und Co marschieren lasse, sei das Kapitel jüdisches Theater längst nicht beendet. „Es ist noch keiner mit Schildern auf die Straße gegangen, auf denen steht: ‚Ich hab kein Bock mehr, die NPD finanziell zu unterstützen.‘ – Darum geht es dem jüdischen Theater: Farbe zu bekennen.“ Auf die Palästina-Frage angesprochen, bleibt die Farbe jedoch aus. „Ich bin kein politisches Theater. Grundsätzlich nicht.“

Neuköllner Orient

Mit dem jüdischen Theater in Berlin, dem einzigen jüdischen Theater in Deutschland mit regelmäßigem Spielbetrieb, ist Dan Lahav nun schon seit zwölf Jahren tätig, ohne öffentliche Förderung zu erhalten. Die letzte Station des Theaters war fünf Jahre lang in der Jonasstraße in Neukölln. „Neukölln war für mich sehr spannend. Ich habe mich wie zu Hause gefühlt, richtig wie im Orient.“ Als das Bimah dorthin zog, sprach noch niemand vom Szenebezirk. Und obwohl der Start dort sehr gut verlief, wurden die Zuschauerzahlen immer weniger. Die Mehrheit der Neuköllner hätte nicht das Geld gehabt, sich den Theaterbesuch zu leisten und viele Gäste hatten Angst, nachts die öffentlichen Verkehrsmittel in Neukölln zu nutzen – auch wegen des rechtsgerichteten Anschlags auf einen benachbarten Buchladen in der Jonasstraße im letzten Jahr.

Die alte Spielstätte des Bimah in der Jonasstraße in Neukölln

Den letzten Ausschlag hat schließlich ein Eigentümerwechsel gegeben. Der neue Eigentümer habe begonnen, die Wohnungen im Haus zu sanieren und die Mietpreise dementsprechend zu erhöhen. Gleich welche Mietsteigerung, sie wäre bei der Größe von 700m²  des Theatersaals im Erdgeschoss nicht zu bezahlen gewesen. Als sich die Gelegenheit mit dem Admiralspalast ergab, griff Dan Lahav schließlich zu und verließ Neukölln samt Theater. Nun ist das jüdische Theater also an „Berlins Broadway“ heimgekehrt.

„Irgendwo auf der Welt, gibt’s ein kleines bisschen Glück“

Heimgekehrt. Wenn auch der Heimatbegriff, ausgerechnet dieses bedeutungsgeladene deutsche Wort, unpassend erscheinen mag – wer das Funkel in den Augen Dan Lahavs wahrnimmt, wenn er den „Broadway Boulevard“ Friedrichstraße anpreist, weiß, dass ihm der Einzug in den Seitenflügel des Admiralspalastes mehr bedeutet, als nur ein neues Zuhause für sein Bimah gefunden zu haben. Der Umgebung des Admiralspalastes, das Scheunenviertel, der Hackische Markt und die Höfe sind eng mit der jüdischen Geschichte Berlins verknüpft. Um die große Synagoge in der Oranienburger Straße spielte sich ein Großteil des jüdischen Lebens ab, blühte das Kulturleben. Vom Zurückkehren an den historischen Ort ist auf der Homepage des Theaters die Rede.

Auch auf der Bühne des Admiralspalastes selbst haben viele große jüdische Künstler gestanden. Fritzi Massary, eine österreichisch Operettensängerin und „eine Königin dieses Hauses“, habe in diesem Haus für Furore gesorgt, erzählt Lahav. „Warum soll eine Frau kein Verhältnis haben“ sang sie in einem ihrer Lieder. Ein Skandal zu dieser Zeit. Friedrich Hollaender sei im Haus ein- und ausgegangen, habe hier komponiert. Die Comedian Harmonists traten hier auf – die Hälfte des sechsköpfigen Berliner Gesangsensembles hatte jüdische Wurzeln.

„Irgendwo auf der Welt, gibt’s ein kleines bisschen Glück“ – das Lied, von Werner Richard Heymann geschrieben, hatten die Comedian Harmonists 1932 veröffentlicht. Aus der Sehnsucht und der Schwermut seiner Zeilen lässt sich vielleicht erahnen, wie sich Heymann angesichts des aufkommenden Nationalsozialismus gefühlt haben muss. Ein Lied, sinnbildlich für die ewige Suche der jüdischen Kultur nach einer Heimat und für die Reise Dan Lahavs und seiner Familie. Wenn er die Räume im Admiralspalast als „Endstation Zukunft“ bezeichnet, dann hat er hoffentlich sein kleines bisschen Glück gefunden.

Das jüdische Theater Bimah feierte am Sonntag, den 13. November 2011 mit der Premiere von „Das Geheimnis der Pianistin in der 5. Schublade“ seine Eröffnung.

 

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