von am 2. März 2013

Was tun, wenn es beim Nachbarn rumpelt, wenn es richtig laut wird und jemand schreit? Beim Forumtheaterabend im Heimathafen war das Publikum aufgefordert, nicht tatenlos zuzuschauen. Es mischte sich ein.

Jeder kann alles. Sagt Augusto Boal. „Alle Menschen können Briefe austragen, sogar Briefträger“, „ein Land regieren, sogar Politiker“, „alle Menschen können Kriege führen, sogar Soldaten“ oder eben: „Theater machen, sogar Schauspieler“.

Mit der „Parade der Spielfiguren“ begann am Mittwoch ein Theaterabend im Heimathafen Neukölln. Auftritt einer nicht mehr ganz so jungen Mutter, die ihre Töchter am liebsten mit Sahnetorte verwöhnt – damit sie etwas von ihrer jugendlichen Schönheit einbüßen. Gefolgt von eben jenen, Luise und Sophie, letztere das Nesthäkchen, das am liebsten Einzelkind wäre. Dazu noch Sophies Freund Eugen, der Fußball genauso liebt wie edles Porzellan. Sie versammeln sich an der Kaffeetafel der Mutter, üben gepflegten Smalltalk, dann bemerkt Luise etwas Ungewöhnliches, etwas ungewöhnlich Lautes: Schreie in der Wohnung oben drüber. Alle anderen hören angeblich nichts. Zumindest nichts, das beunruhigen sollte.

Theater als Probehandeln

Wir sind mitten in der Szene eines so genannten Forumtheaters, veranstaltet von der Berliner Initiative gegen Gewalt an Frauen, kurz BIG e.V. „Keine Angst vor Hilfe!“, so ist der Abend übertitelt, und dabei geht es nicht nur um Aufklärung, sondern darum, Initiative zu zeigen. Der Brasilianer Augusto Boal ist der Erfinder des Forumtheaters. Darin holt er das Publikum von seiner Beobachterposition, fordert es explizit auf, die Szenen auf der Bühne zu diskutieren und mitzugestalten. Ein Joker animiert die Zuschauer, moderiert den Prozess, im Heimathafen ist das der Theaterpädagoge Harald Hahn.

Kennt das jemand im Publikum, Poltern oder Schreie in der Nachbarwohnung? Den Hang dazu, abzuwiegeln? Die dringliche Frage, was tun? Erst nur verhaltenes Nicken, dann berichtet die eine von dem weinenden Kind nebenan mit dem prügelnden Vater, der auch ihr Angst machte. Eine andere von einem übel ausgegangenen Versuch einzugreifen, bei dem ihr Bruder zusammengeschlagen wurde. Noch jemand von der Frau mit Kind auf der Straße, flüchtend vor ihrem Mann. Alle griffen ein, riefen zumindest die Polizei. Doch heute Abend auf der Bühne kommen die Sorgen von Luise kaum gegen den Smalltalk der Weghörenden an. Was also tun? Im Forumtheater wird das Eingreifen auf der Bühne zum Probehandeln. Es gilt zu trainieren für die Wirklichkeit. Ein Freiwilliger nach dem anderen schlüpft in die Rolle von Luise, plädiert dafür, gemeinsam hochzugehen, die Leute zur Rede zu stellen oder auch freundlich nach Eiern zu fragen – in dieser konkreten Szene alles ohne Erfolg.

Spirale häuslicher Gewalt durchbrechen

Jenni Rotter von BIG e.V. sitzt ebenfalls im Zuschauerraum. Sie warnt davor, dass sich in akuten Situationen einzuschalten auch eskalierend wirken kann, oder die Scham des Täters sich wiederum in Gewalt gegen sein Opfer entlädt. Manchmal könne es auch hilfreich sein abzuwarten und ein ruhiges Gespräch mit dem Opfer allein zu suchen, um nachzufragen und Hilfe anzubieten.

In einem weiteren Szenario wird durchgespielt, wie die Spirale aus häuslicher Gewalt, häufigen Krankmeldungen und drohender Kündigung durchbrochen werden kann. Schwierigkeiten liegen darin, die Privatsphäre von Betroffenen zu wahren, die Auslegung von Opfer sein als Schwäche und auch der Druck der Vorgesetzten. Einfach zu beantworten sind die Fragen, die das Bühnengeschehen aufwirft, nicht. Beruhigend ist an diesem Abend allerdings, dass sich das Publikum engagiert. Denn dass die Einmischung oder eben auch die Zurückhaltung im Theater ein Spiegel der Handlungen in der Realität da draußen sind, das machen einem die eigenen inneren Dialoge als Zuschauer klar. Angst spielt eine Rolle und tatsächlich aktiv zu werden, fällt kaum jemandem leicht. Bleibt, sich einzubläuen: Jeder kann was verändern, nur nicht die Weggucker.

 

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