von am 15. Juni 2011

Bushido und Kay One spielen ein solides Konzert im Huxleys, halten aber offenbar selbst nicht viel davon.

Manche Fragen kann man sehr häufig stellen an einem Abend. „Wo sind eure Hände, Berlin?“, ist so eine Frage. Oder: „Berlin, habt ihr noch Bock auf ein bisschen Musik?“ Schlecht ist, wenn man solche Fragen häufig stellen muss.

„Habt ihr noch Bock auf ein bisschen Musik?“ Jubel, Klatschen, Hände hoch. Dann wieder ruhig.

Bushido und Kay One, zwei der größten Talente des deutschen Sprechgesangs, haben Schwierigkeiten, ihr Publikum beim Konzert in Huxley‘s Neuer Welt an der Hasenheide warmzukriegen. Immer wieder müssen sie ihr Publikum auffordern, sich zu beteiligen. Denn dies sei das letzte Konzert der Tour und bisher sei Hannover die lauteste Stadt gewesen, die Nummer eins. Das müsse sich ändern.

Berlin ist beste, egal, was du jetzt sagst

„Wer ist die Nummer eins, Berlin?“ ruft Kay One und Berlin bleibt keine andere Möglichkeit, als sich große Mühe zu geben, um Nummer eins zu werden. Schließlich ist das hier Heimat, das ist heute eine große Party und nicht zu vergessen: Berlin ist beste. Auch wenn das Konzert bei weitem nicht ausverkauft ist.

Und so wird so laut wie möglich das Riff von „Seven Nation Army“ bemüht, wie es in mittlerweile jeder Oberliga-Arena der Republik passiert. Hände werden dazu geschwenkt. Alles prima. Nur hat man den Eindruck, dass es Kay One, aber vor allem Bushido überhaupt nicht interessiert, was das Publikum macht.

Sie blödeln ein wenig auf der Bühne rum und unterbrechen ihre Gespräche offenbar nur ungern für ein wenig Musik. Begleitet von einer tighten Drei-Mann-Band, solidem Sound und einer einwandfreien Lichtshow spielen sie sich durch ältere, mittlere und neue Songs von Bushidos immerhin zehn Alben umfassendem Repertoire. Kay One mit roter Lederjacke und Sonnenbrille hat sich ein bisschen mehr aufgebrezelt als der eigentliche Hauptverantwortliche Bushido, der sich für ein weißes T-Shirt aus seiner eigenen T-Shirtreihe entschieden hat. „It’s good to be the King“, liest man darauf.

Kay One ist auch der, der weitaus mehr Anteile an dem Gesamtgeschehen hat, unterbricht das abnudeln der Hits immer wieder durch mehr oder weniger gelungene Freestyleeinlagen, während derer sich Bushido am Bühnenrand etwas ausruhen kann. Kay One ist es, der sich immer wieder die Mühe macht, das Publikum zu animieren, während Bushido es vorzieht seine Mutter zu grüßen, die begeistert auf der Tribüne im hinteren Teil des Huxleys die Arme schwenkt und ihrem Sohn zuwinkt, der Mama stolz machen wollte und mittlerweile stolz gemacht hat: „Zeiten ändern dich“.

Ist Spaß, Mama, du weißt, dass ich nicht kiffe

Der Abend ist geprägt von dieser biederen Spießigkeit, mit der Bushido, alias Anis Mohamed Youssef Ferchichi, mittlerweile kokettiert und die immer wieder für ein paar Witze über Drogen, Schwänze und Schwule unterbrochen wird. Es ist ein Konzert, bei dem kleine Cousins auf die Bühne gebeten werden, um mitzurappen, bei dem Mutter und Freundin gegrüßt werden und bei dem von einer Stadt wie Hannover als „Nummer eins“ geredet wird. Es ist ein Konzert, bei dem die dreiköpfige Band artig vorgestellt wird. Ajani, der Rastamann aus Jamaika an Keyboards und Samplern. Chris, den man gerne verarscht und der, so erzählt Bushido, 2.400 Euro für seinen Job kriegt. Uwe, der „wie meine Mutter aus Würzburg“ kommt.

Und den Bushido mit dem unsterblichen Satz dem versammelten Gangsta-Publikum präsentiert: „Macht mal Lärm für Uwe!“

Es ist ein bisschen wie bei „Wetten, dass..?“ Bei weitem keine schlechte Show, denn Bushidos Musik ist weit davon entfernt, schlecht zu sein. Aber ein wenig altbacken, so wenig überraschend wie der Geschmack von Apfelsaft, auch wenn Apfelsaft mehr Tradition hat als Bushidos Musik. Das weiß Bushido vermutlich und deshalb braucht er gar nicht so zu tun, als ob ihn das, was da gerade passiert, besonders angeht.

Nur einmal, mitten in der Show, ist das anders.

Bushido und Kay One suchen ein Mädchen, das auf die Bühne kommt, um zu singen. „In 23 Städten haben wir es versucht, und von den 23 Mädchen war eine schlechter als die andere“, verkündet der King im weißen T-Shirt. Hamburg sei dabei besonders negativ aufgefallen. Eine gewisse Melina habe täuschend echt das Geräusch einer sterbenden Katze imitiert.

Nach ein bisschen Gekreische von den Damen im Publikum und einer Abmahnung für einen der Jungs, die sich auch melden – „Guck mal noch mal unten nach, ob du ne Frau bist. Du hast ja auch oben nix, keine Titten. Du bist ein Kerl.“ –, entscheiden sich die beiden Haudegen für Jenny, 20, aus Luckenwalde. Jenny arbeitet als Bürokauffrau und Jenny hat ein Problem. Sie will nämlich nicht singen: „Ich hatte gehofft, wenn ich laut genug schreie, komme ich auf die Bühne und kann ein Foto mit dir machen.“ Ohne Photo und von Schmährufen begleitet muss sie die Bühne verlassen und wird vom Ordner fachgerecht über die Absperrung gehievt.

Wir rappen dann jetzt auf Chinesisch

Auf gleiche Art und Weise kommt kurz darauf Irina auf die Bühne. Irina, 16, aus Cottbus, hat auch eine Kamera dabei und ebenfalls ein Problem. Sie möchte gerne singen, aber auf Russisch. Das passt Herrn Ferchichi nicht in den Kram: „Ich kann kein Russisch.“ Er bietet dem dünnen Mädchen, das weiße Buffallo’s zu schwarzen Strumpfhosen trägt, Alternativen an. Rihanna zum Beispiel, oder auch was Deutsches. Kann Irina alles nicht und so erteilen die beiden Masterminds der jungen Dame großzügig die Erlaubnis, in der Sprache Stalins etwas zu singen. Wie erwartet geht das, was auch immer Irina zu singen hatte, in den Buhrufen des Publikums unter. Kein Problem für Irina, sie lächelt das weg.

Auch Bushido und Kay One beeiern sich wortreich über sie. Dafür ist sie da, deshalb wurde sie schließlich auf die Bühne gebeten. Für einen Moment scheint Bushido tatsächlich Spaß zu haben.

 

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