von am 15. Juni 2013

Sven Carl Gusowski in der Rolle des mittelmäßigen Kontrabassisten. Foto: Max Büch

Ein Mann, sein Instrument und jede Menge Aggressionen. Patrick Süskind’s Einakter „Der Kontrabass“ wird mit „Er Kontra Bass“ bei den 48 Stunden minimalistisch in Szene gesetzt. 

Er schwitzt, er schnauft, er wälzt sich auf dem Boden. Jackett an, Jackett aus, nichts mag so recht passen. Vielleicht weil er selbst nicht passt. Er streift sich die Boxhandschuhe über. Er kämpft gegen einen unsichtbaren Gegner. Er kämpft gegen sich. Er wird diesen Kampf verlieren. Weil er ein Verlierer ist. Weil er schon immer ein Verlierer war.

Der Monolog „Der Kontrabass“ von Patrick Süskind, ursprünglich als Hörspiel konzipiert, wurde 1980 zunächst in der Fachzeitschrift „Theater Heute“ veröffentlicht. Nach der Uraufführung am Münchener Cuvilliéstheater folgten zahlreiche Inszenierungen an deutschen Bühnen. 1984 nahm der Diogenes Verlag das Stück in sein Programm auf. Ein Jahr später landete der scheue und großartige Autor Süskind, der kaum Interviews gibt, mit „Das Parfum“ einen Welterfolg.

Einsame Sonderlinge

Süskind’s Protagonisten sind Sonderlinge, die ihren Platz in der Gesellschaft nicht finden und an zwischenmenschlichen Beziehungen scheitern. Das Ein-Mann-Stück „Der Kontrabass“ spielt in einem schalldichten Musikzimmer, in dem ein 35-jähriger namenloser Kontrabassist (Staatsorchester, 3. Pult) mit seinem Leben und seinen Träumen hadert. Der Kontrabass – dieses wuchtige Instrument, das nie ein Solo spielen darf – wird von dem mittelmäßigen Musiker im Verlaufe des Stücks immer mehr zur Wurzel allen Übels stilisiert. „Können Sie mir sagen, wieso ein Mann Mitte Dreißig, nämlich ich, mit einem Instrument zusammenlebt, das ihn permanent behindert?! Menschlich, gesellschaftlich, verkehrstechnisch, sexuell und musikalisch nur behindert?!“

Christian D. Fischer, der das Stück im „Alter Roter Löwe Rein“ in der Richardstraße auf die Bühne bringt, bleibt in seiner Fassung nah an der Textvorlage. Mit Sven Carl Gusowski hat er einen Schauspieler gefunden, der dem Monologcharakter des Stücks durchaus gewachsen ist und den kleinen kappellenähnlichen Raum, den die Zuschauer durch ein Fenster betreten, mit seiner schauspielerischen Präsenz füllen kann. Das tröstet dann auch über die Längen dieser 40-minütigen Inszenierung hinweg, die ohne Musik und mit nur wenigen Requisiten auskommt. Ein Läufer, ein Notenständer, eine kleine Treppe, auf der Gusowski immer wieder umherturnt und abzustürzen droht – mehr Beiwerk hat der Darsteller nicht, um den Zuschauer in die seelischen Abgründe seiner Figur blicken zu lassen.

Inzestuöser Geschlechtsverkehr 

„Ich kenne Menschen, in denen steckt ein ganzes Universum. Aber herauskriegen tut man es nicht. Ums Verrecken nicht.“ Das Universum des Kontrabassisten dreht sich in der Buchfassung auch um die unerfüllte Liebe zur Sopranistin Sarah. In Fischer’s Fassung spielt dieser Handlungsstrang kaum eine Rolle. Eine kluge Entscheidung, denn so kann die Beziehung zu den Eltern ihre perfide Wucht entfalten. „Ein typisches Kontrabassistenschicksal… dominanter Vater, Beamter, unmusisch; schwache Mutter, Flöte, musisch versponnen; … die Mutter liebt den Vater; der Vater liebt meine kleinere Schwester; mich liebte niemand.“ In Freud’scher Manier resultiert daraus eine tägliche Vergewaltigung des größten der weiblichen Instrumente – als inzestuöser und symbolischer Geschlechtsverkehr mit der eigenen Mutter.

Gusowksi hat, als er diese Stelle vorträgt, die meisten Lacher im Publikum. Das Lachen bleibt aber spätestens am Ende des Stücks im Halse strecken. Die sowieso schon dünne Luft im Zuschauerraum findet ihre performative Entsprechung, als der Schauspieler  – inzwischen ohne Worte – seine Sprachlosigkeit mithilfe einer Tüte zu verdeutlichen versucht. Vergeblich.

ER KONTRA  BASS, Alter Roter Löwe Rein, Richardstraße 31, PAS-25 Sonntag, 16 und 18 Uhr

Die Veranstalter nehmen leider Eintritt! (3-5 Euro)

 

Ein Kommentar:

  • Leider enthält der obige Artikel einige Falschangaben, die wir nachfolgend korrigieren. Hier unser Faktencheck zum Artikel „Ein typisches Kontrabassistenschicksal …“ von Karolin Korthase (neuköllner.net)

    (1) Die Beschreibung der Vorstellung als „40-minütige Inszenierung“
    ist irreführend, da sie den Anschein erweckt, es handle sich bei der beim Festival gezeigten Version um eine fertige Inszenierung. Es ist jedoch (wie den Ankündingungen auf unserer Webseite, Facebook sowie Infozetteln bei der Vorstellung zu entnehmen) eine Preview-Fassung – speziell für das Festival 48 Stunden Neukölln. Die endgültige abendfüllende Inszenierung wird auf Grundlage dieser Fassung entwickelt.

    (2) Die Aussage „Christian D. Fischer bleibe in seiner Fassung nah an der Textvorlage“
    überrascht uns, sofern die Autorin mit Umfang und inhaltlicher Schwerpunktsetzung des Originaltexts vertraut ist. Unsere Arbeit ist lediglich „inspiriert von Motiven“ des Texts „Der Kontrabass“, wie auch in den Infos zu der Vorstellung zu lesen ist. Unsere Bearbeitung rückt den Kampf gegen sich selbst in den Mittelpunkt, fügt mit Themen wie Autodestruktivität, den Folgen sozialer Vereinsamung und Obdachlosigkeit dem Originaltext neue Aspekte hinzu und löst sich von der Vorlage.

    (3) Die Behauptung, „Die Veranstalter nehmen Eintritt“ …
    .. ist falsch. Der Eintritt zu den Veranstaltungen ist – in Rücksichtnahme auf die Philosophie des Festivals und weil es sich um eine Preview-Version handelt – frei. Das wird sowohl schriftlich als auch mündlich am Empfang deutlich gemacht. Es wird lediglich auf die Möglichkeit einer Spende im Bereich von 3-5 Euro hingewiesen. Jede/r Zuschauer/in entscheidet selbst, ob und in welcher Höhe er/sie die Arbeit auch finanziell unterstützen möchte.

    Wir bedauern, dass die Autorin die Möglichkeit ungenutzt gelassen hat, sich im Vorfeld und vor Ort genauer über die Arbeit sowie die Rahmenbedingungen zu informieren und mit uns ggf. ein kurzes Gespräch zu führen, da wir alle anwesend und ansprechbar waren.

    Christian D. Fischer
    Sven Carl Gusowski
    für weristjack

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