von am 25. Juni 2015
Eine Sitzung bei Valentin Hirsch  kann bis zu 6 Stunden dauern. Foto: Georg Schober

Eine Sitzung bei Valentin Hirsch kann bis zu 6 Stunden dauern. Foto: Georg Schober

Tätowieren kann Kunst sein. Das wird dem Betrachter spätestens dann bewusst, wenn er Valentin Hirschs ersten Bildband, Symmetries, aufschlägt, der im Übrigen bei Distanz erschienen ist, einem Kunstverlag. Wir haben das Buch genauer unter die Lupe genommen und den Künstler zum Gespräch getroffen.

Text: Karolin Korthase und Philipp Fritz

Hier tätowiert Hirsch seine Klienten. Foto: Max Büch

Hier tätowiert Hirsch seine Klienten. Foto: Max Büch

Valentin Hirsch (Jahrgang 1978) betreibt sein Studio in der Wildenbruchstraße. Ein schlichtes Logo mit seinen Initialen prangt außen an der Tür, drinnen steht die Tätowierliege vor kahlen weißen Wänden. Eine klinische Atmosphäre, in der nur ein paar Skizzenblätter mit Tierköpfen ins Auge fallen. Hirsch ist begehrt, hat sich in kurzer Zeit einen Stil erarbeitet, den auch Menschen außerhalb der Tattoo-Szene erkennen. Der aus Eschwege stammende Künstler arbeitet nur Schwarz-weiß, er entwirft und tätowiert seine eigenen Motive, über die seine Kunden sich mit ihm erst einig werden müssen. Es kann schon mal vorkommen, dass jemand, der Monate auf seinen Termin gewartet hat, Hirschs Studio verlässt, ohne gestochen worden zu sein.

Hirsch ist für seine Kombinationen aus Tier- und Menschenschädeln bekannt. Foto: Valentin Hirsch

Hirsch ist für seine Kombinationen aus Tier- und Menschenschädeln bekannt. Foto: Valentin Hirsch

Valentin Hirsch: Die meisten Klienten kommen mit einem konkreten Wunsch, der auf einer vergangenen Arbeit von mir basiert. Dann ist für mich die Frage, wo befinde ich mich gerade. Ich hatte jetzt eine Phase, in der ich ein bisschen kritischer war. Da habe ich auch vielen Leuten abgesagt, weil sich oftmals Dinge wiederholen – ich aber den Anspruch habe, immer etwas Neues zu machen. Ich gebe jedem einen individuellen Entwurf. So entsteht ja auch die Weiterentwicklung. Bei mir sind zwei gestochene Bilder niemals identisch.

Valentin Hirsch in seinem Studio in der Wildenbruchstraße. Foto: Max Büch

Valentin Hirsch in seinem Studio in der Wildenbruchstraße. Foto: Max Büch

Dieser Ansatz erscheint für die Tattoo-Szene elitär und steht dem gegenüber, was viele immer noch mit Tinte und Haut verbinden: Knastis, Hafenarbeiter, die eigene Haut als Erzählerin, als Ausdruckshilfe für jedermann – nicht als Bilderrahmen für einen Künstler. Im deutschen Gesundheitswesen wäre Valentin Hirsch die Privatkasse. Gut für diejenigen, die sie sich leisten können. Tatsächlich aber sind diese Allüren notwendig, wenn jemand es als Tätowierer in einen Bildband schaffen möchte.

Das ist ja die spannende Frage: Was ist das, was ich da mache? Ich muss jetzt nicht bestätigt bekommen, dass das Kunst ist, damit es wertiger für mich ist. Kunst bedeutet für mich, dass alles möglich ist und frei. Es ist ein sehr offener Begriff. Tattoos und die Tattoo-Szene, die ich intensiv über die letzten Jahre kennengelernt habe, sind für mich sehr begrenzt und verharren stark in ihrem Kontext. Da wird sich kaum getraut, etwas in andere Zusammenhänge zu setzen. Ich zeichne meine Bilder letztlich in Haut, scheißegal, wie man das findet.

Valentin Hirschs erster Bildband: Symmetries.

Valentin Hirschs erster Bildband: Symmetries.

Symmetries. Das ist nicht verschwurbelt oder aus dem Himmel gegriffen. Von der ersten Seite an wird das Konzept klar, die Idee, die sich durch den gesamten Band zieht. Philosophisch kann Natur Chaos sein, eine Kraft, die der Mensch nicht bändigen kann. Hirsch versucht es. Er verbindet seine Tiergestalten mit Linien, geometrischen Formen und presst sie dadurch in eine Art System. Da erscheint ein Fuchs vor etwas, das eine Raute sein kann, zwei Krähen ringen mit Kreisen und immer wieder Totenschädel. Elemente werden voneinander getrennt und hören doch nie auf, Eins zu sein.

Tiere sind extrem faszinierend und sie eignen sich hervorragend für Motive in Haut. Ich recherchiere immer anhand von Naturfotos. Ich will einen Löwen, wie er fotografisch realistisch ist. Dem setze ich dann einen abstrakten Moment entgegen. Am Ende entsteht ein Bild, das einmalig ist und nichts mehr mit der ursprünglichen Quelle zu tun haben muss. Mich reizt dabei vor allem die Komposition und nicht irgendeine Bedeutungsaufladung. Ob jetzt jemand den Tiger haben will, weil sein Sohn im chinesischen Tierkreiszeichen Tiger steht, interessiert mich nicht. Ich mache auch nicht alles. Bei Oktopussen wird es problematisch und von Füchsen war ich irgendwann sehr angenervt. Aber am Ende habe ich vielleicht höchstens 20 Füchse gemacht – was ist das schon …

In Symmetries wird auch der künstlerische Werdegang des Tattoo Artists beschrieben. Foto: Max Büch

In Symmetries wird auch der künstlerische Werdegang des Tattoo Artists beschrieben. Foto: Max Büch

Symmetries zeigt nicht nur ein künstlerisches Repertoire, sondern erzählt auch die Schaffensgeschichte von Valentin Hirsch. Von seinen Grafiken hin zu Bildern von seinem Werkzeug, seinem Studio, dem Arbeitsprozess und den Tätowierungen.

Ich bin 2010 nach einem abgeschlossenen Kunststudium in Wien mit nichts nach Berlin gekommen. In einem Tattoo-Studio in der Weserstraße habe ich dann zunächst als kleiner Diener nur Leute reingelassen und Kaffee gekocht. Dort ging es dann Stück für Stück los mit dem Tätowieren von Cover-Up’s, Namen, Sternchen. Jetzt bin ich zum Glück an einem Punkt, an dem ich nur noch das machen kann, was ich wirklich will.

Jeder Klient wird nach der Sitzung fotografiert. Foto: Valentin Hirsch

Jeder Klient wird nach der Sitzung fotografiert. Foto: Valentin Hirsch

Der Bildband Symmetries ist aufwendig und dennoch zurückhaltend gestaltet. Er ist einer dieser Gegenstände, die beim Kunden in einem Buchladen schnell den Haben-Wollen-Reflex auslösen, wie ein Moleskine-Heft oder ein japanischer Druckbleistift. Letztere bleiben leider oft ungenutzt, und auch Symmetries ist nur ein kurzweiliges Vergnügen. Nach zweimaligen Durchblättern ist zwar klar: Da ist jemand, der hat seinen eigenen Stil, dessen Kunst kommt von Können, nicht von Wollen. Doch leider sind die Motive wenig abwechslungsreich, das schadet dem Bildband, so schön er auch sein mag.

Ich mache eigentlich nur Tiere, was authentisch ist, weil ich mich seit langer Zeit auf etwas fokussiere und nicht auf einmal damit angefangen habe, Mandalas oder Comicfiguren zu stechen. Natürlich ähneln sich manche Tierfiguren, ich versuche aber nie ein Bild zu imitieren, das ich schon einmal gestochen habe. Letztlich interessieren mich nur die letzten fünf Bilder und die Zukunft.

Ein Blick auf Valentin Hirschs Tätowierkunst lohnt sich. Seine wilden Tiere und Totenschädel haben Tiefe und bisweilen auch Anmut. Für Tattoo-Kenner ist Symmetries eine Bereicherung, für Käufer von Bildbänden der großen Meister, ein Ausflug in fremde Welten.

valentinhirsch.com
Symmetries, Distanz Verlag, 200 Seiten, 25 x 20 Zentimeter, 40 Euro 

Am 25.06. präsentiert Valentin Hirsch seinen Bildband im KulturKaufhaus Dussmann, Beginn 19 Uhr, Eintritt frei 

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Ein Kommentar:

  • Drea sagt:

    Schade, dass den Autoren offenbar sowohl das Verständnis als auch das Interesse für Tattookunst fehlen. Sonst hätten sie wohl kaum mit den üblichen Tattoo-Klischees um sich geworfen und die präzise Projektauswahl nicht als elitäre Allüren abgetan.
    Etwas Recherche hätte sich gelohnt, denn die Fülle außerordentlich begabter Tattookünstler, die in Berlin leben und arbeiten, macht die Stadt zum Zentrum der deutschen Tattooszene.
    Tattoos sind Kunstwerke, insofern ist es nur folgerichtig, dass ein solcher Bildband in einem Kunstverlag erscheint. Dass ein Künstler, der seinen ganz eigenen Stil entwickelt hat und auf diesen spezialisiert ist, nicht alles sticht, was der Kunde will, ist ebenso logisch. Nur so können Werke entstehen, die für Künstler und Kunde eine Bereicherung sind. Welchem bildenden Künstler würde man es zum Vorwurf machen, wenn er eine Auftragsarbeit ablehnt?
    Tätowierer sind keine reinen Dienstleister und die Auswahl der Projekte (nicht der Kunden!) ist unter guten Tätowierern längst Standard (und meiner Meinung nach auch ihr gutes Recht). Das heißt aber noch lange nicht, dass sie unerreichbar sind oder unbezahlbare Summen verlangen.

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