von am 23. September 2013

Aus Kafkas „Verwandlung“ macht Andreas Merz-Raykov ein Stück über den sozialen Untergrund und die Ablehnung von „Parasiten“, den Burnout-Opfern unserer Zeit. Hinter der vordergründigen schräg-burlesken Leichtigkeit artikuliert sich eine unerbittliche Abrechnung mit einem System, das die jungen Generationen dazu drängt, den Älteren nachzueifern, um nicht von ihnen verstoßen zu werden.

Text: Thibaut Martin / Übersetzung: Yasmine Salimi

Gregor ist unglücklich. Im Büro langweilt er sich und die Perspektiven, die seine Arbeit bietet, können ihn kaum begeistern. Der Alltag seines Vaters, dessen kleines Laster darin besteht, sich abends neben seinem Pudel auf dem Sofa ein Feierabendbier zu gönnen, ist auch nicht viel erheiternder. Als Gregor, gespielt von Alexander Ebeert, eines Morgens nicht aufsteht, um zur Arbeit zu gehen, können seine Eltern und seine Schwester nicht verstehen, dass er sich nicht länger dazu aufraffen kann, die Langeweile eines konventionellen Lebens zu ertragen. Die Grenze zwischen Mensch und Parasit liegt irgendwo zwischen dem gesellschaftlichen Nutzen eines Berufs und der Selbstverleugnung: zwei Kennzeichen des modernen Menschen, der sich mit einem ruhigen Leben in vorgefertigten Bahnen ohne besondere Vorkommnisse abfindet.

Auch wenn er Kafkas Werk treu bleibt, nimmt sich Andreas Merz-Raykov die eine oder andere Freiheit der Aktualisierung heraus, was sich für Dramaturgie, Dialogführung und Inzenierung des Stücks als sinnvoll erweist. Burn out oder bore out – der Parasit ist hier ein anderer, aber seine soziale Isolation ist dieselbe wie ein Jahrhundert zuvor, als Kafka „Die Verwandlung“ schrieb: In einer Welt, die mitten in der Finanzkrise steckt, ist kein Platz für einen untätigen Parasiten. Dieses Urteil schwebt Gregor das gesamte Stück über gleichermaßen lebhaft wie unausweichlich vor Augen. Drei verführerische, stepptanzende Käfer helfen ihm dabei, dieses unwürdige Schema F-Denken abzulegen: Vielleicht ist sein neues Leben ja gar nicht so erbärmlich.

Foto: Verena Eidel

Der Zuschauer teilt zweifellos die Aversion Gregors (Alexander Ebeert) gegen den Lebensentwurf des Vaters (Frank Büttner), Foto: Verena Eidel

Das Bühnenbild im kleinen Saal des Heimathafens, dem Studio, ist intelligent gemacht: Dank Drehbühne blickt man abwechselnd in Gregors Schlafzimmer oder in seine Küche. Beide Räume sind mit einem Fernseher ausgestattet, an den eine Kamera angeschlossen ist. Sie zeigt Gregors Seelenzustand, den er selbst nicht auszudrücken vermag. Beklemmenderweise kann der Zuschauer sich gut in Gregors Haut hineinversetzen, er kann sein Schweigen nachvollziehen, empfindet sein Leid mit und teilt zweifellos die Aversion gegen den Lebensentwurf des Vaters. An einer Stelle wird übrigens auf den „Brief an den Vater“ Bezug genommen, mit derselben ergreifenden Feinfühligkeit, in der er verfasst ist.

Abgesehen davon zeichnet sich das Stück durch bemerkenswerte Schauspieler wie Bärbell Bolle (Mutter) und Frank Büttner (Vater) aus, die seit „Zwei Krawatten“ von Georg Kaiser gut aufeinander eingespielt sind. Auch wertet der Pianist Felix Rüffel die Dynamik der Inszenierung musikalisch auf. Was sich schließlich besonders einprägt, ist Bärbel Bolles meisterhafte Darstellung von Gregors Mutter, die immer wieder skandiert: „Macht kaputt, was euch kaputt macht!“.

DER KÄFER
HEIMATHAFEN NEUKÖLLN

09.- 11. und 29.-30.10. / 19:30 Uhr / 10-15€

In Zusammenarbeit mit

Die Rezension von Thibaut Martin auf Französisch findet ihr bei Berlin Poche. Ins Deutsche übersetzt von Yasmine Salimi.

 

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