von am 7. Dezember 2015

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Lasst die Hunde los! Raus mit dem ganzen Kitsch und rein mit dem Spiel auf Leben und Tod: Der fucking underground muss ans Licht! Am Kampfhund in der Arena hinterm Ring hängt noch ein bisschen gegnerische Kehle, als unser Protagonist die zündende Idee hat zur Umgestaltung des Körnerparks. Teil 2 unserer Kurzgeschichtenreihe von Alexander Krug (zu Teil 1).

Die Kurzgeschichten wachsen mit jedem neuen Teil zu einem Buch heran. Du kannst zum lesen in den E-Book-Modus wechseln oder einfach darunter weiterlesen.

Zugegeben, am meisten beeindruckt haben mich die Ringrichter. Deren tiefe Gelassenheit da am Rande des Gemetzels, beide ganz offensichtlich nicht gewillt, in dieser Phase des Kampfes noch einmal einzugreifen, überdies ihr Zurücklehnen, dieses nahezu Verschwinden in der geifernden, schreienden Masse ohne sich von dieser auch nur annähernd berühren oder gar anstecken zu lassen; diese vollkommene Langeweile und das perfekt zur Schau getragene Desinteresse – das hatte schon was.

Einen Ort wie diesen hier zu finden, war nicht sonderlich schwer gewesen. Man hatte mich ja für die ersten Tage im Estrel untergebracht, diesem lieblos aus dem Boden gestampften Hotelkoloss, dessen Haupteinnahmequelle aus Messebesuchern und diesen sozialinzestuösen Kick-offs global agierender Firmen besteht. Sie können sich vorstellen, dass da in steter Regelmäßigkeit einiges an Erbrochenem zusammenkommt und in solch einem Kontext kann auch dem besten Inneneinrichter schon mal der Sinn für die etwas feinere Auslegeware abgehen. Ich erkannte die Zweckmäßigkeit dieses Gebäudes an – lehnte sie aber aus tiefster Überzeugung ab.

Die K.u.K.Masse

Nun lag das Hotel nur wenige Straßen hinter der Ringbahn, inmitten eines maroden Industriegebietes, in dessen verlassenen Anlagen Künstler und Kriminelle ihr jeweiliges Unwesen trieben. Dieser Gebäudekomplex war, so hieß es, einer der melting pots einer im sagenumwobenen Berliner Untergrund agierenden Gemeinschaft, die, so schien es mir, von einem doch recht unreflektierten Sozialdarwinismus geleitet wird, dem Glauben daran, dass das Leben von Konfrontationen und Kämpfen beherrscht werde. Solange ich in diesem scheußlichen Hotel zu wohnen hatte, trieb es mich immer öfter in diesen sogenannten Freiraum, trieb es mich hinein in die K.u.K.Masse.

Und man muss ja nunmal für eine gewisse Zeit eins werden mit den Menschen, die man seinen gesellschaftlichen und ideologischen Vorstellungen entsprechend redesignen möchte, muss Teil einer Gemeinschaft sein, so kitschig diese Phrase auch klingen mag; aber solche Gedanken schießen einem schon mal ein, wenn sich nur wenige Meter von einem entfernt zwei Kampfhunde ineinander verbeißen und um sie herum in den verschiedensten Sprachen geschrien, aber dabei ja doch nur ein und dieselbe Währung in die Höhe getrieben wird.

Ich war nie ein großer Befürworter einer gemeinsamen Währung und erst recht nicht, Gott bewahre, einer gemeinsamen Sprache gewesen – nur der Gedanke an die jeweiligen Wertverluste verursachte in mir starke Koliken; so fing ich also an, mich ein wenig mehr mit dem ersten Gedanken zu beschäftigen. Ich spielte diverse Szenarien durch, in denen Währungsunionen rückgängig gemacht oder gar ganz zerschlagen werden könnten. Und der Beweis, wie schnell aus solch einem Spiel Ernst werden kann, wurde mir schließlich von Arthur wie auf dem Präsentierteller serviert – einem American Pit Bull Terrier feinster Zucht, an dessen Lefzen nach gewonnenem Kampf noch ein wenig gegnerische Kehle hing.

Der fucking underground muss ans Licht!

Ich machte mir rasch ein paar Notizen, strich den mir zustehenden Gewinn ein und trank zwei schnelle, schale Efes – die einzige Möglichkeit den Ekel zu überwinden, der mich jedes Mal überkam, wenn ich mich wieder zwischen diese ausgebeulten Schreihälse einzureihen hatte. Ein weiteres Mal setzte ich alles auf Arthur und gab mich voll und ganz dem Wechselspiel zwischen den kämpfenden Hunden auf der einen und dem Publikum auf der anderen Seite hin, dem Kontrast zwischen der rohen, unbändigen und animalischen Kraft da im Ring und der jubelnden, enthusiastischen und zugleich kraftlosen Masse auf den Rängen dahinter; eine merkwürdige Dynamik, die dieser improvisierten Arena etwas dunkles und zwielichtiges verlieh, eine Stimmung, die mir irgendwie zuwider war – ich hielt es schon immer lieber mit den hellen, den zugänglichen, licht- und wahrheitsdurchfluteten Orten. Und während sich diese beiden Hunde da vor mir wieder ineinander verkeilten, nahm meine Vision für dieses Viertel mehr und mehr Gestalt an: Ich wollte den fucking awesome underground an die Oberfläche, wollte ihn ans Licht holen; und wer auch nur ein paar Monate lang in diesem Bezirk gelebt hat, der vermag diesen durch und durch edlen Gedanken nicht nur richtig einzuschätzen, sondern wird ihn darüber hinaus mit einem großen, erlösenden ENDLICH! auch mehr als willkommen heißen.

Auf Arthur war (man sollte diese Kampfmaschine vielleicht mal für ein paar Runden von der Veranstaltung ausschließen) wie immer Verlass und ich gewann ein weiteres Mal. Selbstverständlich freute ich mich über meinen kleinen Zuverdienst, wenngleich der eingangs schon erwähnte Ärger darüber wuchs, dass diese ganze Veranstaltung heimlich von statten gehen musste, ging von ihr doch eine physische Energie aus, von der ich überzeugt war, sie könnte das Herz dieses Bezirks, ja, das Herz einer ganz neuen Gesellschaft werden. Ich musste also eine Freifläche finden, einen offiziellen, der breiten Masse zugänglichen Platz, von dem aus besagte Energie barrierefrei auf die Bewohner dieses Bezirkes übergehen konnte und das alles selbstverständlich innerhalb der Ringbahn, dieser Demarkationslinie zwischen dem in Jedermanns Wahrnehmung wegfallenden Süden und dem durch meine Person neu zu gestaltenden Norden.

Auf Leben und Tod im Körnerpark

Da erinnerte ich mich an mein erstes Treffen mit dem Herrn Senator, da vor der Orangerie in diesem schrecklichen, dem modernen Individuum kaum zumutbaren Körnerpark; und im Zuge dieser Erinnerung kam mir die Lösung:

Man sollte diesen Park wieder mit eben jenem Material befüllen, welches einst über Jahrzehnte aus ihm heraus-gefördert, veredelt und gelagert wurde: feinster, brandenburgischer Kies. Also raus raus raus mit dem ganzen Kitsch und rein da mit dem Spiel auf Leben und Tod.

Beflügelt von meinem neuen Vorhaben verließ ich das Geschehen noch bevor mein geliebter Arthur auch dem nächsten Gegner die Kehle öffnen konnte. Ich rief meinen Fahrer an und ließ mich schnurstracks in mein Büro bringen. Ein Haufen Arbeit sollte auf mich zukommen. Noch in dieser Nacht wollte ich diesbezüglich einen offiziellen Antrag ausarbeiten, vor meinem inneren Auge den neuen Menschen immer fest im Blick.

Vorschau demolierung #03 „bring me simple men“: Treffen mit dem Senator in Rixdorf

Text: Alexander Krug
Gestaltung: Paul Voggenreiter / Hirn Faust Auge
Cover: Joachim Lenz
Illustration: Jurek Urbanski

 

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