von am 23. Mai 2013

copyright: judasand

Bis jetzt kennt außer Tom Schilling wohl kaum jemand die Neuköllner Band ‚Judas and the Winehearts‘. Zeit, dass sich das ändert. Ein Bandporträt.

Normalerweise stößt ein erfolgreicher und vielbeschäftigter Schauspieler eher durch einen etablierten Bekanntheitsgrad auf eine Band und wird dann zu ihrem Fan. Bei der Neuköllner Band Judas and the Winehearts läuft es bislang genau andersherum: keinem geringerem als Schauspieler Tom Schilling gefiel die Musik der vier Wahl-Neuköllner auf Anhieb, dass dessen bester Freund und Regisseur seines letzten Films „Oh Boy“, Jan Ole Gerster, die Winehearts prompt einlud, auf einer Überraschungsparty für Schilling zu spielen. Das Konzert sollte der erste offizielle Gig der gerade neuformierten Band werden – ein Einstieg, der definitiv das Zeug zur Legendenbildung hat!

Zufall oder doch Schicksal? Der Regisseur Jan Ole Gerster war zufällig über ein wiederum durch Zufall entstandenes Video gestolpert, in dem die Band  in der Partylinie U1 zusammen mit unzähligen anderen Berliner Straßenmusikern um die Gunst der Zuhörer buhlte. Anscheinend haben die Winehearts diesen harten Kampf gewonnen – jedenfalls was Gerster und Schilling betrifft. Inzwischen sind Regisseur, Schauspieler und Musiker in erster Linie einfach gute Freunde geworden; eine Selbstverständlichkeit, dass Schilling im kürzlich erschienen ersten Video der Band („Fill my cup“) die Hauptrolle übernahm. Der Streifen ist aber nicht nur wegen eines ungewohnt alt aussehenden Schilling sehenswert: Regisseur Matteo Zoppis – wiederum zufällig von einem der Sänger auf einem Flohmarkt aufgegabelt – drehte nicht bloß ein Musikvideo, sondern einen kleinen Film Noir auf 16mm.

Engelhaft, psychodelisch, melancholisch

Musikalisch haben Judas and the Winehearts natürlich Einiges zu bieten: mit glasklarer Präzision erklimmen die Stimmen der beiden Sänger und Gitarristen Arend Bruchwitz und Julian Barabino mühelos schwindelnde Höhen, zuweilen denkt man beim Hören an die engelhaften Stimmen eines Thom Yorke von Radiohead oder eines Matthew Bellamy von Muse. In die Indie-Ecke lassen sich Judas and the Winehearts aber nicht so ohne Weiteres stecken. Ihr psychedelischer Gitarrensound changiert zwischen warmen Blues-, Folk- und Rockklängen; Bassgitarrist Lüder Wilcke fügt dem Ganzen einen unaufgeregt melancholischen Grundrhythmus hinzu. Dennis Schulz schließlich sorgt mit seinem leicht bedrohlichen Schlagzeugspiel dafür, dass es sich nicht allzu gefällig und harmonisch anhört. Irgendwo lauert jedenfalls immer das, was die Band als ihr „Judas-Element“ bezeichnet und das den Sound der Winehearts erst komplett macht.

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Die Band oszilliert zwischen verschiedenen Genres, erinnert dabei angenehm an psychedelische Rockbands der Sechziger: ihre Musik ist in gleichen Teilen sphärisch, aber auch ebenso geradlinig und handgemacht. Die Bandmitglieder selbst bezeichnen ihren Stil als „psychedelic Nerd-Folk“. Es ist nicht weiter schlimm, wenn man mit dieser Beschreibung nur wenig anfangen kann. Wichtig ist nur, dass sich hier vier Jungs gefunden haben, die nichts lieber machen als gemeinsam Musik, die sie verbindet und zu engen Freunden werden ließ – drei der vier wohnen im selben Haus in der Flughafenstraße. Musik und Leben der Band lassen sich also nicht trennen. Und diese Nähe ist es, die sich in ihren Liedern widerspiegelt.

Gemeinsame Heimat Flughafenstraße

Diven sucht man hier vergeblich. Man findet vier Freunde, die sich so gern haben, dass sie nichts voreinander verstecken müssen. Zu hören ist die Freiheit, alles ungehemmt sagen oder schreien zu können und jedes gute wie schlechte Gefühl zuzulassen, um daraus ehrliche Musik zu destillieren. Dass bei einer so zuckersüßen Ausgangslage auch viele zuckersüße Songs herauskommen – wen wundert’s?

Ihre pure Freude am Musikmachen steckt jedenfalls an. Judas and the Winehearts sonnige Klänge eignen sich bestens dazu, den grauen Neuköllner Winter stimmungsmäßig endgültig zu vertreiben! Bleibt nur zu hoffen, dass sie bald auch mal in ihrer Heimat, im Flughafenkiez, zum Konzert laden! Der nächste Berliner Gig steigt am 28. Mai im White Trash.

Fill my cup – Judas and the winehearts

 

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