von am 6. November 2013
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Chandrea Manalan, genannt Shekar, vor einem seiner Bilder

Die Galerie Saalbau in Neukölln zeigt die Werke des indischen Fotografen Shekar. Er lebt in einem Slum in Mumbai und zeigt seine Heimat, ohne dabei vorherrschende Klischees zu erfüllen.

Text von Christopher von Frankenberg und Anne Stephanie Wildermann, Fotos von Anne Stephanie Wildermann.

Eine Gruppe Teenager tobt herum und planscht in einem Fluss. Das Wasser spritzt und Wassertropfen perlen von ihren schwarzen Haarspitzen. Ihre Stimmung ist ausgelassen, man würde am liebsten zu den Jungs ins Wasser springen. Dieses Bild ist eines von etwa 100 Fotos des indischen Fotografen Chandrea Manalan, genannt Shekar. Er fotografiert seine Heimat, den Slum Dharavi in der indischen Metropole Mumbai. Eine Auswahl der Bilder ist seit Anfang November unter dem Titel „It’s just another railway station“ in der Galerie Saalbau in Neukölln zu sehen. Dharavi gilt als größter Slum Indiens, vielleicht sogar Asiens. Auf gerade mal zwei Quadratkilometern lebt über eine Million Menschen, wie viele es genau sind, weiß niemand. Bekannt geworden ist das Viertel vor allem durch den britischen Film „Slumdog Millionaire“. In der Folge des oscarprämierte Dramas reisten zahlreiche Journalisten, Filmemacher und Fotografen nach Dharavi, auf der Suche nach guten Geschichten aus dem wahren Leben.

Innenansichten ohne Klischees

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Mit Einwegkameras hielten Slumbewohner fest, was ihnen im Alltag wichtig ist.

Diese Geschichten versuchen die meisten von ihnen mit Hilfe lokaler Guides zu finden. Als solcher arbeitet auch Shekar. Als er vor vor einigen Jahren eine Gruppe niederländischer Touristen herumführte, schenkten sie ihm eine Kamera. Den Umgang mit der digitalen Spiegelreflex brachte er sich selbst. Heute versucht der 22-Jährige Jugendliche aus seiner Heimat ebenfalls zur Fotografie zu ermutigen. Mit seinen Bildern will er eine neue Sichtweise auf den Alltag im Slum ermöglichen, frei von den gängigen Vorurteilen und Klischees der westlichen Welt.

Es sind Fotos von „Kings and Queens“, wie Shekar die Menschen dort nennt. Männer und Frauen, die Freude an ihrer Arbeit haben. Oder lachende Schulkinder in ihren Uniformen. „Ich wollte die Gefühle der Bewohner wiedergeben“, sagt Shekar bei der Ausstellungseröffnung auf Englisch. Um die authentische Wirkung zu verstärken, verteilte Shekar Einwegkameras an die Bewohner des Slums. Sie sollten selbst festhalten, was ihnen wichtig ist. So entstanden Einblicke in das Leben dieser Menschen. Freunde, Feste, Hausaltare, sie selbst bei der Arbeit oder Statussymbole wie Kühlschränke sind auf den Fotos zu sehen. Die Fotografien sind ausdrucksstark und gehen in die Tiefe. Anders als bei den Slum-Bildern von westlichen Fotografen fehlt jede Spur von Betroffenheitsopportunismus und Voyeurismus. „Das war auch das Ziel“, sagt Kuratorin Gül Yavuz.

Parallelen zu Neukölln

Die Filmemacherin lernte Shekar ebenfalls bei einer seiner Touren durch den Slum kennen, blieb in Kontakt und ermutigte ihn zu diesem Projekt. Die Ausstellung in der Galerie im Saalbau kuratierte sie mit Achim Burkhard, mit dem sie seit 2011 an der Dokumentation  „Slumkings and Queens“ arbeitet. „Von außen wirken Bewohner eines Slums immer wie Opfer, arm und elendig“, sagt sie. „Slumdog Millionär“ habe sein Übriges dazu getan, damit sich das gängige Bild über Slums in den Köpfen der Menschen zum Negativen stilisiert und verdichtet hat, findet Yavuz. Anknüpfend an diese Fotoausstellung sollen Schüler aus Neukölln mit einer Einwegkamera losziehen und alles knipsen, was für sie bedeutsam ist. „Es werden Parallelen entstehen“, sagt die Kuratorin Yavuz mit Überzeugung. Während die Inder ihren Kühlschrank als Statussymbol sehen, könnte es bei den Berliner Jugendlichen das neue Smartphone oder der Motorroller sein.

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Die lachenden Jungs von Dharavi.

Klaus-Peter Witt (48) steht schon eine ganze Weile vor dem Schwarz-Weiß-Foto mit dem planschenden und badenden Jungs. „Ich mag dieses Bild“, sagt der Neuköllner, der spontan zur Ausstellungseröffnung gekommen ist. „Es erinnert mich an meine eigene Kindheit. Unweit von meinen Eltern gab’s einen Baggersee und in dem hab ich auch oft gebadet“, sagt er. Es ist nicht nur das Lieblingsfoto des Gastes, sondern auch des Fotografen selbst. Shekar sagt: „Ich denke, dieses Gefühl von Freude und Unbeschwertheit hat jeder in seiner Kindheit mal erlebt. So auch ich und immer wenn ich es ansehe, erinnert es mich an meine eigene Kindheit.“

Ausstellung bis 22.12.2013
Galerie im Saalbau
Karl-Marx-Str. 141
geöffnet Di-So, 10-20 Uhr.

 

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