von am 12. März 2014
Foto: Florence Freitag

Foto: Florence Freitag

„Es ist gut, wenn es glitzert“ – diese Songzeile kann als Motto von Travestie-Shows gelten. Sie sterben langsam aus, aber im „Theater im Keller“ lassen sich Diven in Pailletten mit turmhoher Lockenpracht und falschen Brüsten heute noch bewundern.

Hinter manchen unscheinbaren Fensterfronten versteckt sich eine uns fremde Welt. Wie an der Weser- Ecke Friedelstraße, wo die Rollläden nur am Freitag- und Samstagabend hochgezogen sind. Dunkle Ledermöbel, buntes Licht – von außen sieht es aus wie eine ganz normale Cocktailbar. Der Schriftzug „Theater im Keller“ an der Hausecke macht neugierig, wir treten ein.

An der Bar ein älterer Mann mit akkurat gestutztem weißen Schifferbart, Weste und dunkler Brille. Ludwig Auster-Brenncke freut sich auf die Gäste, führt jeden zu seinem Tisch und wünscht einen unterhaltsamen Abend. Kaum hat man den Türgriff aus der Hand gelassen, ist man ganz hier, ein wenig perplex und eingehüllt von unerwarteter Freundlichkeit.

Nur wenige kämen einfach so spontan ins „Theater im Keller“, erzählt Auster-Brenncke. Die meisten hätten ihre Karte reserviert und wüssten, was sie erwartet. „Wir bieten ja leichte Unterhaltung“, lächelt er.

Frisuren von blond bis blond

Am Tisch vor uns trinkt eine Gruppe Frauen um die Vierzig bunte Getränke. Wir bestellen auch noch schnell ein Glas Wein und sitzen dann dicht an dicht in einem schachtelgroßen Zuschauerraum, dunkelrote Wände, über uns ein Kronleuchter, den Vorhang haben wir fast direkt vor der Nase. Die Frauen sind gespannt, unruhig bewegen sich die in allen Schattierungen blond frisierten Köpfe hin und her.

Der Vorhang geht auf und die Bühne ist voller schöner Männer in wallenden Kleidern, mit turmhoher Lockenpracht und dick aufgetragenem, verführerischem Make-up und Lippenstift im Gesicht. Auf Higheels, aber mit voller Kraft, tanzen da unter den knappen Kleidern gut trainierte, lange Männerbeine, die jeder Frau im Publikum einen neidischen Blick abnötigen könnten.

Bei „Let’s get physical“ wummern die Bässe, zwei Disco-Girls tanzen in kurzen Shorts und mit Neonbändern im Haar bis ihnen die Luft weg bleibt. Die Bühne erinnert uns an die Kellerdisco unserer Jugend: Effektstrahler malen zärtlich ein paar neonfarbene Muster auf die schwarz gestrichenen Wände und LED-Bänder blinken artig auf und ab. Pop-Nummer folgt auf Chanson und mit jedem Auftritt wird ein neues Frauenbild bis ins Absurde überdreht, alle Körperproblemzonen und Schönheitsfragen inklusive.

„Es ist gut, wenn es glitzert“. Diese Songzeile bringt das Travestie-Theater auf den Punkt. Hier gibt es keine Distanz zwischen Bühne und Publikum, das sich seinen Lüsten und Sehnsüchten hingibt und gebrochene Tabus beklatscht. „Sperma ist ekelhaft, wer sollte das bestreiten?“, fragt der nächste Schlager und die Frauengruppe in der ersten Reihe applaudiert frenetisch.

Schmutzige Witze aus dem Mund einer Diva

Nach der Vorstellung kommt Ludwigs Lebenspartner Michael Brenncke aus seiner Garderobe. Gerade eben war er noch die Diva im Glitzermantel, die zwischen den Tanzeinlagen schmutzige Witze erzählt hat. Seit 1986 steht der Siebzigjährige hier auf der Bühne und es ist nicht seine erste. Angefangen hat er in Wien als Solo-Balletttänzer bis ein Unfall seine Karriere beendete. Deshalb wurde er Schauspieler, hat an Theatern in München und Berlin gespielt und war Solo-Pantomime am „Theater des Westens“. Großen Figuren wie Gustaf Gründgens oder Marika Rökk ist Brenncke auf den Bühnen seines Lebens begegnet.

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Das „Theater im Keller“ ist auf Umwegen entstanden. „Neukölln war ja damals eine Wüste“, erzählt Brenncke. Erst wollte er eine Suppenküche aufmachen, aber den Geschmack der Leute zu treffen, fand er zu anstrengend. An der Weserstraße ein Travestie-Theater zu gründen, war nicht unbedingt einfacher. Was die Leute anfangs so an Beleidigungen über die Straße gerufen haben, hat ihn aber wenig getroffen. „Ich hab selbst ’ne große Klappe“, meint er.

Der so genannten Hochkultur hat er also den Rücken gekehrt und ist damit nicht unglücklich. Sein Theater spielt jedes Jahr genau ein neues Stück, ist aber immer gut besucht. Mit ihm auf der Bühne stehen ausgebildete Schauspieler. Manche von ihnen hatten es an anderen Theatern mit dem Vorsprechen nicht so leicht.

„Wir sind übrig geblieben“

„Schwul sein muss man nicht, nur Frauenkleider anziehen, das muss man“. Das ist Brennckes Minimaldefinition von Travestie-Theater. Er lacht verschmitzt. Verteidigen oder erklären muss er sich heute nicht mehr, so scheint es. Zu seiner Anfangszeit war schwul sein noch strafbar und als er sich 1979 mit seinem Freund Ludwig Auster „verpartnern“ ließ, die Homo-Ehe noch weit entfernt. Von all den Travestie-Bühnen, die es früher in Berlin gab, erzählt er wie von einer magischen, verlorenen Zeit. „Wir sind übrig geblieben“, sagt er still.

Leichte Unterhaltung wird meistens leicht unterschätzt. Hier ist sie vor allem eins: eine Passion, verbunden mit der Lust, sich auszuleben. Das, was überall nicht reinpasst, zum Prinzip zu erheben.

Nach zwei endlosen, betörenden aber auch ermüdenden Stunden im Glitzerkarussell, in einem Rauschen aus Schmuck, Pailletten und falschen Brüsten, wirkt der normale Freitagabend da draußen auf der Weserstraße fast unwirklich normal.

 

THEATER IM KELLER
Weserstraße 211
geöffnet jeden Freitag & Samstag, ab 20:30 Uhr

Mehr Infos zum Programm unter www.tikberlin.de.

 

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