von am 27. März 2014

 Charlie Coulson mit seiner Partyreihe "Trojan Measure"„Berlin is over“, titelten kürzlich führende US-Medien. Doch wer sich in der Neuköllner Partyszene umschaut, entlarvt die Schlagzeilen schnell als zwanghafte Trendherbeischreibung. Das weiß auch Charlie Coulson, der seine Partyreihe „Trojan Measure“ von Manchester nach Neukölln importiert hat.

neukoellner.net: Charlie, du lebst eigentlich in Manchester. Wie kamst du auf die Idee, eine Partyreihe in Berlin zu starten?
Charlie Coulson: Ich organisiere Trojan Measure zusammen mit zwei Freunden, die in Berlin wohnen. Die Reihe gibt es jetzt seit etwa zwei Jahren und sie findet normalerweise in Manchester und Bristol statt. Wir wollen jetzt endlich mal sehen, wie sie in Berlin ankommt.

Was ist euer Hintergrund?
Jeder von uns hat sein eigenes Label und veranstaltet auch andere Parties. Am Freitag wird neben mir Joe Europe und MSSS auflegen, die das Label „Ears Have Eyes“ betreiben. Außerdem haben wir den Berliner DJ James Cambrian eingeladen, der sonst den Internetpodcast „Quantum Bleep“ macht.

Machst du das professionell?
Nein, ich habe normalerweise einen ziemlich langweiligen Job in einer Bank. Das Auflegen und Veranstalten ist nur ein Hobby.

Die britische Clubmusikkultur ist ist nicht nur aufgrund ihrer Geschichte und stilistischen Vielfalt (von UK Hardcore bis Jungle und Dubstep) sehr interessant. Clubmusik spielte in England schon immer eine große Rolle für diverse Jugendkulturen . Warum habt ihr eure Reihe nicht erstmal in London ausprobiert?
Berlin ist in England zurzeit der Big Deal. Jeder möchte dort spielen. London ist zwar auch toll, aber es ist sehr teuer und die Parties enden generell schon um 3 Uhr. Was ich an Berlin mag, ist die entspannte Einstellung der Leute, die sich auch in den Clubs selbst widerspiegelt. Beispielsweise in einem schönen gemütlichen Außenbereich, an dem man sich auch am nächsten Tag noch aufhalten kann.

Was ich an britischen Clubs gegenüber deutschen schätze, ist die Offenheit gegenüber unterschiedlichen Stilen, sowohl aufseiten der Clubbetreiber als auch des Publikums. Die stark collagierten DJ-Sets sind im Gegensatz zu den sehr homogenen Mixen deutscher DJs ziemlich anarchisch. Ben UFO etwa ist bekannt für seine schnellen Wechsel zwischen alten Funksongs, 2step, Garage, Techno und irgendwelchen B-Seiten von R&B-Songs…
Das ist genau der Unterschied, den wir auch mit unserer Party machen wollen. Es soll eine typische Party im britischen Stil in einem typischen Berliner Setting sein. Dabei ist uns gerade eine große Musikvielfalt wichtig. Im Main Room wird es vor allem House, Techno und Bassmusic geben, im Second Room stattdessen Disco.

Inwiefern unterscheidet sich das Club-Publikum in Manchester von dem in Berlin?
Sie unterscheiden sich erstmal nur wenig. Aber es kommt natürlich darauf an, wohin du gehst. Außer vielleicht, dass die Leute in England normalerweise nur kurz in einem Club bleiben und nach ein paar Stunden wieder gehen. Aber im Ernst: Die Atmosphäre in Berliner Clubs sucht man in London vergeblich.

Hast du ein Beispiel?
Letztes Jahr war ich auf einer Party im Club Grießmühle in Neukölln. Ich war begeistert. So etwas würde es in England nicht geben. Ich konnte den ganzen Tag lang draußen in der Sonne sitzen und Musik hören, bis zum nächsten Tag. In Manchester gibt es ein paar After Hour Clubs, die so gegen 4 Uhr aufmachen und dann bis zum nächsten Nachmittag geöffnet haben. Aber eigentlich geht niemand wirklich dorthin.

Drogenkonsum ist schon immer ein zentraler Bestandteil in Clubs. In London hatte es im Gegensatz zu Berliner Clubs jedoch oft den Anschein, als diene der Konsum weniger der Stimulation zur intensiveren Musikwahrnehmung als einer reinen Instant-Bedröhnung.
Es hat eher etwas mit den generellen Gewohnheiten hier zutun, dass Viele in kürzester Zeit soviele Drogen und Alkohol wie möglich konsumieren. Das liegt vor allem an den kurzen Öffnungszeiten. Pubs schließen um 23 Uhr und Bars um 2 Uhr.

Was ist das Besondere an euren Parties?
Es geht uns in erste Linie darum, eine gute, intime Atmosphäre zu schaffen. Wir haben nie versucht, irgendwelche großen Namen zu buchen und verlassen uns immer auf unsere Resident-DJs.

Die Party wird im Neuköllner Club „Freudenreich“ stattfinden. Warum habt ihr euch für diese Location entschieden?
Wir mögen die Ästhetik des Clubs und er hat genau die richtige Größe für unseren Anspruch. Außerdem gefällt uns Neukölln sehr gut. Daher hat es uns sehr gefreut, dass wir dort unsere Party machen können.

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Ist es in Bezug auf Regelungen und bürokratischen Prozessen eigentlich schwieriger, in Manchester oder Bristol Parties zu organisieren als in Berlin?
Das ist eigentlich ziemlich ähnlich, außer, dass in England alle um 3 Uhr den Club verlassen müssen.

Früher waren Clubs mit ihrem egalitären Anspruch und dem radikalen Hedonismus ja vor allem in England ein Nährboden für alternative Lebensstile. Heute sind Clubkulturen immer noch viel wichtiger für junge Leute als hierzulande. Welche Bedeutung haben Clubs eigentlich heute noch?
Ich habe das Gefühl, dass Clubkultur in England lange nicht mehr so relevant ist wie sie mal war.

Clubs sind aber heute einer der wenigen Orte überhaupt, an dem sich junge Menschen bewusst treffen.
Ich würde sogar sagen, in England ist es inzwischen die einzige Möglichkeit, andere zu treffen. Für viele junge Leute ist es der einzige soziale Zeitvertreib.

 

TROJAN MEASURE
Freitag, 28. März um 23:55 Uhr
Freudenreich, Sonnenallee 67

 

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