von am 3. Dezember 2012

Der argentinische Street Art Künstler Em Alaniz malt gerne Figuren in Transformationsprozessen. Ein Gespräch über sozialkritische Kunst und das Dorf.

neukoellner.net: Was ist Dein Konzept von Street Art. Wo beginnt die Kunst?

Em Alaniz: Für mich war die Basis oder der Anfang von Street Art der kritische Teil. Ich habe mit Street Art angefangen, weil ich sie gern als Werkzeug sehe, um mit Menschen zu kommunizieren, mit Menschen, die womöglich generell keinen Zugang zu Kunst haben. Es ist auch ein Medium, um Ideen auszudrücken und sie diesen Menschen näherzubringen.

Würdest Du sagen, dass Street Art eine Form öffentlicher Diskussion via Kunst ist?

Ja, man kann sie dazu benutzen, aber es muss nicht so sein. Ich respektiere alle Formen von Street Art und nicht jeder muss so denken, aber ich für mich benutze sie gerne auf diese Art und Weise.

Sie muss nicht sozialkritisch sein?

Em Alaniz in der Werbellinstraße

Das wäre zu diktatorisch zu sagen: Du musst so sein oder nicht so. Das ist ja gerade das Besondere an Street Art: die Freiheit von Kreativität. Jeder kann malen, was er will. Aber ich bevorzuge es, kritisch zu sein.

Wann hast Du zum ersten Mal ein Werk von Dir in den Straßen angebracht?

Vor gar nicht allzu langer Zeit, vor fast dreieinhalb Jahren. Ich hab immer gerne gemalt, aber das erste Mal, dass ich in den Straßen gemalt habe, war in Argentinien in der Ecke eines Hauses. Ich habe eine nackte Frau gemalt und die Reaktionen darauf in einer Gegend, wo die Leute nie groß was mit Street Art zu tun gehabt hatten, waren sehr stark. In Berlin ist man das ja gewohnt – aber dort schlug es ein wie eine Bombe. Viele Leute waren sauer, ein paar sicherlich auch glücklich.

Woher weißt Du, wie die Reaktionen waren?

Es war mein Haus. Und es war auf einer Hauptstraße, wo es jeder sehen konnte.

Wie verbreitet ist Street Art in Argentinien generell?

Es gibt viele Künstler, aber die Umstände sind schwieriger als hier. Es ist schwieriger die Leute zu erreichen, die Plätze zu bemalen. Aber die Bewegung wächst, denke ich.

Der Hype, der um Street Art mittlerweile gemacht wird, ist schon ziemlich groß. Wie denkst Du darüber? Findest Du es positiv, weil es sich zu einer Art internationaler Kunstdiskurs entwickelt hat oder schätzt Du es eher negativ ein, weil Leute anfangen, Kunst zu machen, weil es in Mode ist und nicht weil sie den inneren Drang verspüren, die Menschen auf der Straße mit ihrer Kunst zu konfrontieren?

Ich denke, dass die Popularität etwas Nötiges ist. Ich mag es, weil es die Möglichkeiten eröffnet, mit den Leuten in Kontakt zu treten. Mehr Leute sind interessiert, mehr Leute schauen sich an, was du malst und mehr Leute denken über das, was du malst, nach. Und wenn das mit einigen kollateralen Entwicklungen einhergeht, geht das für mich in Ordnung. Alles hat seinen Preis. Das Gleiche passiert auch in der Musik, mit Rock oder Punk zum Beispiel. Das ist etwas Normales – so funktioniert das Leben, das lässt sich nicht ändern. Die Vorteile des Hypes schätze ich aber sehr.

In deiner Kunst stellst du oft einen Transformationsprozess zwischen Mensch und Natur dar, beispielsweise die alte Frau in der Lenaustraße, deren Unterkörper in Wurzeln verwandelt. Was deine Idee dahinter, was willst du damit ausdrücken?

In der Lenaustraße

Ich versuche zu sagen, dass es essenziellere Dinge gibt, als die Dinge, die wir im normalen Leben haben. Wir Menschen werden eines Tages verschwinden, alles im Leben ist vergänglich. Alle materiellen Dinge die wir haben, werden irgendwann verschwunden sein, sie sind nur temporär. Genauso die menschlichen Beziehungen und die Kunstwerke in der Straße. Aber die Natur übersteht die Zeiten und überlebt den Tod, ist größer ist als wir. Wenn wir das verstehen, können wir auch vieles über uns als Menschen entdecken.

Außerdem mag ich es aus ästhetischen Gründen damit zu spielen. Ich mag die Natur, die Elemente, sie sind reichhaltig genug, sie zu benutzen und mit Menschen zu kombinieren, weil wir damit verbunden sind. Manchmal vergesse ich ganz, wie schön es auf dem Land sein kann, weil die Stadt einen voll und ganz beschäftigt. Es ist aber eine Verbindung, die wir nicht vergessen dürfen.

Würdest du sagen, dass man deinen südamerikanischen Einfluss in deiner Kunst sehen kann im Vergleich zu der Street Art von europäischen Künstlern?

Das ist schwer zu sagen, aber denke schon. Das ist etwas, dass du nicht entscheiden kannst. Das passiert einfach, es steckt in dir. Teile von dir sind manipuliert. Du wächst auf, lernst, veränderst dich, durchlebst eine Evolution und das wird nie verschwinden. Ich habe gelernt damit zu leben und es zu nutzen.

Wie wählst du deine Plätze aus, an denen du deine Werke anbringst?

Es gibt einen Unterschied zwischen dem Bekleben und dem Bemalen einer Wand. Beim Bekleben mag ich es normalerweise, die Wand vorher zu sehen und ein spezielles Bild dafür vorzubereiten und manchmal bereite ich einfach das Bild und das Papier vor, gehe spazieren und wenn ich eine Wand gefunden habe beklebe ich sie. Ich mag es lieber, mit den Räumen, den Wänden zu spielen.

Auch bei den großen Wandgemälden. Ich gerne hin dorthin, spiele mit der Architektur, damit wie die Wand aussieht, vielleicht auch mit den Farben. Ich versuche die Räume zu respektieren.

Und wie wählst du die Gegend aus? Ist es einfach dort, wo du wohnst oder magst du spezielle Straßen, wo du denkst: ‚Das könnte sich hier gut machen‘

Am Kottbusser Damm

Es gibt diesen Satz: Bemal dein Dorf und du wirst die Welt verändern. Ich arbeite mit dem Orten, die ich kenne, die mir bekannt sind. Ich arbeite in meiner Nachbarschaft.

In Neukölln.

Ja, ich mag Neukölln sehr gerne. Aber ich sehe das auch nicht dogmatisch. Wenn ich die Chance habe, woanders hinzugehen, gehe ich dort hin.

Gibt es eine spezielle Tageszeit, die du für das Anbringen deiner Kunst auswählst, planst du sowas?

Definitiv. Ich bin etwas abergläubisch. Ich fühle gerne die Energien der Räume. Wenn ich ein ungutes Gefühl dabei habe, mache ich es nicht. Und ich ziehe es vor in der Nacht zu arbeiten. Das ist besser für mich.

Du hast vorhin über die Reaktionen zu deinem Bild in Buenos Aires, hast Du diese Erfahrung auch hier in Berlin schon einmal gemacht, eine Reaktion von den Leuten zu bekommen?

Das schon, aber eher von Freunden oder anderen Künstlern, die ich hier treffe. Es gibt eine gute Kommunikation zwischen den Künstlern. Das finde ich sehr wichtig. Vor allem in der Street Art müssen Künstler zusammenstehen. Es ist eine Bewegung, die stark sein muss, um die Jahre zu überdauern. Denn das macht den Unterschied aus zwischen einer Subkultur und einer Kultur: die Zeit.

Gibst es eine neukölln-interne Szene oder findet das eher berlinweit statt?

In Berlin gibt es das auf jeden Fall. Neukölln wird interessanter in der letzten Zeit, mehr Leute gehen dorthin, aber ich würde es noch nicht als wichtigen Ort definieren. Wahrscheinlich wird Neukölln in Zukunft häufiger angesteuert werden. Deswegen mag ich es auch hier zu arbeiten: Wenn daraus etwas entstehen sollte, bin ich ein Teil davon. Es ist auch eine Art, um mich damit bei der Gegend zu bedanken, weil ich gerne hier lebe.

Für mehr Bilder von Em Alanzin hier entlang.

 

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