von am 23. Juni 2014

Eier-04Versenken im Biomüll, Kaffee drüber schütten, abwarten, entwickeln lassen. So einfach hört sich das an, wenn André Kirchner über seine Arbeiten spricht. Darin verbirgt sich jedoch auch Gesellschaftskritik.

Text: Polina Goldberg, Fotos: Katrin Friedmann

André Kirchner erzählt gern über seine Werke. Wenn der junge Fotograf und Filmemacher, der an der Hochschule für Gestaltung Offenbach studierte, über seinen kreativen Prozess spricht, benutzt er keine abgehobenen, hochphilosophischen Metaphern. Auch wenn man es vorweg erwarten könnte. Wenn schließlich heutzutage jemand seine Fotos auf Toiletten- oder Backpapier zu drucken meint, schließt man instinktiv auf einen höheren Sinn. Man möchte es eigentlich nicht wahr haben, dass dazu keine ausführlichen Texte existieren, die einen noch mehr verwirren als die Werke.

Doch André Kirchner hat nicht vor, den Betrachter seiner Werke mit langen Ausführungen zu konfrontieren. „Ich wollte zuerst einfach experimentieren, wie ich mit geringsten Mitteln meine Fotos drucken kann“, sagt er. Seine Neugierde wuchs: „Was würde passieren, wenn ich die Fotos mit Kaffee übergieße und entwickle? Wie würden sie aussehen, wenn man sie für vier Wochen in den Biomüll steckt?“ Diese Fragen sind in der Kunst nicht unbedingt neu. Auch andere Künstler haben ihre Werke den Kräften der Natur ausgesetzt oder nach neuen Ausdrucksformen gesucht, wie die Spuren der Zeit sichtbar werden können. Wenn man Kirchners Erklärungen folgt, kommt dennoch nicht das Gefühl des Dé­jà-Vu auf. Ist es seine lässige und ehrliche Art, die einfach das zu Tage trägt, was er fühlt, ohne sich größer und bedeutender vorkommen zu wollen?

Kritik an einem homophoben Nudelkonzern

Kirchner begann vor etwa vier Jahren stille und einsame Landschaftsaufnahmen auf Toilettenpapier zu drucken. In der aktuellen Ausstellung „Kochende Eier“ hängen sie inmitten der überladenen, kitschig-kuschlig-sarkastischen kleinen Räume der Galerie St. St. Der Künstler ist hier gern selbst zu Gast und fühlt sich in der Welt der Galeristin Juwelia sehr wohl. Der Ort sei genau richtig, um seine Serien „Settle down“, „Heimische Küche“ oder „Baba Jaga“ dem Publikum zu zeigen. Die vor kurzem entstandenen Fotos, die die alljährlich stattfindende Homosexuellen-Demonstration „Enough is enough“ festhalten, hängen ebenfalls hier. Die Bilder habe er vor der Entwicklung in den Biomüll gelegt, aber nicht einfach in irgendeinen: für die Verwertung dienten Produkte des homophoben Großkonzerns Barilla, dem Schwule und Lesben nicht gut genug sind für seine Nudeln und Saucen. Zu sehen sind als Aquarelle anmutende, sanfte und gleichzeitig destruktive Abbildungen, auf denen sich halb verloschene Szenen der Demo abspielen.

Eier-Titel-02„Das ist mein Lieblingsbild“ sagt André und zeigt auf einen Druck, auf dem nebeneinander laufende Männerkörper zu sehen sind, deren Köpfe aber Bakterien anheim gefallen sind. „Es ist schon witzig, dass genau die Köpfe unsichtbar bleiben, dafür aber der Genitalbereich im Vordergrund ist. Es geht bei so was eben auch um die Show, um das Vorzeigen“, schmunzelt der Künstler. Sarkastisch geht es weiter, wenn er zu einer Handvoll im Wachs eingetrockneter Spagetti greift. Im gemeinsamen Projekt mit dem Künstler Markus Rohm findet sich der seltsame Spagettiwuchs auf einem Foto wieder: Ein junger Mann reckt seinen Hintern zum Betrachter und daraus lässt der Spagetti-Bund frech grüßen. Beide belachen die skurrile Angst des Großkonzerns und führen sie ad absurdum.

Drucke auf Backpapier

Nicht immer beherrscht bissige Ironie seine Arbeiten. Die Serie „Baba Jaga“, genannt nach der Hexenfigur slawischer Märchen, lässt ganz andere Gefühle aufkommen. Eine Mischung aus Sehnsucht, Fernweh und Geheimnis rufen die kleinformatigen Abbildungen isländischer Landschaften aus. Sie sind auf Backpapier gedruckt, wie genau, mag der Künstler aber nicht verraten. „Ich habe jedenfalls ewig dran gebastelt!“ Die Bilder bäckt er samt Rahmen im Ofen, damit die Farbe haften bleibt. Man hat den Eindruck, dass vor den Fotos eine Folie angebracht ist. Dabei sind es sie selbst, die so verschwommen und vergilbt aussehen. Magisch und einfach zugleich, so wie eigentlich alle seine Bilder. Die funkelnden Kristalle und dunkle verwunschene Pflanzengewächse sind eben nichts anderes, als Ergebnisse der heiteren Bakterienarbeit. Irgendwie lassen sie sich dafür gut begreifen, diese Hybride aus Schönheit und Ekel. Vielleicht, weil sie unserem Alltag so nah stehen und so ehrlich sind.

KOCHENDE EIER / BOILING EGGS
André Kirchner feat. Markus Rohm
13.06. – 05.07.2014
Galerie St. St.
Sanderstr. 26
Dienstag 17 – 19 Uhr, Freitag & Samstag 20 – 00 Uhr
Event auf Facebook

Au ja, ich spende via: PayPal | Überweisung | Bankeinzug | Flattr

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.