von am 9. Oktober 2012

Gaby Hundertmark kennt in Neukölln fast alles und jeden. Wir kennen sie vor allem als Kulturmanagerin und Hundeliebhaberin mit einem ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit.

Ein Sonntagnachmittag am Boddinplatz: Vor dem Café Laidak sitzen eine Hand voll Sonnenanbeter. Es ist einer der letzten warmen Tage in diesem Jahr. Gaby Hundertmark schießt um die Ecke und fällt – wie immer – auf. Das liegt nicht nur an ihrem äußeren Erscheinungsbild, sondern auch an ihrer markanten Stimme. Lautstark ruft sie nach Püppy. Die Schäferhündin ist 16 Jahre alt und hört nicht mehr so gut. Püppy war mal ein Straßenhund und wurde von Gaby Hundertmark während ihrer Tätigkeit beim „strassenfeger“ („mob e.V.“), am Bahnhof Zoo aufgelesen. Seitdem sind die beiden ein unzertrennliches Paar, das neben einem gemeinsamen Auftritt im Film „Berlin Hasenheide“ auch schon für die „Sprachwoche“ durch Neuköllner Schulen gezogen ist, um Kindern die Basics der Hundesprache näher zu bringen.

Neben Püppy gilt Gaby Hundertmarks zweite große Leidenschaft der Kulturszene Neuköllns, die sie in verschiedenen Projekten aktiv mitgestaltet. Ein Gespräch über Gott, die Welt und natürlich über Neukölln.

Seit wann lebst Du in Neukölln?

Ich wohne seit 2001 hier. Erst vier Jahre im Schillerkiez und von dort bin ich dann in den Flughafenkiez gezogen.

Könntest Du dir vorstellen in einem anderen Bezirk zu wohnen?

Nein, ich bin Lokalpatriotin. Ich liebe meinen Kiez. Und ich liebe auch die Menschen hier, wie zum Beispiel Frau Börne. (Winkt der 83-jährigen Frau Börne zu, die gerade eine Runde um den Boddinplatz dreht). Man kennt seinen Nachbarn, man kennt die Leute auf der Straße. Man fühlt sich sicher, obwohl viele Leute denken, Neukölln sei unsicher. Es ist mein Zuhause geworden in den letzten Jahren, gerade auch weil ich sehr entwurzelt aufgewachsen bin. Ich habe, bis ich 13 Jahre alt war, in verschiedenen Staaten in den USA  gelebt und bin erst dann nach Deutschland gezogen.

Du hast viele Jahre im Bankenwesen gearbeitet und hast Dich dann beruflich umorientiert.  Wie kamst Du zur Kultur?

Times are changing. Ich war unter anderem auch im Bereich Hypotheken tätig, als der Osten ausverkauft wurde. Beim Big Bang auf dem Immobiliensektor, schoss mir ein alter Gedanke in den Kopf: Die Gier frisst das Hirn! Zur Kultur kam ich dann zufällig. Ich war damals arbeitslos und habe eine Beschäftigung gesucht. Ich bin ja nicht mehr die Jüngste und meine Suche gestaltete sich entsprechend schwierig. Ich fragte „Moskito“, eine Neuköllner Künstlerin, ob sie etwas wüsste. Sie verwies mich auf ein Gesuch vom Kulturnetzwerk Neukölln. Dort begann ich als „Ein-Euro-Jobberin“ und bekam dann die Möglichkeit einer, leider befristeten, geförderten Vollbeschäftigung. Von 2008 bis 2011 war ich Teil des Festivalteams von „48 Stunden Neukölln“. Augenblicklich unterstütze ich als Mitglied des Vorstandes das Kunst- und Kulturhaus „AGORA Collective“ und den Verein „Amaro Drom e.V.“. Nebenbei spiele ich Theater. Reich macht das alles nicht, aber es erfüllt mich.

Wie hat sich das mit der Schauspielerei ergeben?

Ich habe eine Email bekommen mit der Bitte um Veröffentlichung. Dort wurden Laienschauspieler gesucht für die Produktion „Ich geb dir gleich Heilig!“ vom Heimathafen Neukölln. Ein Stück über Gott und die Welt. Die Handlung: Gott besucht an Heiligabend einen Waschsalon in Berlin-Neukölln. Ich war Gott (lacht). So kam ich zur Schauspielerei.

Ein großes mediales Schauspiel wird ja gerade auch um das neue Buch von Heinz Buschkowsky veranstaltet. Es scheint fast, als wäre nicht Neukölln überall, sondern der Bezirksbürgermeister. Was hältst Du von seiner Politik?

Politik und der Mob. Ganz schwierige Kiste. Es hat mich schon gewundert, wie zwei Tage vor Erscheinen des Buches eine Demo gegen „Neukölln ist überall“ stattfinden konnte. Die Leute kannten doch das Buch noch gar nicht. Ich bin auch nicht der Meinung, dass man Buschkowsky  mit Sarrazin in einen Topf werfen darf. Buschkowsky macht seinen Job mit viel Engagement, kennt seinen Bezirk und ist alles andere als weltfremd. Mit einigen seiner Thesen bin ich auch absolut einverstanden. Allen voran: Wir müssen unsere Kinder bilden! Als leidenschaftliche Gärtnerin empfinde ich die Rütli-Politik, vor allem für einige Anlieger, aber als schade. Auch andere politische Entscheidungen, gerade in städtebaulicher Hinsicht, kann ich überhaupt nicht nachvollziehen. Aber nochmal zurück zum Buch: Wie wäre es denn, wenn Buschkowsky die Einnahmen spendet? Zum Beispiel an das „Netzwerk Schülerhilfe Rollberg“. Das ist ein tolles Projekt, das augenblicklich sehr gefährdet ist.

Wie stehst Du zur Gentrifizierungsdebatte?

Vor zwei Jahren habe ich in einem Stück mitgespielt, es hieß „Kiez de Lüks“. Darin ging es auch um diese Thematik. Der Schillerkiez war damals heftig von steigenden Mieten betroffen. Mit dem Bühnenbild hatten wir nicht viel Mühe, denn wir spielten es, auf zwei LKWs als Bühne,  mitten auf der Schillerpromenade. Dort  hatten wir die luxussanierten Häuser direkt vor der Nase. Lebende Bilder sozusagen. Prinzipiell finde ich, dass der Kiez durch Zuzug gewinnt. Neukölln braucht diese Menschen, um ein florierender Bezirk zu bleiben. Wenn alles so bleibt wie es ist, ändert sich auch nichts zum Besseren. Dieser ausgeprägte Arbeiterkiez, die rote Zelle, die Neukölln einmal war, ist er eben nicht mehr. Die Dinge verändern sich und das ist auch gut so. Auf Neuköllns Image wird mehr geachtet und dadurch fließt auch mehr Geld in die Stadtentwicklung. Ich verstehe natürlich die Leute, die sich vom Lärm durch die Bars belästigt fühlen, doch dieses Problem lässt sich nur durch direkten Dialog der Betroffenen lösen. Bei den ausufernden Mieten ist hingegen die Politik gefragt. Die muss ein Instrument finden,  damit es gerecht bleibt hier.

An welchen Orten bist Du in Neukölln am liebsten?

Einer meiner Lieblingsorte ist der Rhododendronhain in der Hasenheide. Ansonsten definitiv das Tempelhofer Feld und  dort am liebsten in einem Liegestuhl, warm eingemummelt, zum Sonnenuntergang. Und ich liebe den Richardkiez, das böhmische Dorf, den Comenius Garten. Da ist einfach eine Atmosphäre, die hier niemand vermuten würde. Wenn Leute das erste Mal in Neukölln sind, erwarten die ja immer eine Art Bronx, wie es sie in New York gibt. Und dann kommen sie hier an und finden diese idyllischen Plätze. Eigentlich kann man hier doch jeden Tag eine kleine Reise machen: nach Istanbul, nach Arabien, nach Bulgarien, nach Polen … in ganz viele kleine Welten.

Bevor Du hierher gezogen bist, bist Du viel herumgekommen. Du hast mehrere Jahre in Amerika,  in Thailand und in Portugal gelebt. Gibt es Dinge, die Du vermisst?

Ich vermisse nichts. Ich hab es ja gehabt. Es gab einen Moment in meinem Leben, den ich nie vergessen werde. Ich lag in meiner Hängematte in Thailand und blickte aufs Meer hinaus. Ich sah nichts von Menschenhand Gemachtes und war total im Reinen mit mir selbst. Ich weiß noch, dass ich dachte, wenn du in diesem Augenblick sterben würdest, würdest du das vollkommen glücklich tun. Ich stand von der Hängematte auf – just in der  Sekunde – ich spürte noch den Hauch – fiel, mit rasender Geschwindigkeit, eine Kokosnuss runter.  Meine Güte, hab ich gedacht! Wärst du eine Sekunde länger sitzengblieben – wärst du  jetzt tot. Und es war, als hätte mir irgendetwas zeigen wollen, so schnell kann es gehen, also lebe jetzt!

Was wünschst Du Neukölln?

Ich wünsche mir für Neukölln, dass der Übergang in das WIR, die Integration, die Inklusion – ich weiß gar nicht, wie ich das „political correct“ ausdrücken soll, weil ja immer alle einen draufkriegen, die überhaupt den Mund aufmachen. Sagen wir es so: Ich wünsche mir, dass die Menschen hier und überall, die von vornherein schlechte Startchancen haben, mehr abgeholt werden. Als Beispiel: Wir haben in Teilen Neuköllns sehr viele zugezogene Roma. Deren Kinder haben es ganz schön schwer, weil ihre Eltern sie meist nicht unterstützen können. Man muss dafür sorgen, dass diese Kinder  auch eine Chance bekommen. Und wenn die Eltern dies – aus welchen Gründen auch immer – nicht können, muss die Schule, also im weitesten Sinne auch die Politik und die Gesellschaft, ran! Ein erster Ansatz wären mehr Ganztagsschulen. Und ich würde mir wünschen, dass mehr Menschen ehrenamtliche Arbeit leisten.

 

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