von am 25. November 2015
Kathrin Röggla (Foto: Cara Wuchold)

Kathrin Röggla (Foto: Cara Wuchold)

Reibung, Solidarität, Heilung: daran denkt die Österreicherin Kathrin Röggla bei Neukölln. Sie ist Schriftstellerin und die Vizepräsidentin der Akademie der Künste Berlin – und lebt seit 20 Jahren hier.

neukoellner.net: Was für ein Lebensgefühl verbinden Sie mit Neukölln?
Kathrin Röggla: Ich denke, dass ich auch deswegen in Neukölln gelandet bin und auch hier bleib‘, weil es etwas hat, was ich mit dem Heimatbegriff verbinde. Das ist so diese Reibung. Es ist kein Stadtteil, in dem man ein wohliges Lebensgefühl vorgegaukelt bekommt, und dahinter ist die pure Paranoia, sag‘ ich mal. Du wirst ständig konfrontiert und es ist auch so ein Ort, der einen zugleich total in Ruhe lässt, also man wird nicht so bürgerlich taxiert – verhalte ich mich richtig, verhalte ich mich falsch – man lässt sich dann doch in vielen Fragen in Ruhe.

Natürlich gibt es da die ganzen Meckerer, und natürlich gibt es die Brüllereien auf der Straße und all das. Das ist alles da, aber es hat einen anderen Touch als in einem anderen Viertel, wo halt eben Paranoia herrscht und alle so gucken, dass man auch nicht falsch parkt und alles angezeigt wird. Die bürgerliche Kontrolle dauernd, das hast du hier nicht.

Mit welchen Begriffen lässt sich der Bezirk beschreiben?
Da tue ich mich immer so schwer, weil einem da nur die Schlagwörter einfallen. Es ist eh so ein Schlagwort-Test, wo ich als Autorin gleich rebelliere … Also wenn ich jetzt „Multikulti“ sage, dann ist das so ein Schlagwort, das eigentlich nichts mehr aussagt. Aber Neukölln ist natürlich der Ort an dem sich sehr viele Menschen unterschiedlicher Herkunft begegnen. Sagen wir mal so: Das ist für mich realer Alltag.

Mir fällt auch dieser Tag-Nacht-Unterschied auf. Das ist etwas sehr krasses hier in dem Viertel, nachts ist es ne andere Welt. Ich red‘ jetzt auch über Nord-Neukölln natürlich, aber wenn wir jetzt mal ganz Neukölln nehmen, dann ist der fiese Schrebergärtner mit seinem Pitbull auch ein Bild, was mir sofort kommt. Zwischennutzung ist ein Thema, was Neukölln lange betroffen hat, was vermutlich eine Vokabel sein wird, die ausstirbt, weil einfach die ganzen Räume wegfallen – dann gibt’s auch keine Zwischennutzung mehr.

Sie sind schon lange hier. Was hat sich im Laufe der Jahre verändert?
Ich war Kinski-Mitglied der ersten Stunde. Das war das erste Lokal da. Und die mussten zumachen, vielleicht ähnlich wie die Wirtin da ganz am Anfang am Kottbusser Damm, in diesem türkischen Lokal, wo’s die guten Suppen gab. Zu teure Mieten halt. Und auf eine perverse Art kann ich sagen, habe ich die ersten Stufen der Gentrifizierung aber auch genossen, weil ich da auf einmal ein Angebot hatte, was ich auch selber in meiner sozialen Situation nutze. Und jetzt beginnt das total zu bröckeln, ganz egoistisch gesprochen.

Es ist immer leicht, Solidaritätsbekundungen abzugeben, aber das andere ist so, man soll’s ja besser auch mal von seiner eigenen Warte aus erzählen. Nur wenn die eigenen Freunde wegziehen müssen schaut man auch recht dumm drein. Es ist eben auch im wahrsten Sinn dann asozial. Und da muss ich schon sagen, jetzt beginnt die Phase zwei, oder Phase drei, wo teure Geschäfte reinkommen, so ein airbnb-Flair den Stadtteil durchzieht. Tourismus… Oder Leerstand, sogar kalkulierter Leerstand, ist ja auch nicht richtig.

Sie sind Österreicherin, aber Sie haben mal gesagt, dass Sie mehrere Identitäten haben. Haben Sie auch eine Neukölln-Identität?
Durch meine Kinder wird die stärker. Einfach, weil die jetzt hier aufwachsen, das ist ihre Heimat und dadurch auch meine. Es war auch vorher schon so ne Art Heimat für mich durch diese Reibung. Aber durch die Kita, die zwar in Kreuzberg drüben ist, aber auch sehr stark nach Neukölln reinreicht von den Eltern her, ist man ganz anders verwurzelt. Früher kannte ich beispielsweise keine verschleierte Muslima. Und jetzt kenn‘ ich so einige, das ist für mich, so absurd es klingt, ein befreiender Prozesse, weil man nicht mehr so krass nebeneinander her lebt, sondern auch miteinander spricht.

Ich merk immer wieder, wie schnell predigt man immer Anti-Rassismus, und hat es dann eigentlich gar nicht gelebt, weil man keinen Anlass dazu hatte, sozial nicht, und jetzt kann ich mich da besser reinlassen, auch wenn Schwierigkeiten natürlich auch kommen. Aber das ist jetzt mehr Alltag. Das verbindet sich mit diesem Punkt zurechtkommen mit anderen Herkünften, mit anderen sozialen Lagen, und das ist so das, was ich als fruchtbar empfinde. Zu merken, und das ist ja auch das Tolle an der Schule und der Kita, dass man immer wieder an einem Strang zieht. Dass man ähnliche Interessen hat, und das ist natürlich auch was Heilendes, weil man echt solidarisch sein kann und nicht nur abstrakt.

Au ja, ich spende via: PayPal | Überweisung | Bankeinzug | Flattr

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.