von am 10. Juli 2014
Schauspieler Till Butterbach (links) mit Nachwuchsregisseur und Oscar-Gewinner Peter Baumann

Schauspieler Till Butterbach (links) mit Nachwuchsregisseur und Oscar-Gewinner Peter Baumann

Ein 35-jähriger Nachwuchsregisseur gewinnt den Studenten-Oscar mit seinem Kurzfilm „Border Patrol“. Sein Name: Peter Baumann. Der Exil-Münchner lebt in Neukölln und schätzt den Bezirk für seinen Trubel und die Idylle. Im Interview verrät Baumann, was da in L.A. so abgegangen ist und wieso er Britz toll findet.

neukoellner. net: Glückwunsch, Peter! Erzähl uns von L.A. Wie war das für dich bei den Oscars?

Es war sehr spannend und interessant. Zusammen war ich dort mit insgesamt 14 anderen Filmemachern, zwei davon aus dem Ausland, die ebenfalls gewonnen hatten. Der Rest kam von amerikanischen Schulen. Eine Woche lange wurden wir von Veranstaltung zu Veranstaltung gereicht und haben mit vielen wichigen Menschen geredet. Man wurde von allen behandelt, als sei man der neue Superstar. (lacht)

Die Sympathien flogen euch nur so zu?

Nicht immer. Neben der Jury habe ich auch viele Agenten kennen gelernt. Für die ist es zwar auch toll, dass dein Film, den du für den Wettbewerb eingereicht hast, gut ankommt und geliebt wird, aber die sind knallhart drauf. Für die ist wichtig: Wie geht es weiter? Vor dem Film ist für die nach dem Film. Und gerade wenn man einen Kurzfilm gedreht hat. Agenten wollen immer, dass du ihnen etwas anbietest. Das hat nichts mit Sympathien zu tun.

Ist Kalifornien der Traum eines jeden Filmemachers?

Natürlich werden dir in L.A. viele Türen geöffnet, aber ich habe vorerst nicht das Interesse, jetzt nach Kalifornien zu ziehen. Es ist schon eine irre Welt! Alle loben und bewundern dich. Du bekommst von vielen nur positives Feedback, was deinen Film betrifft. Das ist in Deutschland ja nicht immer so. Hier sagt man auch schon mal: ‚Schöner Film, aber das Ende habe ich nicht verstanden!‘ Das ist auch der Grund, warum Hollywood oft als das Lala-Land bezeichnet wird. Du bekommst nur positive Resonanz für deine Arbeit.

Welche Leute hast du getroffen?

Beim Essen habe ich unter anderem die Cutterin des Regisseurs Miloš Forman, der „Einer flog über das Kuckucksnest“ gemacht hat, an einem Tisch gesessen. Sie ist da natürlich ein ganz alter Hase und solche Leute können dir viel über die Vergangenheit erzählen, etwa über den Glamour der 1970er Jahre. Und dann habe ich mich noch dem Make-up-Artist unterhalten, der bei den Rocky-Filmen dabei war. Und mit John Landis, der hat unter anderem „American Werewolf“ gedreht.

Du hast den bronzenen Studenten-Oscar in der Kategorie „Forgein Film“ erhalten. Wie war die Preisverleihung?

Ich war so geflasht, überhaupt zu den Nominierten zu gehören. Da war es mir völlig egal war, ob ich nun den goldenen, den silbernen oder den bronzenen Oscar bekomme. Ich habe ich mir keine Gedanken gemacht, wer den ersten, zweiten oder dritten Platz belegt. Wer auch immer gewinnt: es ist einfach nur geil! Letztlich ging es darum, vor 400 Leuten eine gute Rede zu halten. Du musst daran denken, wem du alles dankst, darfst nicht zu nervös sein und die Redezeit von maximal zwei Minuten nicht überschreiten. Ich wollte eine coole Rede halten, die nicht langweilt. Als klar war, dass ich den bronzenen Oscar bekomme, bin ich aufgesprungen und habe erst mal Party gemacht, als ob es der Goldene gewesen wäre.

Und danach gab’s Schampus und Kaviar?

Nach der Verleihung gab es dann freie Getränke und ein großes Buffet im Backstagebereich. Richtig gute Sachen, aber ich bin gar nicht dazu gekommen, etwas zu essen. Immer, wenn du gerade die Häppchen angesteuert hat, kam jemand und gratulierte dir zum Preis und du hast dich dann mit demjenigen unterhalten. Und selbst, wenn du gesagt hast, dass man in zwei Minuten zurück sei, kam jemand anderes vorbei und hat dich für ein Gespräch abgefangen. Von dem leckeren Essen habe ich nicht viel gehabt! (lacht)

Wie bist du auf die Idee zu deinem Kurzfilm „Border Patrol“ gekommen?

Ich wollte auf alle Fälle eine schwarze Komödie machen – mit Tiefgang und keinen Blödelfilm. Das stand für mich von Anfang an fest.

Wo entstand der Film?

Gedreht haben wir in dem klein Ort Jachenau in Bayern, etwa 20 Minuten mit dem Auto von der österreichischen Grenze entfernt. Landschaftlich ist es dort wunderschön, nahezu paradiesisch. Aber es gibt auch negative Seiten, wie Selbstmorde von denen aber keiner was wissen will. Die Bewohner sind dort sehr katholisch und sehr konservativ und reden oft nicht über Probleme. Man kehrt sie eher unter den Teppich. Vieles gärt unter der Oberfläche. Solche Orte, die von außen sehr idyllisch sind, haben oft ihre Geheimnisse.

Ein Grenzdorf als der perfekte Ort für eine schwarze Kömodie?

Auch wenn die Selbstmorde das Motiv des Films bildeten, war für mich wichtig, das ambivalente Verhältnis zwischen Bayern und Österreich darzustellen – angefangen beim Dialekt. Ich versuche es auf eine humoristische Art und Weise und nicht mit dem ausgestreckten Zeigefinger. Ich will zeigen, dass die zwei Länder gar nicht so unterschiedlich sind, auch wenn sie das behaupten. Und: natürlich diese Absurdität der Grenzüberwachung. Da es in dem Falle keine Grenze mehr gibt.

Was hat der Film gekostet?

13.000 Euro. Wir haben sieben Tage mit bis zu 30 Crew-Mitgliedern gedreht. Wir mussten natürlich darauf achten, dass wir günstig produzieren. Zum Glück brauchten wir gar nicht so viel technisches Equipment, weil wir gutes Wetter und gutes Licht hatten, obwohl der Dreh Ende November stattfand. Die Drehbuchphase hatte zuvor drei Monate gedauert. Ich habe auch zuerst auf Englisch geschrieben und dann anschließend alles übersetzt. Da es sich ja um meinem Abschlussfilm handelt, habe ich natürlich auch Unterstützung und Tipps von meinem Dozenten bekommen. Der Film von dem Mitgewinner Lennart Ruff, der den goldenen Oscar gewonnen hat, hat im Vergleich dazu 200.000 Euro kostet. Allerdings dauert der auch 40 Minuten und ist sehr professionel gemacht.

Was für künftige Projekte stehen an?

Ich will definitiv im Genre „schwarze Komödie“ bleiben. Zu einem Thriller oder zu einer romantischen Komödie habe ich im Augenblick keine Ambitionen – das können andere besser. Ich mag härtere Stoffe mit witzigen Figuren. Dabei geht es mir nicht nur um Slapsticks, sonder eher um Situationen, mit denen sich der Zuschauer identifizieren kann. Die ihm peinlich sind, weil er merkt, dass ihm so was auch schon widerfahren ist. Oder, dass dem Publikum die Hauptfigur leid tut, auch wenn man keine Sympathien für sie hegt. Es geht also vielmehr um Empathie. Überhaupt, Figuren, die man als böse beurteilt, finde ich für meine Arbeit sehr interessant.

Du wohnst seit knapp zehn Jahren, mit Unterbrechungen, in Neukölln. Was ist der Bezirk für dich?

Ich komme wahnsinnig gerne nach Neukölln zurück, wenn ich in England oder im Urlaub war! Für mich hat der Bezirk einen Aspekt von Freiheit, die ich hier sehr genieße. Wie den Altersunterschied der Leute, die man in Bars, Cafés oder Clubs trifft. Es gibt in Neukölln ein großes Miteinander, das mir ebenso gefällt.

Hat sich Neukölln deiner Meinung nach sehr verändert?

Von 2005 bis 2010 habe ich oft meine Lieblingsbars oder Lieblingsrestaurant besucht. Und als ich nach dem Studium in England zurück gekommen bin, musste ich feststellen, dass ganz viele andere Leute diese Läden erobert haben. Ich musste mich dann nochmal neu einleben.

Siehst du diese Veränderungen positiv oder negativ?

Den regen Zuzug von den vielen Leuten sehe ich zwar nicht als rein positiv, aber ich finde auch das dies in einer Stadt wie Berlin, die ständig wächst, vorauszusehen war. Jetzt ist es wichtig gerechte Situationen für alle zu finden. Negativ sehe ich allerdings auch, dass es heute für viele nicht so leicht ist, eine bezahlbare Wohnung zu finden. Das war 2005 noch anders. Mittlerweile will ich aus meiner alten WG raus und mit meiner Freundin zusammen ziehen. Aber bei einer neuen Wohnung bekommen wir einen neuen Vertrag, und somit würrde die Miete um einiges höher sein als die bisherige. Vielleicht müssen woanders hinziehen. Natürlich hoffen wir, hier zu bleiben.

Welche Lieblingsecken hast du in Neukölln?

In den „Club 49“ gehe ich sehr gerne. Dort habe ich früher auch mal aufgelegt. Er gefällt mir, weil er nie zu voll und nie zu leer ist. Und: man kann dort Fußball gucken. (lacht) Früher bin ich auch gerne in die „Mini-Bar“ gegangen. Dort ist ein Freund von mir Barkeeper. Und ich gehe gerne in die Laube meines Freundes Till Butterbach, der auch in meinem Film mitspielt. Die gehört seinen Eltern und liegt in Britz. Wenn mir die Stadt mal zu viel wird, kann man dort viel Ruhe genießen.

Au ja, ich spende via: PayPal | Überweisung | Bankeinzug | Flattr

 

 

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