von am 24. November 2016
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John in seinem Atelier und Wohnzimmer. Foto: Anna Blattner

Seit einem Viertel Jahrhundert hält John C. Barry Orte und Szenen seines Kiezes auf der Leinwand fest. Wie kein anderer Künstler thematisiert der gebürtige Brite den Alltag auf den Straßen und sucht die Besonderheiten im vermeintlich Banalen.

neukoellner.net: Du hast dieses Jahr dein 25-jähriges Berlin-Jubiläum.
John C. Barry: Oh mein Gott! Darüber habe ich gar nicht nachgedacht. Das hätte ich ja feiern können.

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Rund um den Karl-Marx-Platz fand John C. Barry zahlreiche Motive für seine Malerei.

Bist du 1990 direkt nach Neukölln gezogen?
Vorerst wohnte ich in Schöneberg, dem Prenzlauer Berg und Lichtenberg. Aber es hat nicht lange gedauert, bis ich nach Neukölln kam. Wahrscheinlich ein Jahr. Also im nächsten Jahr können wir dann mein 25-jähriges Neukölln-Jubiläum feiern.

Wie hat dich Neukölln als Künstler beeinflusst?
Neukölln war 1991 ein vernachlässigter Stadtteil und für mich optimal. Die Mieten waren niedrig, man fand ohne Probleme eine Wohnung. Das war sehr schön.

Wann kamst du auf die Idee, Alltagssituation aus deinem Kiez in Malereien festzuhalten?
Gleich zu Anfang. Neukölln hatte für mich immer diesen viktorianischen Charme. In anderen Städten stand alles unter Denkmalschutz und die Touristen zogen durch die Straßen, um es zu bestaunen. Hier war das anders. Es gab interessante Ecken und Gebäude…

… die du in deinen Bildern festgehalten hast?
Ja, das habe ich versucht. Eine Zeit lang habe ich viele Geschäfte und Imbisse gemalt. Viele von denen verschwanden kurz nachdem ich sie gemalt hatte. Das war fast ein bisschen gruselig.

Moni's Kneipe

Moni’s Kneipe

Erzählst du uns die Geschichte zu einem deiner Bilder?
Am Karl-Marx-Platz gab es eine Eckkneipe namens Monis. Die befand sich gegenüber dem Musikhaus Bading. Ich verweilte dort sehr gerne. An schlechten Tagen, wenn ich mich wie ein alter Mann gefühlt habe, ging ich in diese Eckkneipe. Wenn ich sie dann verließ, fühlte ich mich wieder wie mit siebzehn.
 Das Haus, in dem sich Monis Kneipe befand, wurde jedoch komplett aufgekauft und sie musste nach dreißig Jahren ihr Lokal räumen. Bei ihrer Abschlussfeier weinte sich eine alte Frau an meiner Schulter aus und fragte mich: „Wo soll ich denn jetzt hin? Das hier war wie mein Wohnzimmer!“ Das hat mich sehr bewegt.

Zukunftversion des Richardplatzes

Zukunftvision des Richardplatzes

Wie kam es zu der futuristischen Malerei des Richardplatzes/Karl-Marx-Platz?
In meiner Lieblingskneipe Linus am Richardplatz wurde ich gebeten, eine Zukunftsvision dieser Ecke zu malen. Das Bild wurde als Teil einer Ausstellung im Zuge von ’48 Stunden Neukölln‘ vor Ort gezeigt.

Wie siehst du deine Zukunft in Neukölln?
Es kommt mir so vor, als würden die alten Leute vernachlässigt werden. Monis war ein Treffpunkt für sie. Ich wurde öfters gefragt, ob ich etwas für den Kiez machen möchte, was ich dann auch gerne tat. Aber jetzt, wo der Kiez attraktiv wird, kommen Investoren, die Mietpreise steigen und die Künstler im Kiez können sich die Mieten nicht mehr leisten. Wenn sie das Haus sanieren, in dem ich wohne, muss ich ausziehen. Das ist schon sehr ironisch. Jeder gibt sein Bestes für das Ansehen des Kiezes und zum Schluss bekommt man einen Tritt in den Hintern.

Das Interview ist erstmals am 29. Januar 2015 auf neukoellner.net erschienen, das heißt aktuell feiert John C. Barry tatsächlich sein 25-jähriges Neukölln-Jubiläum.

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