von am 17. Dezember 2013

SCL_Cheffe_TitelMustafa Makinist betreibt den Sozialen Computerladen in der Briesestraße. Mit geringstem finanziellem Aufwand macht der PC-Maschinist jedem Servicepaket großer Softwarekonzerne Konkurrenz. Ein Gespräch über Technikbegeisterung und soziales Engagement.

Computerfachmann Mustafa Makinist ist seit Jahren sozial engagiert. Unter anderem ist er der Gründer des Vereins Big Help. Seine Serviceleistungen reichen von Reparatur, über Recherche bis hin zum Recycling von Elektroschrott. Im Kiezkopf-Interview spricht Makinist über Bastlermentalität, Nachbarschaftshilfe, finanzielle Engpässe und ein Treffen mit der Bundeskanzlerin.

neukoellner.net: Wie lange wohnen Sie schon in Neukölln?

Mustafa Makinist: Ich wohne seit 2005 in Neukölln.

Und wann kam das persönliches Interesse für Computer?

Ich stamme aus einer Bastlerfamilie. Der erste Kontakt zu Computern entstand über meinen Vater. Als Computer etwas Neues waren, hat er mir einen Commodore 64 auf den Tisch gestellt und mich aufgefordert ihn auseinander zu bauen. Das hat mein Interesse für diesen Bereich geweckt. Später habe ich Schulungen besucht und diverse Programmiersprachen gelernt. Angefangen habe ich mit dem Programmieren von Spielen. Als mir das zu langweilig wurde, hat mich interessiert, was in der Kiste drin ist. Ich sehe mich mittlerweile mehr als Schrauber als Programmierer. Später habe ich Elektroinstallateur gelernt und in der Abendschule mich im Bereich Elektronik weitergebildet sowie meinen Schein zum Computer Service Techniker gemacht, was mich schließlich zum Computergroßhandel brachte. Nach der Internetblase 2004 ging es jedoch mit dem Großhandel steil bergab und ich stand auf der Straße.

Stammt der Eifer für das soziales Engagement aus dieser persönlich schmerzhaften Erfahrung?

Ich bin Computertechniker und habe seit 29 Jahren immer wieder mit Computern zu tun gehabt. Von 1998 bis 2005 habe ich die Werkstatt eines der größten Computergroßhandels Europas mitgeleitet. Nach meiner Arbeitslosigkeit im Jahr 2005, kam ich durch Bekannte darauf mich ehrenamtlich zu betätigen. Bei einem Projekt mit Obdachlosen, Jugendlichen und Senioren sammelten wir defekte, ausrangierte Computer. Wir rüsteten sie auf und verschenkten sie wieder. Die Nachfrage übertraf damals das Angebot bei weitem. Um die 200 Leute wollten sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen einen der 50 Gratis-Computer zu ergattern. Daraufhin wurden die Computer per Losverfahren verteilt, wobei lokale Politiker sich die Gelegenheit nicht entgehen ließen die Glücksfee zu spielen.

So entstand die Idee eines eigenen Ladens?

Als Sozialen Computerladen gibt es uns erst seit ungefähr zwei Jahren. Davor waren wir ein gemeinnütziger Verein namens Big Help, der im Jahr 2007 gestartet wurde. Dieser war allgemein bekannt im Kiez, da wir in fast allen Gremien vertreten waren. In den Vereinen tätig wurde ich nach meiner Arbeitslosigkeit im Jahr 2005. Aktuell arbeiten wir zusammen mit zwei Praktikanten, die über das Annedore-Leber-Berufswerk ein Betriebspraktikum absolvieren.

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Der Soziale Computerladen in der Briesestraße 6.

Abseits der Computer verstehen sie sich aber auch als Nachbarschaftshelfer…

Die soziale Struktur des Ladens bezieht sich nicht nur auf Computer. Ich stamme ursprünglich aus der Türkei. Und es gibt auch immer in der Nachbarschaft Leute, die Probleme haben ihre Hartz IV oder Rentenanträge auszufüllen. Da mein deutsch relativ gut ist und ich mich mittlerweile mit den Anträgen auskenne, bin ich natürlich gerne bereit zu helfen. Dadurch haben sich auch schon viele Freundschaften ergeben.

Au ja, ich spende via: PayPal | Überweisung | Bankeinzug | Flattr

Arbeiten Sie direkt mit den Ämtern zusammen?

Diverse Sachbearbeiter von diversen Jobcentern kennen uns. Hier kommen auch öfters Leute vorbei, die an uns verwiesen wurden. Aber eine offizielle Zusammenarbeit ist nicht gegeben.

Ein Teil des Projekts ist das Recyceln von Computern. Wie läuft das genau ab?

Außerhalb der Stadt befindet sich ein kleines Lager. Heute haben wir beispielsweise Computer-Recycling gemacht, das heißt Computer auseinander nehmen und als einzelne Teile beim Schrotthandel abgegeben. Hierdurch können wir uns selbst finanzieren. Da der Laden keine finanzielle Unterstützung wie zu Beginn der Vereinsgründung erhält, muss man flexibel bleiben. Wir können nicht auf zwei Jahre voraus planen. Um weiterhin zu bestehen, können die Computer nicht mehr verschenkt werden. Stattdessen werden sie zu einem Selbstkostenpreis von rund 50 Euro vertrieben.

Gibt es Pläne für die Zukunft?

Es gibt die Idee mit Dominik, der in naher Zukunft seinen Gesellenbrief hat, Kameras zu bauen, auf die weltweit übers Handy zugegriffen werden kann. Das wird unser nächstes Ding. Das ist die neue Finanzierungsidee. Diese wird für Läden, Ärzte oder Apotheken angeboten, sodass Besitzer sich gegen Diebstahl wappnen können. Es handelt sich hierbei um Dominiks Gesellenstück und wenn es fertig gestellt ist, vertreten wir es offiziell.

Wird der Soziale Computerladen dann weiterhin bestehen bleiben? Als Verkaufsfläche von recycelten Computern und für die Hilfe zur Selbsthilfe?

Natürlich. Das ist die Grundidee. Aber mittlerweile ist es so, dass wir uns nicht nur damit finanzieren können. Die Nachfrage zum normalen Computer wird immer geringer. Die Leute wollen Laptops und Tablets haben. Wenn wir uns kein anderes Finanzierungsmodell überlegen würden, könnten wir den Laden in einem Jahr zumachen.

In Ihrem Laden hängen Bilder, die Sie bei der Arbeit mit Jugendlichen und Senioren am Computer zeigen, darunter auch Bilder mit Politikern. Was waren die schönsten Erlebnisse?

Auf Grund meines ehrenamtlichen Engagements hat mich unter anderem Bundespräsident Köhler zu seiner Geburtstagsparty eingeladen. Selbst Frau Merkel hat uns zum ersten und zweiten Jugendintegrationsforum eingeladen. Jugendliche, die bei uns in Projekten mitgemacht haben durfte ich dann zu dieser Veranstaltung mitnehmen. Zum Teil hatten diese viel Mist gebaut und eine kriminelle Vergangenheit. Doch dieser (zeigt auf eine jungen Mann neben Angela Merkel) hat sich sogar eine Krawatte geborgt und wollte unbedingt mit Merkel fotografiert werden. Wenn ich sie heute noch auf der Straße treffe, sind sie stolz, dass sie früher mit mir bei der Merkel waren. Ein weiterer Schützling ist durch unser Projekt auf den Geschmack gekommen und studiert jetzt Informatik in Wien.

Wie fällt Ihr Zwischenfazit des bisherigen Engagements aus?

Also mit wenig Geld haben wir schon sehr viel erreicht.

 

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