von am 18. März 2014
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Gabriele Thran: Für sie bedeutet Neukölln Heimat (Foto: Anne Stephanie Wildermann)

Die 56-jährige Gabriele Thran lebt seit ihrer Geburt in Neukölln. Die meisten Jahre davon auf der Sonnenallee. Seit 2008 leitet sie dort ihre eigene Kita. Im Gespräch erzählt sie von Zuwanderungswellen und unfassbar günstigen Mietpreisen. 

neukoellner.net: Was liebst du an Neukölln?

Gabriele Thran: Ich liebe das Drumherum hier. Außerdem bin ich mit dem Bezirk sehr verwurzelt. Ich wurde hier geboren und bin hier zur Schule gegangen, da empfinde ich ein großes Heimatgefühl. Ich finde es nicht schlimm, dass ich noch nie aus Neukölln rausgekommen bin.

Welche positiven und negativen Veränderungen hat der Bezirk im letzten Jahrzehnt durchgemacht?

An Positivem? Pause. Auf alle Fälle das Klientel. Die Menschen haben sich verändert. Vor 20 Jahren schwappte eine erste Welle – ich will es mal so nennen – nach Neukölln. Viele Türken ließen sich hier nieder und eröffneten Gemüse- oder Textilläden. Dann folgte die arabische Welle und jetzt kommt eine deutsche. Immer mehr junge Leute mit Kindern ziehen hierher und es entsteht ein völlig anderes Lebensgefühl. Das liegt wohl auch daran, dass die Zugezogenen aus unterschiedlichen Bundesländern kommen. Da entsteht eben dieser Mix an Lebensgefühl aus allen Regionen Deutschlands. Auch, was die Geschäfte betrifft. Es gibt inzwischen viel mehr kleine Läden, die man auch in der Bergmannstraße findet. Klein, aber fein und mit erschwinglichen Produkten. Auch die vielen kleinen Cafés gab es hier früher nicht. Da konnte man nicht irgendwo draußen sitzen, es gab nur Zeitungsgeschäfte und Tante-Emma-Läden. Auch die Vielfalt der Restaurants im Bezirk hat sich deutlich verändert. Heute kann ich Baskisch essen gehen und bekomme Gerichte, von denen ich vorher noch nie gehört habe. Mein Lieblingsrestaurant ist das „Pizza a Pezzi“ in der Nansenstraße.

Gaby in ihrer Kita (Foto: Anne Stephanie Wildermann)

Gabi in ihrer Kita (Foto: Anne Stephanie Wildermann)

Als negatives Beispiel für Veränderungen fällt mir der Reuterkiez ein. Ich bin dort als Kind groß geworden und lange in der Kirchengemeinde gewesen. Irgendwann kamen junge Zugezogene, meist Akademiker, in die Gemeinde und wollten sich ebenfalls engagieren. Aber die Art und Weise hat mir nicht gefallen. Sie wollten den Berlinern mal zeigen, was wirkliche Lebenskultur ist! Und ständig kam der Spruch: ‚ … wir haben ja schließlich studiert!’ Da fühlte sich der ein oder andere auf den Schlips getreten. Der Grund, warum ich in einer Kirchegemeinde aktiv bin, ist doch der, dass ich andere Leute treffen und mich mit denen austauschen will. Und nicht, dass man heraushängen lässt, dass man besser und gebildeter ist, als die Übrigen.

Was hat sich für dich als Erzieherin und als Betreiberin einer Kita im Laufe der Jahre verändert?

Die Veränderungen spiegeln die Kinder wider. Früher habe ich auf türkische oder arabische Kinder aufgepasst. Oder auf solche, deren Eltern als Busfahrer, Krankenschwester oder als Verkäuferin gearbeitet haben. Heute haben die Eltern der Kinder studiert. Aber der Hauptknackpunkt ist nach wie vor die Wende. Plötzlich brachten Eltern ihre Kinder zu mir, die in Treptow oder Köpenick wohnten, aber in Mitte oder in Schöneberg arbeiteten und auf dem Weg lag dann eben die Kita. Es herrschte die ersten drei bis vier Jahre ein reger Durchgangsverkehr in Neukölln. Der hat sich jetzt aber normalisiert.

Worauf legst du deinen Schwerpunkt bei der Erziehung der Kinder?

Mir ist es wichtig, dass die Jungen und Mädchen lernen, selbstständig zu werden. Und das auch schon im Kleinen, wie selber die Mütze aufziehen, Hände waschen vor und nach dem Essen oder die Treppen rauf und unter laufen, wenn sie in dem Alter sind, in dem sie das können.

Warum bist du bisher nie aus Neukölln weggezogen, in einen anderen Bezirk Berlins?

Meine Eltern wohnten in der Weichselstraße. Mit 18 bin ich dann mit meinem damaligen Freund zusammengezogen, in eine Eineinhalb-Zimmer-Wohnung auf der Sonnenallee. 130 Mark haben wir bezahlt. Das war enorm preiswert und allein schon deswegen kam für mich nicht Frage, woanders in Berlin zu wohnen. Außerdem hatte ich ja alles vor der Tür: Geschäfte, perfekte Verkehrsanbindungen am Hermannplatz und unsere Freunde lebten auch hier – alles super! Fünf Jahre habe ich in dem ersten Quergebäude gewohnt, ein Jahr davon nur mit meinem Freund. Und dann habe ich meinen heutigen Ex-Mann kennen gelernt, der gerade dabei war, im zweiten Quergebäude mehrere Wohnungen zusammen zu legen und auszubauen. Seit 1982 wohne ich in dieser Wohnung, 140 Quadratmeter für 300 Euro.

Welches sind deine Lieblingsecken in Neukölln?

Die Hasenheide – trotz des schlechten Rufs. Ich genieße dort sehr gerne die Natur und die Ruhe, die dort herrscht. Die komischen Gestalten, die dort umherhuschen, ignoriere ich vollkommen. Ich mache dann immer ein Foto vom Himmel und den Baumkronen zu allen Jahreszeiten. Ich spüre die positive Energie, die von diesem Blick nach droben ausgeht.Oder den Reuterplatz. Den mag ich auch, aber nur am Vormittag, weil es mittags sehr voll laut dort wird. Am Maybachufer spaziere ich auch gerne entlang und gehe ann manchmal auf den orientalischen Markt.

 

2 Kommentare:

  • […] Geschichte der Straße zusammenfasst. Auf den Panoramaflug folgt nun eine Detailaufnahme. In „140 Quadratmeter für 300 Euro” portraitiert Anne Stephanie Wildermann die 56-jährige Gabriele Thran, die seit ihrer Geburt in […]

  • Anonymous sagt:

    Soll man die Überschrift jetzt als vorbildlich empfinden? Ein individueller Glücksfall zulasten anderer – kostendeckend kann so eine Miete ja nicht sein.

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