von am 20. Januar 2016

Demolierung-Nk-vorschau-4Unser Protagonist ist wahnsinnig! Der Mann ohne Namen steht am Rande des Rixdorfer Deltas, wo seit kurzem die Inn- in die Donaustraße fließt. Mit Kampfhund Arthur wartet er auf eine Gondel, die ihn von der neuen Wasserstadt in den Norden Neuköllns bringt. Immerhin: die Touristen sind wir los.

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Ich habe das tiefe Bedürfnis, mich mit ein wenig mit Ruhe zu quälen. Anstrengende Wochen lagen hinter mir. Für jeden meiner Eingriffe in die bauliche und menschliche Substanz dieses Bezirks hatte ich mich vor dem Senat zu rechtfertigen. Gegenüber meinen Ideen war die Politik ein ums andere Mal verständnislos, gegenüber meinen Forderungen größtenteils taub. Man sprach mir jedwede Volksnähe ab, dichtete mir dafür Größenwahn an.

Und warum sollte ichs leugnen: Ich entstamme nunmal einem anderen Kontext. Einer, wie die wachsende Zahl meiner politischen Gegner mir ankreiden, privilegierten Herkunft, von der sie behaupten, sie habe mich zunehmend blind und taub gegenüber den Belangen und Bedürfnissen des durchschnittlichen Bürgers gemacht. Doch ich darf Ihnen versichern: Hier stehe ich nun am Rande des Rixdorfer Deltas, dem Ort, an dem seit kurzem die Inn- in die Donaustraße fließt, und warte, warte wie jeder andere Bürger dieses Bezirks auch auf eine Gondel, die mich in den Norden Neuköllns bringen wird. Trotz allem keine Privilegien, nein.

Ich würde mich eher als eine Art Wohlstandsinvaliden bezeichnen, als ein Jemand, der die schmerzenden Wunden seiner Herkunft durch sein Leben zu schleppen und deren Linderung mich nun ganz nah zu den Bewohnern Neuköllns gebracht hat. Als ein Mensch, der den Bedürfnissen dieses Stadtteils Verständnis entgegenbringt, diese zu seinen Aufgaben macht und als nichts anderes in Erinnerung bleiben möchte, als ein Mensch von festem, unerschütterlichem Charakter, der sein Leben lang nichts anderes tat, als sich an diesen Aufgaben abzuarbeiten und sie stets im Sinne des Gemeinwohls zu erfüllen. Diese Erinnerung soll mir Denkmal genug sein. Da braucht’s keinen Verdienstorden oder Gedenkstein oder, schlimmer noch, eine Skulptur… and besides: Wo soll man in dieser Gegend überhaupt noch Steine verlegen und Skulpturen aufstellen?

Die große Flut

Natürlich konnte die Rückgewinnung einer gewissen inneren Ruhe, diese temporäre Abkehr von all dem rohen und genuin Menschlichen, welches ich in den letzten Wochen zu Tage gefördert habe, ebenfalls nur durch großzügige, äußere Umbaumaßnahmen ermöglicht werden. Meine mir zur Seite gestellten Berater rieten vehement davon ab. Alleine, dass man eine Mauer bauen müsse, die das Wasser in den für die Überschwemmung vorgesehenen Bereich in ihren Grenzen halten würde, ließe die Berliner sicher auf die Barrikaden gehen. Ich nahm ihre Bedenken zur Kenntnis, kündigte ihnen fristlos, stellte mir einen neuen, aus den großen Baumeistern dieses Landes bestehenden Stab zusammen und verfolgte weiter meinen Plan. Durch einen Durchbruch des Landwehrkanals und einigen schnell abgeschlossenen Tiefbauarbeiten im Norden Neuköllns fluteten wir das gesamte Flüsseviertel.

Weg mit dieser besoffenen Masse Mensch!

Meine Gegner tobten und sprachen mir jegliche Vernunft ab. Aber das sind Menschen, die da in ihren Charlottenburger Straßencafés sitzen und ja doch nur so weit gucken können, wie ihre Zigarettenspitze reicht. Menschen also, die gar nicht wissen, was sich in den letzten Jahren hier entwickelt und zusammengebraut hat. So entwarfen wir einen Plan, wie wir der
Touristenschwemme, die sich Nacht für Nacht durch die Weserstraße drückt und schiebt, entgegenwirken konnten, dieser besoffenen Masse Mensch, die dieserorts ein Leben in Ruhe und Abgeschiedenheit nahezu unmöglich gemacht hatte. Was lag da näher, als dieser Schwemme durch eine wirkliche Überschwemmung Herr zu werden?! Und was war man mir dankbar! Auf der Donaustraße, zugegeben, gemessen an der Breite ihres Vorbildes ein wenig zu schmal geraten, passierten wir ein, zwei schlanke venezianische Gondeln, welche von geübten Flößern durch die schmale Schifffahrtsstraße aneinander vorbei gesteuert wurden und man schüttelte mir die Hände, warf mir anerkennendes Nicken und meinem Arthur ein schönes Stück Filet zu.

Ja, ich bin einer von und für Euch. Und so war eine meiner an diesem herrlichen Tag zu erfüllenden Aufgaben, mich den Bewohnern und ihren Wünschen und Ängsten zu stellen, so wie ich’s seit der großen Flut jede Woche einmal tue, da in einem meiner liebsten Kaffeehäuser: Ein knapp über dem Wasserspiegel gelegenes, großzügig von mir verändertes Gebäude, an jener Ecke, an der Ossa und Weichsel sich küssen. Es war eine ruhige, eine schweigsame Fahrt, ein Dahingleiten zwischen den Häusern, deren von den Graffitis befreiten Fassaden sich in voller Pracht diesem Kaiserwetter stellten und ich bemerkte an mir ein gewisses wieder zu Kräfte kommen.

Die Wasserstadt

Wir passierten die Elbstraße, in der wir einige Häuser enteignet hatten, um diese zu Speichern umzubauen. Es schien mir, als wäre eine neue Schiffsladung Kaffee eingetroffen. Der Geruch frischer Röstungen waberte über das Wasser, zog mir direkt in Nase und Herz und die Arbeiter warfen grobe Säcke und derbe Sprüche von den Booten in die Lager. Die besondere Stille der Wasserstadt schien ihre Stimmen sanft aufzunehmen, zu entkörpern, über der Flut zu zerstreuen. Die Stimme Thomas Manns schwebte über dem Wasserspiegel und in ihrem Schlepptau zog sanft, einem Stück Treibgut gleich, ein Rollkoffer an uns vorbei, ein Relikt des alten Neuköllns, welches nur wenige Meter hinter uns einen letzten Luftzug tat und dann ruhig, sich mit seinem Schicksal arrangiert, in der Weserstraße unter- und auf Grund ging.

Als wir in die Weichselstraße abbogen, wurde mir in der Ferne bereits mein favorisiertes Kaffeehaus gewahr; es gab dort einen kleinen hölzernen Vorsprung, breit genug gebaut, als dass man bei gutem Wetter die Fensterfronten des Gebäudes weit öffnen und den Anleger bestuhlen konnte. Ich sprang von meiner Gondel direkt an einen kleinen Tisch, Heinrich, ein äußerst zuvorkommender Ober, war sofort zur Stelle, nahm meine Bestellung auf und ich rauchte genüsslich eine Zigarette. Und auch hier geriet ich wieder in’s Schwärmen über meine mir so liebgewonnenen Dichterfreunde und entsann mich Stefan Zweigs Wiener Kaffeehaus: eine Institution besonderer Art, mit keiner in der Welt zu vergleichen. Die Welt von Gestern breitet ein Universum aus, welches ich in diesen kämpferischen Zeiten – und ich denke jeder andere halbwegs gebildete und dem Genuss verschriebene Bewohner dieses Viertels – ohne es je selber erfahren zu haben, doch in Form einer diffusen, unbestimmten Melancholie auf’s äußerste hinterhersehne. Bis vor wenigen Wochen wurde man hier noch an jeder Ecke von diesen kleinen, stickigen, vollgetrödelten Sofacafés erschlagen. Bevor wir dieses Viertel zur Flutung freigaben, schwamm man förmlich in dieser braunen, immer wieder neu und immer wieder anders und immer bitterer gerösteten Suppe, deren Vielzahl an Variationen und Namen einfach nur nichtssagend, gleichschmeckend und mir auf äußerste zuwider war.

Es lebe die Literatur!

So suchten wir uns ein paar Objekte, deren Anlagen gut genug waren, um sie mit kleinen baulichen Veränderungen in herrschaftlich angelegte Kaffeehäuser zu verwandeln. Sicher, auch hier hatten wir die ein oder andere Etage zwangsräumen müssen, waren doch Durchbrüche nach oben absolut unumgänglich, damit diese Räume der Zusammenkunft und des Miteinanders in ihrer Großzügigkeit, Klar- und Helligkeit wieder ganz aufleben konnten. Wir durchfluten die Straßen nicht bloß mit klarem, reinigenden Wasser, wir durchfluteten sie mit Licht! Und nun hatte ich also eine Institution geschaffen – auch Zweig erfuhr und beschrieb sie seinerzeit als solche – die eine Art demokratischer, jedem für eine billige Schale Kaffee zugänglicher Klub ist, wo jeder Gast für einen kleinen Obolus stundenlang sitzen, diskutieren, schreiben, Karten spielen, seine Post empfangen und vor allem eine unbegrenzte Zahl von Zeitungen und Zeitschriften konsumieren kann. In einem besseren Neuköllner Kaffeehaus lagen nun alle Zeitungen auf und nicht nur deutsche, sondern auch französische, amerikanische, dazu sämtliche wichtigen literarischen und künstlerischen Revuen der Welt, der ›Mercure de France‹ nicht minder als die ›Neue Rundschau‹, der ›Studio‹ und das ›Burlington Magazine‹.

Ein bisschen mehr Zerstörung

Auch wenn wir die Touristen aus diesem Viertel mehr oder weniger ausgeschlossen hatten, so sahen wir Neuköllner uns doch als Menschen von Welt: Wir erfuhren von jedem Buch, das erschien, von jeder Aufführung, wo immer sie stattfand. Und ich bin mir sicher, dass nichts so viel zur intellektuellen Beweglichkeit und internationalen Orientierung des Neuköllners beigetragen hat, als dass er im Kaffeehaus sich über alle Vorgänge der Welt so umfassend orientieren und sie zugleich im freundschaftlichen Kreise diskutieren konnte. Tagtäglich saßen die Menschen dort, saßen so lange, bis die letzten Gondeln die Bewohner zu ihren Häuser, zu ihren Liebsten gebracht hatten; und noch für Stunden schwebten wir auf den Balkonen über den dampfenden Flüssen und genossen das Farbspiel einer untergehenden Sonne auf den Gewässern dieses Viertels. Und während ich da so saß, ganz und gar in den Farben und in der Ruhe dieses spätsommerlichen Abends versunken, stellte sich Heinrich an meinen Tisch und fragte, ob es denn noch was sein darf. Und ohne zu zögern antwortete ich: „Ein bisschen mehr Zerstörung.“ Mir war schon wieder fad geworden. Und konnt‘ mich selbst kaum noch lesen.

Im nächsten Teil: In Demolierung #05 gibts auf die Ohren!

Text: Alexander Krug
Gestaltung: Paul Voggenreiter / Hirn Faust Auge
Cover: Joachim Lenz
Illustration: Jurek Urbanski

 

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