von am 28. Februar 2016

Cover Demolierung 06: Flammende ZeitenDas vierte Kapitel war kaum zu ertragen. Braucht’s denn wirklich so lange Sätze, um etwas zu demolieren? Damit ist jetzt Schluss. Es muss alles brennen! 

Die Kurzgeschichten von Alexander Krug wachsen mit jedem neuen Teil zu einem Buch heran. Du kannst zum lesen in den E-Book-Modus wechseln oder einfach darunter weiterlesen.

„Da hinten“, Choltiz zeigt in Richtung Schillerkiez, da brennt’s schon wieder.“

Ich goss uns beiden Champagner nach und bot ihm eine Zigarette an. Er lehnte dankend ab. „Manchmal denke ich immernoch, dass es ein Fehler war, Reisch mit ins Boots zu holen.“

Choltitz nippte an seiner Schale, ging kurz in sich und griff dann doch nach den Kippen.

„Was heißt Fehler. Er hat ja nicht ganz unrecht. Die ganze Zeit über redet und redet man und tut ja doch nichts.“

Er zog den Rauch tief in sich hinein.

„Das vierte Kapitel war kaum zu ertragen. Braucht’s denn wirklich so lange Sätze, um etwas zu demolieren?“

Wir rückten ein wenig näher an den Rand des Parkdecks auf den ausgebrannten Arcaden. Kurz danach dachten wir, es in jener Nacht wirklich en bisschen übertrieben zu haben. Drei lange Tage schwelten die Brände, die Feuerwehr sah sich nicht im Stande sie zu löschen. Es barsten die Mauern, die Wände. Es zerstoben in Luft und Flammen und Rauch alle Möbel, alle Einrichtung, alle Akten im Rathaus. Es zerprallte der leuchtende Vogel auf dem Dach des Kaufhauses zu flammendem Staub. Und wir vier standen wie staunende Kinder davor und genossen den Anblick der Flammen, wie sie in diesem überbevölkertem Dachgarten wüteten und alles zu einem Gespensterbrei zusammenschmelzen ließen.

Erst ein erneutes Aufflammen des Herrfurthplatzes holte mich zu Choltitz zurück.

„Niemand konnte ahnen, dass Reisch auf dem Zeug hängenbleibt und einfach so weitermacht. Dafür ist er jetzt“, er schenkte uns beiden noch ein Glas ein, „das perfekte Bauernopfer.“

Das stimmte. Schon wenige Tage nach unserer Tat brüsteten wir uns damit, den Feuerteufel ausfindig gemacht zu haben. Gleichzeitig legte ich dem Senat einen Plan vor, wie wir das Ausbrennen der beiden Betonkolosse zum städtischen, gesamtgesellschaftlichen Vorteil nutzen könnten. Ich nannte das ganze einen Frontbericht, zugegeben, das klang schon sehr kämpferisch. Aber wie ich da so vor dem Senat stand und mein flammendes Plädoyer schamlos mit einem Zitat von Alejandro Aravena abschloss – dass, um der wachsenden Zahl unterprivilegierter Menschen ein humanes Wohnen zu ermöglichen, breit angelegte Handlungskompetenzen vonnöten seien und es hierzu mehr brauche als nur Professionalität auf dem Feld der Architektur, sondern eben auch einen professionellen schnellen und umfassenden Umgang mit den nun vorgefundenen Demolierungen -, fühlte ich mich wirklich als der Staatsmann, der ich ja vorgab zu sein. Und in dessen Folge räumte man mir und meinem Team (ausgenommen natürlich Reisch) eben jene Kompetenzen ein, um deren Erweiterung willen wir ja alles in Brand gesteckt hatten.

Gut, es ist vielleicht eine noch nicht ganz so menschenwürdige Behausung, wie es unsere Idee vorsieht. Es fehlt noch der sogenannte letzte Schliff – Heizungen, Sanitätanlagen, Fenster, sowas eben. Aber durch unsere Nacht-und-Nebel-Aktion hatten wir zahlreichen Flüchtlingen ein Dach über dem Kopf geschaffen. Wir mussten nur erstmal wieder für Sicherheit sorgen und Herr über die durch die Straßen marodierenden Banden werden, die, ähnlich wie wir, Verschiedenstes an diesem Stadtteil ausprobierten. Ihre Gründe waren allerdings bei weitem nicht so edel wie die unsrigen. Verdammte Trittbrettfahrer. Dennoch verbesserte sich allmählich die allgemeine Lage und Stimmung, so hatte zum Beispiel jemand kürzlich Erst wohnen, dann kaufen! an die Mauern der Arkaden gesprüht. Es gab also Unterstützer.

„Das hört einfach nicht auf!“

Choltitz zeigte auf ein anderes, in Flammen aufgehendes Dach. Mit hochgezogenen Augenbrauen und abgespreitzten Fingern schauten wir von oben herab auf das neue Neukölln da unter uns. „Irgendwann wird auch der sich beruhigen. Mich nervt nur der Kontrollverlust ein wenig. Demolierung hat zwar mit Freiraum, mit Kontrollabgabe des Künstlers zu tun, aber ich kann nicht anders als kontrolliert. Apropos: Wo steckt eigentlich Schwitzke?“

„Na der ist doch beim BER.“

Ich stecke mir noch eine Zigarette an.

„Achso, ja, die Geschichte. Na dann sollten wir Reisch vielleicht sogar weitermachen lassen.“

Denn sollte alles nach Plan verlaufen, würde eine Erweiterung der Start- und Landebahnen des Flughafens Tempelhofs unausweichlich werden.

Ich zog mich an Choltiz‘ Arm hoch, ich war schon ein wenig angetrunken. Schulter an Schulter wanderten wir gedankenversunken auf die andere Seite des Parkdecks in Richtung Flüsseviertel, näherten uns den schnarrenden Kommandos der Busfahrer, die einem noch hier, über den Dächern der Stadt, in Mark und Bein fuhren. Bei dem Versuch, ein Ende des Schienenersatzverkehrs am Horizont auszumachen, mussten wir einander festhalten, damit wir nicht in die Tiefe fielen.

„Wenn wir fallen, fallen wir immerhin weich.“

Choltitz war, wie immer, die Ruhe selbst. An den Haltestellen hatten sich riesige Menschentrauben gebildet und es wunderte mich, dass noch keine Panik ausgebrochen war. Ärgerte ich mich vielleicht sogar darüber?

„Schau’s dir an!“ Da fordert man sie auf, ihr gesamtes Hab und Gut mitzunehmen, und das passt dann auch noch in einen Weekender. Ich frag mich wirklich, wie du das geschafft hast.“

Ein vor Menschen schier berstender Bus fuhr in Richtung Rudow ab. Sekunden später war schon der nächste zur Stelle.

„Ach, das erzähle ich dir beim nächsten Mal. Gehen wir noch was trinken?“

Der Zeiger der Rathausuhr stand seit dem großen Brand auf kurz nach eins. Doch seitdem die Bars per Erlass gezwungen werden, vierundzwanzig Stunden am Tag geöffnet zu haben. war die Zeit eh egal.

„Das mit Arthur tut mir übrigens leid. Verdammt, dieser Reinsch…“

Choltiz klopfte mir kondolierend auf den Rücken.

„Passt schon.“

Ich spendierte uns noch eine Runde Zigaretten, ihr Glühen war das einzige, was man in diesem Treppenhaus noch sehen konnte. Choltitz stolperte über ein paar freiliegende Kabel, aber anstatt ihm auf die Beine zu helfen, stand ich nur stumm da und dachte darüber nach, ob unser Wahnsinn nicht vielleicht doch ein wenig zu sehr ansteckt.

Text: Alexander Krug
Gestaltung: Paul Voggenreiter / Hirn Faust Auge
Cover: Joachim Lenz
Illustration: Jurek Urbanski

 

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