von am 23. Dezember 2015

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Schluss mit dem Gerede, jetzt werden Realitäten geschaffen! Rixdorf erstrahlt in wildem Glanz, die Donaustraße ist Geschichte. Aber geben sie acht: Hier wird geschossen!

Die Kurzgeschichten von Alexander Krug wachsen mit jedem neuen Teil zu einem Buch heran. Du kannst zum lesen in den E-Book-Modus wechseln oder einfach darunter weiterlesen.

Ein endlos weißer Kondensstreifen zerteilte den Himmel und blieb noch lange im strahlenden Blau bestehen. An seinen Seiten fiel die Sonne hinunter, sie ließ die ausgehobene Erde in ihren reinsten Farben erstrahlen. In den Farben saßen die Arbeiter. Sie saßen vor ihrem Werk und dort sangen sie ihre Lieder. Frohgefärbte Töne schwebten durch die Luft und strömten durch das geöffnete Fenster hinein in mein vor kurzem bezogenes Appartement. Sie wurden von dem harzigen Duft eines ausklingenden Spätsommers getragen. Nichts war an diesem Tag ins Trübe verzerrt, kein Schleier lag über den Dingen. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite war in der letzten Nacht what people do for money über eine komplette Fassade gesprüht worden. Es schien mir ein guter Tag zu werden.

Ich schnippte gefällig meine Zigarette vom Balkon, rein in die aufgerissene Karl-Marx-Straße, deren Ende sich von hier aus irgendwo im Horizont verlief. In gleichem Maße unabsehbar waren nun auch die Bauarbeiten in dieser Straße geworden, welche auf meinen Erlass hin für die kommenden achtzig Wochen eingestellt worden waren. Den Körnerpark hatten wir mit dem aus der Karl-Marx-Straße entnommenen Material wieder befüllt. Die dort nun in aller Regelmäßigkeit stattfindenden Hundekämpfe waren innerhalb kürzester Zeit zu einer Institution des öffentlichen Miteinanders, waren durch und durch Kiez geworden und, zugegeben, die Teilsanierung der U7 war mir wirklich scheißegal. Ich wollte den Rest des Jahres nichts anderes als meine Ruhe haben – die Lieder der Arbeiter dort unten, das waren die Lieder von nunmehr bezahlten Urlaubern.

Der Tag war noch nicht so weit vorangeschritten, es gingen sich also locker noch zwei Campari-Soda aus, die ich dem Herrn Senator und mir mixte, bevor wir uns auf den Weg nach Rixdorf machten. Dort wollten wir ein Projekt begehen, dessen Umsetzung mir von Anfang an sehr am Herzen gelegen hatte. Im Senat erzählte man sich schon, wir, also der Senator und ich, wir hätten uns gesucht und gefunden, wären Brüder im Geiste. Aber eigentlich war das Ganze doch eher eine Art master and servant Spiel mit, zumindest für sie als Leser, offensichtlicher Rollenverteilung. So oder so: Ich war ganz toll vor Freude meinem „Bruder im Geiste“ mein neustes Werk zu präsentieren.

Wildes Rixdorf: Zurück zu den schmutzigen Wurzeln

Ich hatte den Senator im Vorfeld darauf hingewiesen, festes Schuhwerk mitzubringen und während er sich an seinem Drink festhielt und dabei sein plumpen Wanderstiefel hochschnürte, suchte ich mir aus dem Kleiderschrank eine Kombination zusammen, die ein Mindestmaß an Funktionalität aufweisen, in erster Linie dennoch elegant wirken sollte. Wald hin oder her: Unter keinen Umständen würde ich auf meinen Homburg verzichten.

Ich nahm Arthur an die Leine (als mir klar wurde, dass seine Kräfte dann doch so langsam schwanden, kaufte ich ihn auf Staatskosten frei) und verließ zusammen mit meinen beiden Begleitern meine geräumige airbnb-Beletage in Richtung wildes Rixdorf, einer kleinen Gemeinde, die Berlin sich im Laufe der Zeit vollständig einverleibt hatte, spätestens jetzt aber ihrem ursprünglichen Namen und Ruf wieder gerecht werden konnte.

Zum Dank: Frisches rohes Fleisch!

Der Senator sah an meiner Seite aus wie ein Clown: Er trug einen billigen Ein-, ich hingegen einen klassischen Aufsteigermantel. Fremdscham ließen Arthur und mich also beharrlich ein paar Schritte vorausgehen, immer tiefer in den von uns dort installierten, dunklen und auf gefährlich getrimmten Wald hinein: einen das Dorf vollständig umfassenden, grünen Gürtel, dem natürlich ein paar Straßenzüge hatten weichen müssen. Aber seien wir ehrlich: Wer hätte schon der Böhmischen- und auch der Donaustraße auch nur eine Träne hinterher geweint, Sie etwa? Im Gegenteil! Mit tiefer Dankbarkeit bedachten mich die Jäger, deren Hände sich mir gerade zum Gruß erhoben hatten und welche mir seit Wochen schon in beständiger Regelmäßigkeit nur die besten Teile des frisch geschossenen Wilds vor die Türe legten, genau so wie es die Katze macht, wenn sie ihrem Besitzer ihren Dank erweisen will. Süß.

Sauft Freunde, sauft!

Arthur und ich mussten lange auf den Senator warten. Während mein Hund die Hühner über den Marktplatz scheuchte und schreckte, ließ ich mir die strahlende Sonne ins Gesicht scheinen. Schwer beladene Fuhrwerke zogen an mir vorbei, auf ihren Ladeflächen saßen saftige Äpfel kauend die Bauernjungen. Irgendwann, gefühlte Stunden später, tauchte hinter einem dieser Gespanne der Zurückgebliebene auf. Er wankte erschöpft die Richardstraße entlang und hatte größte Mühe, den Fäkalien auszuweichen, die aus den oberen Stockwerken auf den Gehsteig gekippt wurden. Bei uns angekommen, sah ich, wie ihm der Schweiß in Strömen hinunterlief und sogleich auf seiner Zornesröte verdampfte, die ihm wohl die Zöllner ins Gesicht getrieben hatten. Ganz offensichtlich war er mit den Wechselkursen noch nicht allzu vertraut, hatte sich, wie man so schön sagt, über den Tisch ziehen lassen. Ich hingegen hatte äußerst gute Laune, konnte folglich über seinen leeren Geldbeutel und das von Sträuchern zerfetze Beinkleid hinwegsehen und lud ihn in eine am Rand des Richardplatzes gelegene Wirtschaft ein. Wir tranken schweres, dunkles Bier und aßen dazu Wildschwein mit Kraut. Neben uns betranken sich die Schmiede nach vollbrachtem Tagewerk – dass wir diesen Ort nun wieder nach Gilden organisiert und zusätzlich eine neue Währung eingeführt hatten, tat dem hier ansässigen Handwerk sichtlich gut. Jaja, Herr Senator, da schauen sie was? Hier wird nämlich noch aus purer Freude gesoffen! Der Handel und das Handwerk, hier floriert’s wieder!

Für ein paar Kreuzer vögeln

Ich warf nach dem Essen großzügig die Taler auf den Tisch, schüttelte hier und dort ein paar grobschlächtige Hände, erkundigte mich bei Louis, dem von mir eingesetzten Ortsoberen, nach dessen Wohlbefinden und fragte ihn, ob sich denn schon eine neue Nutzungsmöglichkeit der Villa Rixdorf hat finden lassen. Und wirklich, auch hier hatte man nun das passende Gewerbe gefunden und installiert. Eher unfreiwillig bot ich dem Herrn Senator an, mich dorthin auf eine kurze Stippvisite zu begleiten, aber dieser lehnte dankend ab: Er wollte noch im Hellen nach Hause finden und da wir Rixdorf ja schon mit dem ersten Spatenstich vollständig vom Internet gekappt hatten, war sein brandneues 6s, welches ihm den Weg hätte zeigen können, hier dementsprechend nutzlos. Er würde bei der Durchquerung des Waldes also wieder auf sich alleine gestellt sein. Darüber hinaus hätte er Frau und Familie, die auf ihn warten würden. Erleichtert gab ich ihm zum Abschied eine Umarmung samt Judaskuss, winkte einen Fiaker herbei und ließ ihn bis zum Waldrand bringen. Ich hingegen ging für ein paar Kreuzer ausgiebig vögeln.

Text: Alexander Krug
Gestaltung: Paul Voggenreiter / Hirn Faust Auge
Cover: Joachim Lenz
Illustration: Jurek Urbanski

 

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