von am 27. Januar 2016

Cover Demolierung 05: Davon geht die Welt nicht unter, dass man sie zerstörtAch, was ist er doch wieder für ein Schelm! Geht vollkommen in der Rolle des Baudirektors auf, der noch einmal einen richtigen Lausbubenstreich machen will. Mit ihm im Boot: seine demolierungswütigen Berater.

Der Kurzgeschichtenreihe Teil #05, Sonderausgabe: Diesmal als Hörspiel! Darunter wie gewohnt auch als E-Book zum lesen. Für Demolierungsanfänger: Hier gibts die Demolierung, Teil #01-04.

Die Kurzgeschichten von Alexander Krug wachsen mit jedem neuen Teil zu einem Buch heran. Du kannst zum lesen in den E-Book-Modus wechseln oder einfach darunter weiterlesen.

schwitzke Geh bitte. Von dieser verdammten Ruderei fallen mir gleich die Arme ab.

ich Nachtruhe ist Nachtruhe, daran haben auch wir uns zu halten und außerdem…

choltitz …ich hab’s Ihnen jetzt schon tausendmal gesagt, der Herr Baudirektor ist momentan für niemanden zu erreichen. Nein. Nein. Auch nicht in dieser Angelegenheit

ich Kannst du jetzt mal bitte diese verdammte Telefoniererei lassen?

Choltitz hält das Handy vom Ohr weg, schirmt’s mit seiner Hand ab

choltitz Wenn ich den Herrn Baudirektor daran erinnern darf: Du warst es, der den halben Bezirk geflutet hat. Und nun wundert’s dich, dass das Telefon nicht stillsteht?

schwitzke Das verdammte Boot wird gleich stillstehen, wenn ihr drei nicht auf der Stelle mit anpackt!

ich Jetzt reiß dich bitte schön mal zusammen! Da vorne ist doch schon die Sonnenallee, da legen wir an und dann

choltitz …wie gesagt, heute ist er für niemanden mehr zu erreichen. Rufen sie morgen früh wieder an und dann.. ja, ja, ich verstehe schon Frau Bürgermeisterin, sicher, aber den Tunnel der U7 haben’s doch eh schon aufgerissen, da kann man doch sicher auch mit den Einflutungen…

In einer Wohnung springt Licht an. Ein Fenster öffnet sich.

mann (schreit) quiet down there, it’s fucking eleven!

Arthur springt auf und bellt. Reisch springt auf, zieht eine Waffe und richtet sie auf den Hund. Ich springe ebenfalls auf, drücke Reisch zurück auf die Bank. Das Boot schwankt gefährlich.

ich Erstens: Wage es nie wieder eine Waffe auf meinen Hund zu richten! Und zweitens…

choltitz …dann braucht’s halt eine neue Substanz. Sehen sie es doch mal so: Wir brauchen nun ein ganz neues Bauwesen in dieser Stadt, nicht? Das schafft Jobs ohne Ende, denken sie an Amsterdam: Fünf Millionen Holzpfähle halten diese Stadt über Wasser! Fünf Millionen! So viele brauchen wir hier gar nicht, aber irgendwie müssen wir die aus dem Biesenthaler Becken hierher schaffen und in die Fundamente einziehen. Ganz Neukölln wird bald wieder in Lohn und Brot…

ich …woher hast du diese verdammte Waffe?

reisch Karl-Marx-Straße Ecke Hermannplatz. Meier, 1. OG. Da willst du nur einmal ein bisschen die Sau rauslassen, geben sie dir gleich ne P12 mit, quasi zum Nulltarif.

schwitzke Ist das nicht dieses neue Modell für die Spezialkräfte?

reisch Ja, ohne Triggerstop und manuelle Sicher…

ich Könnten wir uns hier bitte wieder auf unsere eigentliche Aufgabe konzentrieren und uns nicht in irgendwelches Fachgesimpel…

choltitz …ja natürlich ist das Biesenthaler Becken schön, aber sie müssen verstehen, die Bäume dort sind ideal! Das wurde uns von den verschiedensten Institutionen versichert und davon mal ganz abgesehen, geht die Welt nicht unter, bloß weil…

ich Wenn du jetzt nicht sofort auflegst, schieß ich dir gleich das Handy aus der Hand…

reisch Oh, auf einmal wird die P12 doch wieder interessant für den Herrn Baudirektor?

schwitzke Darf ich die mal anfassen?

ich (laut) Hände wieder an’s Ruder!

mann (schreit) shut your fucking mouth down there!

Reisch springt auf, will zurückschreien. Die anderen können ihn gerade noch zu Boden drücken. Das Boot ist dem Kentern nahe. Arthur leckt sich die Eier, als wär’ nichts gewesen.

choltitz Nein, da war gar nichts. Irgendein Streit auf dem Balkon, nichts von Belang. Also Frau Bürgermeisterin, wie schon gesagt…

ich Jetzt würg‘ die Alte endlich ab!

schwitzke Findet ihr nicht auch, dass diese Mischung aus Tilidin und Kokain unserer Gruppendynamik nicht unbedingt, sagen wir… gut tut? Also nicht, dass ich mich nicht gut fühle, aber irgendwie…

ich Ach, papperlapapp. Das nehmen sie alle hier. Wir mussten immerhin kein Rezept fälschen, um an das Zeug zu kommen; und für das, was wir vorhaben..

reisch Darüber würde ich auch gerne nochmal sprechen, was genau machen wir

choltitz …ich versichere Ihnen, er wird sich direkt morgen früh bei ihnen melden. Ja. Ja. Ja, sicher. Das macht ja auch Sinn, aber es ist elf Uhr durch und Sie wissen selber, wie erschöpfend so ein Politikerdasein sein kann, deswegen…

ich Jetzt wimmel sie endlich ab!

Choltitz hält das Handy beiseite.

choltitz Es ist nicht so einfach die Bezirksbürgermeisterin abzuwimmeln, wenn gerade der Tunnel der U7 mit mehr oder weniger UNSEREM Wasser zuläuft und die halbe Stadt morgen früh nicht zur Arbeit…

schwitzke Dass ich nicht lache! Die halbe Stadt ist doch eh arbeitslos!

choltitz Jetzt hör mal zu Dr. Einstein: Wo’s die eine Hälfte gibt, da gibt’s auch immer noch eine andere…

ich Schwitzke, zum letzten Mal: Hände an’s Ruder! Und du Choltitz

reisch …also, was genau ist unser Plan? Erst brechen wir in eine Apotheke ein, dann gehen wir an eine Tankstelle, fragen unabhängig voneinander nach einem Kanister Benzin, leeren Pfandflaschen, Taschentüchern, Streichhölzern…

schwitzke Also, dass dieser Einkauf diesem pubertären Tankwart nichts sagt, eh klar. Aber wenigstens du…

Reisch straft Schwitzke mit einem Blick ab

reisch …und jetzt schippern wir hier mitten in der Nacht die Fuldastraße entlang, vollgepumpt mit Opiaten, schießen uns fast gegenseitig über den Haufen

Choltitz blickt vom Handy auf

choltitz Die Waffe hast du in’s Spiel gebracht!

wieder an’s Handy

choltitz Nichts Frau Bürgermeisterin, ich schau da nur gerade Tatort…

reisch (flüstert) Ich wollte halt nur mal wissen, ob’s wirklich so einfach ist, sich in Neukölln eine Knarre zu besorgen. Ist das etwa verboten?

ich Verboten oder nicht, das ist doch jetzt scheißegal. Hauptsache du hast keinen nervösen Finger.

schwitzke Also so ein bisschen hemmungslos hat mich das Zeug schon gemacht…

ich Dafür ist’s ja auch da. Deswegen nehmen sie’s ja auch alle hier.

schwitzke …aber diese kristalline Härte da im Kopf, ja, die hat schon was.

ich Gewöhn dich nicht dran. Das hier ist eine einmalige Aktion!

reisch Und worin genau besteht denn jetzt diese einmalige Aktion, ich muss doch wissen…

Das Boot stößt recht unsanft an den Anleger Fuldastraße Ecke Sonnenallee

schwitzke Ups.

choltitz Nichts, Frau Bürgermeisterin. Also, wir kümmern uns darum. Gleich morgen früh, ja? Also, auf Wiederschauen Frau Bürgermeisterin. Ja? Ja. Sicher. Bis morgen dann. Wünsche eine gute Nacht zu haben, Frau Bürgermeisterin.

reisch (fistelt) Wünsche eine gute Nacht zu haben Frau Bürgermeisterin – ich kann’s nicht mehr hören, dieses Rumgeschleime…

choltitz So funktioniert nunmal Politik!

reisch Und seit wann sind wir Politiker?

ich Nur für’s Protokoll: Ihr seid keine Politiker, ihr seid meine Berater, ok? ICH mache hier die Politik, ihr seid diesbezüglich nur ein Haufen Dilettanten, welche die einmalige Chance von mir bekommen haben, hier ihre Erfahrungen hinsichtlich jedweder Form von Zerstörung und Abriss mit einzubringen, ja? Und wenn wir jetzt nicht endlich aufhören uns gegenseitig in den Wahnsinn zu treiben, dann schreiben wir schon bald DIE Erfolgsgeschichte schlechthin! Nämlich die der Errichtung eines menschenwürdigen Bezirks, einer menschenwürdigen Stadt!

schwitzke Deine sogenannte ‚Erfolgsgeschichte‘ an der du schreibst nennt sich ‚Demolierung‘. Was‘n das überhaupt für ein scheiß Name?! Demolierung.

ich Ich glaube, ich habe euch oft genug erklärt, was es damit auf sich hat, oder? Choltitz, verdammt, würdest du auch mal was dazu sagen?

choltitz Demolierung gleich Rückbau gleich Abriss gleich Wiederaufbau gleich neuer Mensch undsoweiterundsofort. Können wir uns jetzt vielleicht dem Wesentlichen zuwenden?

schwitzke Und das wäre?

ich Wir beschmeißen das Rathaus Neukölln mit Molotowcocktails.

schwitzke | choltitz (im Chor) Was?

ich Dazu noch das Auto der Bürgermeisterin und vielleicht auch ein paar Teile von den Arkaden. Seit die diese Weihnachtsbeleuchtung installiert haben, macht mich dieser graue Konsumrumpf ganz kirre.

choltitz Wir schippern hier durch Nacht auf Nebel auf fragwürdigen Drogen und klapprigen Booten durch das halbe Viertel, nur um einen Brandanschlag auf das Büro der Bürgermeisterin zu verüben? Bist du jetzt vollkommen wahnsinnig?

ich Ein bisschen schon. Endlich.

schwitzke Mir gefällt’s. Dieser Klotz ist doch eh nur noch Sinnbild einer versteinerten Politik. Und dir sollte es nach dem Telefonat, was du gerade hast führen müssen, eigentlich auch…

reisch Und so wird unsere geliebte Frau Bürgermeisterin heute Nacht noch das Wasser zu schätzen wissen, welches ihr so viele schlafl ose Nächte bereitet hat.

ich bullseye! Wir schärfen ihr ja nur ein wenig die Sinne für unsere Idee, nicht? Und wenn dabei noch so eine kleine Erweiterung unserer Kompetenzen bei rauspringt…

schwitzke Apropos Sinne schärfen: Gibt’s noch was von dem Zeug?

Wir stehen am Anleger, die Blicke auf den ungefluteten Teil der Fuldastraße gerichtet. Am Horizont die Neuköllner Arkaden, deren kitschige Beleuchtung wir bald in Flammen setzen werden. Arthur umkreist unsere Beine und ich klopfe jedem meiner Berater einmal fest auf die Schulter.

ich Denn davon geht die Welt nicht unter, dass man sie zerstört.

schwitzke | reisch | choltitz | artthur | ich ab.

Text: Alexander Krug
Gestaltung: Paul Voggenreiter / Hirn Faust Auge
Cover: Joachim Lenz
Illustration: Jurek Urbanski

Hörspiel:
ich: christian vulpus
choltitz: johan kornder
schwitzke: jakob maurer
reisch: rupert adlmaier
typ am fenster: gordon raphael

audio-production: kvg
recorded at 908audio

 

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