Reste vom Feste

2018 ist da. Der Ausnüchterung folgte alsbald die Ernüchterung. Unser Neujahrsspaziergang führt vorbei an verschlissenem Feuerwerk, verlorenen Schuhen, geworfenem Obst und dem ausgebrannten Musikhaus Bading.  

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Während die Berliner Polizei im Radio von einer durchschnittlichen Silvesternacht spricht, knallt es in den Hinterhöfen Neuköllns noch versetzt vor sich hin. Die ersten Späti-Besitzer fegen schon die matschigen Knaller-Haufen vor ihrem Geschäft zusammen. Ein weiser Zug, bevor sich die Pappen nicht mehr von den Hundehaufen auf dem Gehweg unterscheiden. Dem Gehweg, wo die Baumscheiben als Abschussrampen für Raketen genutzt wurden.

Ein Typ bringt den Spatzen im Busch neben dem Böhmischen Platz Brotkrumen, als wolle er sich für das Geballer direkt neben ihrem Domizil entschuldigen. Immerhin steht auf der Tischtennisplatte der Moet gleich neben der leergefeuerten Hundertschüsser-Batterie. Und ein Schlaukopf hatte irgendwann zwischen Mitternacht und Morgen Lust auf römische Knaller-Sandwiches.

Während am Freundschaftplatz auf dem Schachbrett eindeutig Bombette, Kosmetensturm und der Lord of Whistle gegeneinander antraten statt der schwarz-weißen Figuren. Kann ja keiner ahnen, dass jeder Zweite die Schreckschusspistole rausholt, wenn der Zunder alle ist.

Manchmal muss man auch zu drastischen Maßnahmen greifen und sich mit Obst zu helfen wissen. Derweil gewinnt am Himmel das Katergrau gegen die zaghaften Lichtstrahlen und die kleine Gang vom Hertzbergplatz hält des Onkels Feuerzeug an alles Zündbare, während dieser fluchend in den Sofaritzen danach sucht.

Die Straßen liegen voll mit ungenutztem Potential, für den, der es zu schätzen weiß. Aus der folgenden Pfütze ums Eck könnte Sherlock Holmes bestimmt das halbe Leben der schuhlosen Lady lesen, aber in der harten Berliner Realität ist es wie folgt: Wenn du um Mitternacht einen Schuh verloren hast, ist das Leben längst kein Märchen mehr. Vielleicht warst du auch einfach nur zu betrunken.

Und als wollten sie eben jene Straßenweisheit bestätigen, stolpert eine Gruppe schwarz gekleideter aus der Gasse zur Grießmühle. Die angebrochenen Sektflaschen scheinen ihnen schwer an den Armen zu ziehen und der Weg zur 100 Meter entfernten Busstation eines der größten Rätsel ihres Lebens.

Ein trauriger Anblick bietet sich vorm altbekannten Musikhaus Bading an der Karl-Marx-Straße. Laut Feuerwehr-Meldung mussten hier wegen eines Durchbrands vom Ladengeschäft, drei Personen aus dem Gebäude gerettet und ins Krankenhaus gebracht werden. Davor liegen angekokelte und zusammengeschmolzene Notenhefte, Regale und Gitarrenkoffer. Die Ersten suchen schon in den Überresten nach Brauchbarem.

Eine ältere Frau in Bikerjacke schimpft empört ihre drastischen Lösungsansätze fürs neue Jahr heraus: Erschießen müsse man diese grausamen Menschen, die imstande sind derlei anzurichten. Grimmig stampft sie davon.

Auf den Schreck gönnt sich der Häufchenhalter erstmal eine Fluppe, in der Hoffnung, dass die nicht mehr all zu sehr knallt und bemitleidet seine Artgenossen für Brandblasen und Inkontinenz wegen unkontrolliertem Böllergenuss. Da bleibt dann auch nichts für den Flaschensammler übrig. Obwohl die Cleveren längst unterwegs sind.

Und was bleibt? Extraschichten für BSR-Mitarbeiter, viel Futter für hungrige Stadttiere und die Hoffnung auf eine gute Versicherung und viele Helfer und Unterstützer beim Musikhaus Bading. Und auf Tauben, die wissen, welche Krümel genießbar und welche eher explosiv sind. Die Frage, ob Böller oder Bitcoins mehr Geld verbrennen, bleibt abermals unbeantwortet.

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