von am 13. August 2012

Foto: Frank Essers (CC BY-NC-SA 2.0)

Die Kritik an den Inhalten und Protestformen der Anti-Gentrifizierungs-Bewegung ist richtig und wichtig. Nun ist es aber an der Zeit, zum eigentlichen Problem zurückzukehren. Ein Kommentar.

Seit einiger Zeit schwelt der Streit im Lager der linken Gentrifizierungsgegner. Auslöser war die Kritik von Gruppen wie der „Hipster Antifa Neukölln„: Ihr Ansatz ist, dass die Aufwertung von Vierteln nicht per se schlecht sei, da im Grunde alle Anwohner von besseren Lebensbedingungen profitieren würden. Gleichzeitig werfen sie vielen Gentrifizierungsgegnern vor, mit ihrer Ablehnung des Zuzugs von Auswärtigen eine Art „Heimatschutz“ zu betreiben. Ähnlich sieht es auch die Kampagne „Spot the Touri“ des Blogs „Andere Zustände ermöglichen“ (AZE), die sich noch konsequenter auf das immer häufiger auftretende „Touristen-Bashing“ konzentriert (wir berichteten). Die Initiative vergleicht die Parolen mit Fremdenhass aus dem rechten Lager, der völkische Ressentiments bedient.

Lange Zeit diskutierten primär linke Internet-Foren das Für und Wider der Kritik an den Aussagen und Handlungen der klassischen Gentrifizierungsgegner. Doch der Fokus der Medien der letzten Wochen sorgte für eine deutlich breitere Aufmerksamkeit. Der Grundtenor war dabei meist sehr positiv, abgesehen von einem Teil der extremen Linken, die sich dadurch verunglimpft sah und von einer möglichen Spaltung der Bewegung sprach.

Wichtige Differenzierungen in der Gentrifizierungsdebatte

Und das vollkommen zu Recht. Denn mit ihren Einwürfen hat die „Hipster Antifa Neukölln“, ähnlich wie die Leute hinter „Spot the Touri“, viel dafür getan, die allgemeine Gentrifizierungskritik differenzierter zu machen und damit deutlich voran zu bringen. Erfolgreich haben sie darauf hingewiesen, dass auf inhaltsleeren und verkürzten Parolen keine Bewegung aufbauen kann, die sich konstruktiv den herrschenden Problemen wie steigenden Mieten und Verdrängung annimmt. Den einfachen Gegensatz zwischen zugezogenen Gentrifizierern und den „Alteingesessenen“, die Opfer steigender Mieten werden, haben sie aufgelöst. Sie zeigten, dass auch die vermeintlich preistreibenden „Yuppies“ größtenteils Studenten und junge Künstler sind, die knapper Wohnraum und steigende Mieten in anderen Stadtteilen nach Neukölln ziehen ließ.

Ebenso wichtig ist die Erkenntnis, dass der Versuch einer aktiven Abwertung des Viertels ein Schuss ins eigene Bein ist. Niemand kann daran interessiert sein, neu entstandene Infrastruktur wie Kinder- oder Bioläden zu vertreiben, bloß um das Image eines vermeintlichen Problembezirks aufrecht zu erhalten. Die Aufwertung eines Viertels mag zwar zur Zeit meist einhergehen mit steigenden Mieten und Verdrängung. Jedoch ist eine Trennung der beiden ebenso möglich – wenn die Politik ihre Gestaltungsmöglichkeiten nutzt.

Das eigentliche Problem aus den Augen verloren

Und hier liegt zur Zeit der Knackpunkt. Die szeneninterne Kritik hat die Diskussionen zum Thema Gentrifizierung zwar deutlich voran gebracht. Doch geriet das eigentliche Problem, die steigenden Mieten und die stattfindende Verdrängung, dadurch in den letzten Wochen zu sehr in den Hintergrund. Denn auch wenn das Thema Gentrifizierung nun differenzierter betrachtet wird, verschwinden davon die Verdrängungsprozesse auch nicht. Im Gegenteil, die Einwürfe wirken bei aller Differenziertheit und Betonung dessen, dass man selbst gegen Gentrifizierung ist, teils zu sehr verharmlosend. Wie ein Festrennen im kleinteiligen Diskurs, der den größeren Zusammenhang dabei aus den Augen zu verlieren droht.

Nun ist es an der Zeit, diesen Seitenarm der Diskussion wieder mehr zu verlassen und sich gestärkt und mit hoffentlich vielen neuen Unterstützern dem eigentlichen Problem steigender Mieten und Verdrängung zu widmen.

Als mögliche Zäsur in diesem Bereich könnte da die öffentliche Vorstellung der Kampagne „Spot the Touri“ in der B-Lage am vergangenen Donnerstag gedient haben. Nach kurzer Erläuterung, was genau das Anliegen der Kampagne ist, wurde sie zur Diskussion freigegeben. Doch ziemlich schnell zeigte sich, dass unter den knapp hundert Besuchern kaum Diskussionsbedarf zu diesem Thema bestand. Die Nachricht schien bei allen bereits angekommen und vor allem auf Zustimmung gestoßen zu sein. Nun ist es an der Zeit, den Druck auf die Politik erneut aufzubauen. Denn nur so kann auf Entscheidungen gedrängt werden, die den derzeitigen Prozessen wirklich ernsthaft entgegenwirken können.

Noch immer genug Probleme vorhanden

Mittel dazu wären umfangreiche Projekte im Bereich des Milieuschutzes, wie die Festlegung von Mietobergrenzen. Oder aber der soziale Wohnungsbau, der dann aber – anders als derzeit am Kottbusser Tor – wirklich sozial verträgliche Mietpreise sicherstellt.

Es gibt also durchaus noch viel zu tun. Bleibt zu hoffen, dass die Diskussionen der letzten Wochen die Gentrifizierungskritik aus der – auf manche wohl abschreckend wirkenden – Nische der linken Szene heraus brachte. Die Kampagnen „Hipster Antifa Neukölln“ und „Spot the Touri“ haben sicherlich dazu beigetragen, das Thema noch weiter in die Mitte der Gesellschaft zu tragen. Aus dieser neuen Aufmerksamkeit muss nun ein breiterer Protest entstehen, der soziale Schichten und politische Lager überwindet, sowie verschiedene ethnische Gruppen zusammenbringt, um gemeinsam an Lösungen für alle zu arbeiten.

 

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