von am 13. November 2012

So lebhaft wie heute ging es in der Selchower Straße vor 15 Jahren noch nicht zu, als Margaret als Erste ihren Laden dort eröffnete – im Gegenteil. Die Geschichte eines Laden und seiner Verdrängung.

Die Geschichte einer Straße und die ihrer Bewohner bleibt dem ersten und flüchtigen Blick verborgen. Man mag zwar am architektonischen Stil das Baujahr eines Gebäudes erahnen. Vielleicht sogar, aufgrund des Zustandes der Hausfassade, das Datum der letzten Sanierung vermuten. Aber über die fünfzehn Jahre, die ein dortiges Geschäft den Lebensmittelpunkt einer Familie bedeutete, wird man im Vorbeilaufen nichts erfahren.

Könnte etwa der leer hinterlassene Gewerberaum oder der mittlerweile neu eingerichtete Laden etwas über die letzten zehn oder zwanzig Jahre verraten? Hinter der aufgestrichenen Farbe verstecken sich viele persönliche Geschichten, die dort nicht verborgen bleiben wollen. Zumindest nicht alle.

Wer im Kiez also mehr als nur Hausnummern und Geschäftsnamen sehen will, sollte eine Zeitreise durch die Erinnerungen der hier Lebenden und Arbeitenden unternehmen. Denn genauso wie früher, sind auch heute die Räume mit Menschen belebt. Menschen mit Erinnerungen und Geschichten.

Ein Zeitsprung in die Vergangenheit

Die Straße ist leer. Ein Blick zurück. Ja, U-Bahnhof Boddinstraße. Das Straßenschild ist auch das gleiche: Selchower Straße. Aber trotzdem ist alles anders. Sie wirkt so verlassen, diese Straße. Hier befindet sich noch kein riesiger Bäcker, keine Fahrschule, kein Plattenladen. Nur ein einziges offenes Geschäft. Eine Frau – Margaret -, ihr Ehemann und zwei Kinder. Das ältere, ein Mädchen, ist vierzehn Jahre alt und besucht die Oberschule. Das kleinere, ein Junge, ist gerade einmal drei.

Die Familie hatte vor kurzem beschlossen, einen Laden in dieser Straße zu öffnen. Der Anfang ist schwer. Die Einkünfte sind nicht ausreichend, weshalb Margaret gleichzeitig woanders arbeiten geht. Sechs Jahre lang dauerte es, bis der Laden sich selbst tragen und die Familie davon leben kann.

Der kleine wird zum großen Bruder

In sechs Jahren geschieht viel. Die älteste Tochter ist mittlerweile zwanzig, hat ihr Abitur hinter sich und studiert Modedesign. Der Sohn, nun neun, geht zur Schule und ist jetzt nicht nur kleiner, sondern auch großer Bruder. Seine kleine Schwester ist vier. Aber nicht nur die Familie hat sich vergrößert. Auch Veränderungen in der Nachbarschaft machen sich spürbar. Als die Kleine gerade einmal ein Jahr alt ist, beginnt ein Streit, der sie ihre gesamte Kindheit begleiten wird.

Aus der Wohnung über dem Geschäft macht sich eine neue Nachbarstimme spürbar. Eine, die bis dahin gar nicht dort gewohnt hatte. Es sind Beschwerden über die Art und Weise, wie das Geschäft geführt wird. Die regulierten Ladenöffnungszeiten würden nicht eingehalten. Die Kundschaft sei viel zu laut und halte sich bis spät auch vor dem Geschäft auf. Zudem würden im Laden Lebensmittel zubereitet und der  Geruch störe die weiteren BewohnerInnen des Hauses.

Über die Jahre dauert ein Streit an, der zu keiner Lösung findet. Eindringliche Beschwerden, die wie ein unbehandelter Rohrschaden über die Jahre hinweg in das Familiengeschäft tropfen, bis schließlich Mieter genauso wie Vermieter erkranken. Mitten in diesem Stress begrüßt ein neues Mitglied der Familie, ein kleines Mädchen, diese wunderbare Welt, in der Nachbarn zueinander halten und sich gegenseitig unterstützen.

Jetzt wird auch die kleine zur großen Schwester

Acht Jahre sind seit der Öffnung des Ladens vergangen und sechs, seitdem der Ärger begann. Die ältere Tochter ist jetzt zweiundzwanzig, der Sohn elf und die kleine, die nun auch große Schwester ist, sechs. Die Straße hat sich mit den Jahren auch verändert. Sie sind längst nicht mehr der einzige Laden in der Straße. Jahr für Jahr wird es lebendiger. Und unter den neuen Geschäftsbetreibenden fand man auch Freunde.

Gleichzeitig verschlimmert sich der Streit mit den Hausnachbarn. Margaret und ihr Laden sind nicht mehr willkommen in diesem Haus. Sie sollen gehen. Die Stimme, die sich anfangs alleine gegen sie äußerte und ihren Vermieter sogar vor Gericht brachte, multipliziert sich im Laufe der Zeit. Es werden weitere Wohnungseigentümer im Haus angesprochen, Unterschriften gesammelt, um einen größeren Druck ausüben zu können. Und obwohl sich der Freundeskreis der Familie in der Nachbarschaft ebenfalls stetig vergrößert, steigen damit nicht ihre Chancen diesen Kampf zu gewinnen.

Über die Jahre hinweg hatten Margaret und ihr Vermieter zusammengehalten, sich gemeinsam gegen diesen externen Druck gewehrt. Am Ende wird der Druck der Wohnungseigentümer aus dem Haus aber so groß, dass der Ladeneigentümer keine Kraft mehr hat und dazu gezwungen ist, den Mietvertrag zu kündigen.

Neuer Anfang: erster Versuch

Geschlagen müssen Margaret und ihre Familie aufgeben. Ihre Sachen packen. Die Zukunft irgendwo anders aufbauen. Fünfzehn Jahre! Neunundzwanzig, achtzehn, dreizehn und sieben…

In ihrer Suche nach einem neuen Anfang, findet Margaret im Nachbarhaus einen freistehenden Gewerberaum. Sie möchte ihren Laden dort weiterführen. Diesmal aber nicht zur Miete, sondern sie will den Laden kaufen. Und es scheint auch alles zu funktionieren. Die Bank erklärt sich bereit, ihr den notwendigen Kredit zu geben. Nichts steht dem Kauf im Wege. Als einzige Bedingung nennt die Bank, die sofortige Tilgung offener Kredite, die bis dahin in Raten erfolgte. Mit einem sehr großen Aufwand schaffen sie es, das Geld aufzubringen. Dies bedeutet auf vieles zu verzichten. Aber die Sicherung der Zukunft ist es wert.

Nachbarschaftlicher Zusammenhalt

In letzter Minute, als hätte sich der Ursprung des Streits wie eine Krankheit auf das Nachbarhaus verbreitet, wird das Verkaufsangebot zurückgenommen. Es geht scheinbar nicht um das Haus. Sie sollen die Straße verlassen. „Ich war sehr sehr traurig. Der Laden war der älteste in der ganzen Selchower Straße. Und ich musste als einzige gehen. Ja, ich war sehr sehr traurig.“

Es hatte der Nachbarstimme aus der Wohnung über dem Geschäft vermutlich nicht genügt, dass der Laden nicht mehr im gleichen Haus steht. Im Nachbarhaus sollte er auch nicht sein. Deshalb machte sie sich auch dort bemerkbar. Perverse Ironie, wie nachbarschaftliche Vernetzung und Zusammenarbeit dafür eingesetzt wird, um andere Nachbarn auszuschließen.

Aber zum Glück bildete sich auch eine andere Gemeinschaft, ein Netzwerk von FreundInnen und UnterstützerInnen, das auch über die Selchower Straße hinweg, weit in die Weisestraße hinein reichte. Viele sprachen sich gegen die Verdrängung ihrer NachbarInnen aus und sammelten Unterschriften, um die Schließung des Ladens zu verhindern. Am Ende änderte es zwar nichts an ihrem Schicksal, aber zumindest bleibt das Gefühl, nicht allein zu sein. Viele Nachbarn der Selchower und auch in der Weisestraße haben Margaret noch in Erinnerung. Freundschaften können die räumliche Trennung überstehen. Und ihre Geschichte soll auch die Zeit überleben.

Etwas, das aber heute einige noch nicht verstehen, ist: Warum musste sie trotzdem gehen, obwohl die Auslöser für die Beschwerden doch schließlich beseitigt wurden? Es wurde nicht mehr im Laden gekocht und der Lärm, über den sich die Nachbarn in der Vergangenheit beschwerten, war nicht mehr zu hören.

Zurück in die Gegenwart

Nach dem gescheiterten Versuch, den Laden im Nachbarhaus zu eröffnen, musste das Leben fast von neuem beginnen. Die Familie stand nicht nur ohne Einnahmequelle da, sondern nun auch ohne jegliche Reserven, die zur Beantragung des neuen Kredits ausgeschöpft worden waren. Aber der Kredit kam nun ohne den Kauf des Ladens auch nicht zustande. Diese finanzielle Not führte schließlich zum Verlust der Wohnung und des restlichen Eigentums.

Margaret in ihrem neuen Laden in der Mahlower Straße

Mittlerweile haben sie eine neue Wohnung gefunden. Zwar noch ohne Möbel, aber zumindest ein Zuhause. Auch einen neuen Laden haben sie öffnen können. Nicht weit entfernt von hier. Man braucht nur einmal um den Block zu laufen, in die Mahlower Straße, und dann findet man sie auch gleich wieder. Und genauso wie vor siebzehn Jahren ist auch hier der Anfang schwer. Aber die Kraft, die diese Frau ausstrahlt, ist bewundernswert. Zu ihrem neuen Geschäftsstandort sagt sie zum Schluss nur noch: „Vielleicht ist es besser so für mich. Vielleicht.“

 

Der Text ist in der Oktober-/Novemberausgabe der Schillerkiezzeitung „Promenadenmischung“ erschienen.

 

3 Kommentare:

  • facebookfan sagt:

    Beklemmend, wie scheinbar reine Selbstsucht die Lebensgrundlage anderer Menschen in Gefahr bringt…viel Glück im neuen Geschäft!!

  • Martin sagt:

    Wie rührend. Nur leider ist dieses schmalztriefende Stück schlechten Journalismus‘ das Gegenteil der Wahrheit. Wenn man also als homosexueller Bewohner eben dieses Hauses jahrelang von Familie/Kunden/der Mischung aus beidem bedroht und beleidigt wurde, nur weil man am ach so netten, tapfer kämpfenden afrikanischen Laden vorbei nach Hause wollte… ach nee, lassen wir das, soll halt jeder das glauben, was er möchte.

  • Selchower 26 sagt:

    Wahnsinn! Dieser Artikel ist nichts anderes als eine Märchenstunde. Ich wohne gut 30m von dem Laden entfernt und der Gestank war damals unerträglich. Die „Kunden“ die dort den ganzen Tag/Abend vor dem Laden sassen und sich ständig anbrüllten und häufig gewalttätig wurden, finden in diesem „Artikel“ nicht statt. Auch nicht das offensichtliche Drogenproblem und die superaggresive Verhaltensweise „der Kunden“ gegenüber allem und jedem was vorbei lief. Gott bin ich froh dass ich nicht in dem Haus lebte!

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