von am 31. März 2016
Über keinen anderen Stadtteil in Deutschland wird so viel diskutiert, geschrieben und gelesen.

Über keinen anderen Stadtteil in Deutschland wird so viel diskutiert, geschrieben und gelesen.

Ein „Problembezirk“ existiert nicht einfach so. Er wird dazu gemacht, indem er abgestempelt wird – zum Beispiel in Büchern. So haben Heinz Buschkowskys Neukölln ist überall, Kirsten Heisigs Das Ende der Geduld oder auch Yiğit Muks Muksmäuschenschlau und Christian Stahls In den Gangs von Neukölln. Das Leben des Yehya E. das schlechte Image Neuköllns geprägt.

Text: Patrick Helber, Foto: Anke Hohmeister

„Berlin-Neukölln ist kein Ort, an dem Honig und Milch fließen. Politiker sprechen mit Hinblick auf solche Gegenden und die Menschen, die hier leben, gerne von Existenzen am Rand der Gesellschaft. Doch Neukölln ist nicht der Rand. Neukölln ist das, was hinter dem Rand kommt“, schreibt Yiğit Muk in seinem autobiografischen Buch Muksmäuschenschlau.

Von Neukölln wird inzwischen als „Berlins Hipster Ghetto“ (foreignpolicy.com) gesprochen und der Stadtbezirk erlebt seit einigen Jahren Gentrifizierungsprozesse, die sich durch den Zuzug von Studierenden aus dem In- und Ausland, Start-ups und junger bildungsbürgerlicher Familien auszeichnen. Trotzdem hat Neukölln weit über die Grenzen von Berlin hinaus das Image eines „Problembezirks“ und „sozialen Brennpunkts“, mit dem verschiedene gesellschaftliche Ängste assoziiert werden.

„Problembezirke“ existieren dabei nicht einfach so – sie werden sprachlich produziert, zum Beispiel durch Bücher. Und die Bilder, die so entstehen, beeinflussen die Raumwahrnehmung von Neukölln dann nachhaltig. Das zeigt sich in Büchern wie Neukölln ist überall (2012) des früheren Bezirksbürgermeisters Heinz Buschkowsky (SPD), Das Ende der Geduld. Konsequent gegen jugendliche Gewalttäter (2010) der ehemaligen Berliner Jugendrichterin Kirsten Heisig, die am Amtsgericht Tiergarten für den Bezirk Neukölln zuständig war. Aber auch Muksmäuschenschlau (2015) von Yiğit Muk, einem deutsch-türkischen Neuköllner, der vom Alltag in Jugendgangs und seinem Weg zum Abitur berichtet, oder In den Gangs von Neukölln. Das Leben des Yehya E. (2015) von Christian Stahl prägen die Sicht. Letzteres porträtiert einen „Intensivstraftäter“ und Sohn geflüchteter Palästinenser aus Neukölln.

Große bundesweite Leserschaft

Alle vier Autoren sehen sich als Neukölln-Experten. Sie sind entweder in Neukölln aufgewachsen, haben Teile ihres Lebens dort verbracht oder arbeiteten lange für den Bezirk. Während Buschkowsky und Heisig aus einer institutionell privilegierten Position heraus schreiben, die sie mit Glaubwürdigkeit und Expertise für die Mehrheitsgesellschaft ausstattet, stehen die Bücher von Muk und Stahl für zwei Sichtweisen aus der muslimischen, deutsch-türkischen beziehungsweise deutsch-arabischen Community. Stahls Buch In den Gangs von Neukölln ist eine Mischform, da er als Journalist seine Perspektive auf Neukölln artikuliert, und Yehya E. lediglich durch die Beschreibungen Stahls und im abgedruckten Briefverkehr der beiden persönlich zu Wort kommt.

Wer über Neuköllns „problematische“ Seite schreibt, kann sich einer bundesweiten Leserschaft gewiss sein. Neukölln ist überall verkaufte sich beispielsweise seit 2012 über 200.000 Mal. Über keinen anderen Stadtteil in Deutschland wird so viel diskutiert, geschrieben und gelesen. Und kein anderer dient mehr als Projektionsfläche, wenn es um Bilder „des Islams“, der Migration und damit verbundenen gesellschaftlichen Herausforderungen geht. Gewöhnlich ist vor allem Nord-Neukölln gemeint, wenn von Neukölln als „Problem“ gesprochen wird.

Ängste sind individuell geprägt

Für Großstädte, die in den Medien mit Angst- und Unsicherheitsgefühlen sowie politischen und repressiven Gegenmaßnahmen in Verbindung gebracht werden, wurde der Begriff „Phobopolen“ geprägt. Darunter versteht der Geograf und Stadtsoziologe Marcelo Lopes de Souza eine Stadt, die von der Angst vor Verbrechen beherrscht wird. Wer was als Problem- oder Angstraum wahrnimmt, hängt dabei von der jeweiligen gesellschaftlichen Position des Betrachters ab – und die ist bedingt von Geschlecht, Klasse, Ethnizität, Sexualität und Alter. So kann es passieren, dass in den Büchern von Buschkowsky und Heisig Neuköllner Räume als „problematisch“ wahrgenommen werden, an denen sich Muk und Yeha E. hingegen zugehörig fühlen können.

Ein viel beklagtes Szenario in der Literatur über Neukölln ist das der „Parallelgesellschaft“. Muk charakterisiert sie wie folgt: „Wenn Politiker von einer ‚Parallelgesellschaft‘ sprechen, meinen sie einen Ort wie diesen: Türken und Araber haben sich im Norden Neuköllns eine komplette Infrastruktur geschaffen, vom eigenen Kindergarten über Rechtsanwälte und Reisebüros bis hin zur Altenpflege. Man kann hier bequem ein ganzes Leben verbringen, ohne jemals ein einziges deutsches Wort in den Mund zu nehmen.“ Buschkowsky erweitert Muks Zuschreibung, „sein“ Neukölln zeichnet sich als Raum aus, in dem nicht nur Deutsch als Sprache an Relevanz verliert, sondern auch der Islam ein dominantes Moment darstellt. „Es ist einfach so, dass Bevölkerungsschichten entstanden sind, die keinerlei Interesse daran haben, sich in diese Gesellschaft zu integrieren. Sie akzeptieren staatliche Repräsentanten und Institutionen in keinster Form und werden das auch künftig nicht tun“, so der Ex-Bürgermeister.

„Hier haben wir das Sagen“

Dem Szenario der „Parallelwelt“, in der sich eine Minderheit vermeintlich verbarrikadiert, wohnt immer die Angst vor dem Verlust des hegemonialen Deutungsanspruchs inne. „Nach dem Motto ‚Das ist Unseres, hier haben wir das Sagen‘, werden der Sozialraum und die Lebensgewohnheiten in ihm dominiert. Ein wunderbares Beispiel hierfür ist die Eröffnung einer arabischen Boutique: An die Hauswand wird in deutscher Sprache der Text einer Sure angebracht, der die Züchtigkeit und die Unterordnung der Frauen fordert“, heißt es in Neukölln ist überall. Für Buschkowsky unterscheidet sich hier demzufolge die „Parallelgesellschaft“ grundlegend von der als homogen wahrgenommenen deutschen, weißen, christlichen Mehrheitsgesellschaft, und zwar im Hinblick auf eine Rückständigkeit, insbesondere bei den Rechten der Frau.

Kirsten Heisig attestiert in ihrem Buch der Neuköllner „Parallelgesellschaft“ eine aggressive Haltung gegenüber weißen, christlichen Deutschen, die von Anzeigen bei der Polizei jedoch meist absehen würden, „da sie Angst vor Repressalien haben, was nichts anderes bedeutet, als dass der Staat hier gerade erneut dabei ist, seinen Einfluss und vor allem seine Autorität einzubüßen.“

Rassistische Argumentationen

In den Diskursen über Neukölln werden Muslime häufig als in sich homogene Gruppe wahrgenommen, die ihr Territorium kontinuierlich ausbreitet. Eine vermeintliche „Islamisierung“ des Bezirks wird dabei auch durch Symboliken, wie das Fehlen von Schweinefleisch im Angebot der Metzgereien, in Neukölln ist überall transportiert. Es dominieren Ansätze, die das Verhalten von Deutsch-Türken und Deutsch-Arabern durch den Islam erklären wollen. Er ist dann keine mögliche Religion unter vielen, sondern eine Markierung vermeintlicher kultureller Andersartigkeit. Der Diskurs greift auf eine rassistische Argumentation zurück, die bereits Edward Said in seinem Werk Orientalism aufzeigt: Die „Anderen“ sind nicht wie „wir“ und lehnen „unsere“ Werte ab. Dadurch wird der Neuköllner Raum zum bedrohlichen „Orient“ im vermeintlich aufgeklärten „Okzident“. „Es ist eine eigene Welt entstanden. Und sie wird von Tag zu Tag in sich perfekter und geschlossener. Menschen bestimmter Glaubensrichtungen ziehen nach Neukölln, um ihrer Moschee und ihrer Glaubenscommunity nahe zu sein“, so Buschkowsky in seinem Buch.

Gefährlich und rückständig

Einen großen Stellenwert nimmt auch der Diskurs um Gewalt in Neukölln ein. Die weiße deutsche Bevölkerung Neuköllns wird im Kontrast zu den vermeintlich gewalttätigen türkischen und arabischen Bewohnern oft wie in Neukölln ist überall als Opfer porträtiert. „Das Feindbild sind die verhassten Deutschen, [sie] gelten als leichte Opfer“, schreibt Buschkowsky. Deutsche werden dabei gern als fortschrittlicher dargestellt: „Wir sind über dieses hirnlose Gesetz der Straße ‚Recht hat der Stärkere‘ hinaus.“

Neben der Zuschreibung von Gefährlichkeit und Rückständigkeit, kann die Beschreibung von Gewalt aber auch ein Versuch der Selbstermächtigung sein, wie Muk betont. „Die Gewalt wird in einer Gegend wie Neukölln praktisch von Generation zu Generation weitergegeben. Und wer nicht doppelt ausgegrenzt werden will – von den Deutschen und den eigenen Leuten –, der tritt dieses Erbe irgendwann an.“ Solche Aussagen reproduzieren zugleich das Image des „Problembezirks“ der Mehrheitsgesellschaft sowie die ihr inhärenten kriminellen Subjekte. Das trifft auch bei Stahl zu. „Neukölln ist nicht nur schräg. Neukölln ist auch gefährlich. Die arabischen Jungs lernen von klein auf, sich zu verteidigen und niemals zu verlieren. (…) Wer mit vierzehn noch keine Straftat begangen hat, wird auf der Straße ausgelacht“, behauptet der Journalist.

Machtsicherung durch Ausgrenzung

Die Konstruktion von bestimmten Räumen als „soziale Brennpunkten“ oder gar Angsträume kann dazu dienen, gewisse gesellschaftliche Gruppen als normabweichend zu markieren und politische und repressive Handlungen gegen sie zu legitimieren. Man denke dabei nur an die allgegenwärtigen Rufe nach Abschiebung von Geflüchteten im Anschluss an die Vorkommnisse am Kölner Hauptbahnhof an Silvester 2015. Die dargestellten Raumkonzepte aus den Büchern äußern nicht nur unterschiedliche Identitäten, die die Selbst- und Fremdwahrnehmungen betreffen, sondern veranschaulichen immer auch die gesellschaftlichen Machtverhältnisse. Es ist daher nicht unerheblich, wer von welcher Position aus über wen spricht und wer Gehör findet. Aus Angst- und Gefahrenräumen können schnell Räume der Ausgrenzung werden, in denen sich eine Abwertung und Abgrenzung von gesellschaftlich unliebsamen Gruppen wie Migranten oder Geflüchteten vollzieht.

Dann werden aus „sozialen Brennpunkten“ Räume, in die die Mehrheitsgesellschaft sowohl die von ihr ausgegrenzten Subjekte als auch allerlei ausgrenzende Diskurse verschiebt. Das geschieht, wenn Neukölln aufgrund seiner muslimischen Bevölkerung als vermeintlich außerordentlich gefährlicher oder sexistischer Raum dargestellt wird. Auf die Gefahr hin, dass so soziale Gruppen – in diesem Fall Frauen und Muslime – gegeneinander ausgespielt werden, werden gleichzeitig rassistische und sexistische Einstellungen in der weißen Mehrheitsgesellschaft unsichtbar gemacht.

Unser Gastautor Patrick Helber ist Historiker und Politikwissenschaftler. In seiner Doktorarbeit hat er sich viel mit der jamaikanischen Hauptstadt Kingston beschäftigt, über deren problematische Stadtteile ebenfalls viel geschrieben und gelesen wird.

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4 Kommentare:

  • Thomas sagt:

    Das ist alles sehr schlau geschrieben, aber der Autor sollte sich mal einen Tag vor eine Neuköllner Schule stellen.

  • richard sagt:

    Der Gastautor schafft mit seinen Erörterungen eine Sammelbuchbesprechung, die man lesen kann – vielen Dank dafür, denn die Bücher sind es wert! – der man aber leichtfertig nicht folgen sollte.

    Vermutlich werden die Leser das aber selbst merken, wenn sie sich in die Polarität Weiße bzw. Türken eingetütet wieder finden. (Der Hintergrund Kingston mit schwarz und weiß, worüber der Autor gearbeitet hat, taucht da unvermittelt auf!)

    Mit etwas Ortskenntnis, eigener Erfahrung oder auch nur andeutungsweiser Wahrnehmung der vielschichtigen Realitäten werden die Bücher nämlich als wichtige Ergänzung gelesen, die sogar befreiend wirken kann.

    Und erst dadurch wird unser Miteinander besser lebbar!

  • Josef sagt:

    Buschkowsky redet meist rassistischen Unsinn. Aber von Buschkowsky stammt auch das Zitat: „Die gefährlichste Gang Neuköllns ist die Antifa“. Sowas erwärmt einem Antifaschisten wie mir natürlich das Herz 😉

  • Kalle sagt:

    Wow, da hats ja einer total durchschaut…. Mit dem Kopf noch in der Uni geblieben?

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