von am 26. Juni 2012

Die Berliner Hinterhöfe sind meistens keine Schmuckstücke. Mit Unterstützung eines Projektes  aus dem Programm „Soziale Stadt“ können Bewohnerinnen und Bewohner das jetzt ändern.

Sonntagmittag im Schillerkiez, Ortstermin in der Warthestraße. Der Architekt Yves Mikelsons-Roloff öffnet die Eingangspforte zum Haus und führt in den Innenhof, das Bewohnerteam werkelt dort gerade. Der neue Kompost ist dran. Holzlatten lehnen auf einem kleinen Rasenstück an einem Baum, werden eine nach der anderen mit viel Geduld und Genauigkeit mit einem dunkelroten Farbmix aus Rotwein und Leinöl bepinselt, um schließlich zu einem viereckigen Gebilde aufeinander gesteckt zu werden: Ein Kompost eben.

Mikelsons-Roloff hilft den Leuten ihre Innenhöfe zu verschönern, umzubauen, neu zu gestalten. Nach den Wünschen der engagierten Bewohner/innen. Nicht alles ist möglich, aber doch vieles. Der Architekt unterstützt mit seinen Fachkenntnissen, wo er kann, aber das meiste machen die Bewohner/innen selbst. 4500 Euro wurde dem Team in der Warthestraße vom Quartiersmanagement (QM) Schillerpromenade für ihren Hof zur Verfügung gestellt.

„Man wird irgendwann mit einer gewissen Coolness gesegnet.“

Der Hof in der Warthestraße 13 ist einer von zehn Hinterhöfen, die Mittel aus dem Programm „Zukunftsinitiative Stadtteil“ im Rahmen des  aus dem Projektes „Versteckte Orte – Schöne Höfe“ erhalten. Die Arbeit des Architekten und der Fachfirmen sowie die nötigen Sachmittel für den Umbau werden aus den Projektmitteln finanziert, der Umbau selbst erfolgt durch die Bewohner der Häuser. „Das wichtigste Ziel des Projekts ist jedoch nicht allein die Verschönerung der Höfe, sondern das ‚Miteinander tätig sein‘ und die damit verbundene Stärkung der Hausgemeinschaft. Wie nachhaltig dies wirkt, hat das Vorgängerprojekt eindrucksvoll gezeigt.  Auf dem Kiezportal gibt es ein Begleitvideo zu dem Projekt in dem das sehr deutlich wird.“ sagt Frau Schmiedeknecht vom QM-Team.

Work in progress: eines der Innenhofprojekte in der Warthestraße

Auch wenn im Vorfeld alle Mieter und Eigentümer eingeladen werden, sich im Rahmen von Workshops erst einmal auf ihre gemeinsamen Idee zu verständigen, ist die Vermittlungsarbeit während der Umsetzung nicht zu unterschätzen. „Die Kommunikation kostet die meiste Zeit“, meint der Projektverantwortliche Mikelsons-Roloff. Er nennt ein Beispiel: Nachdem die Planung eines Projekts eigentlich abgeschlossen war, die Vorgaben der Förderstelle des Programms „Soziale Stadt“ eingehalten, Kooperationsvereinbarung getroffen wurden, sagte der Hauseigentümer plötzlich ab. Erneute Besprechungen mit dem Eigentümer, Gedanken machen, Bauchweh haben. Nachdem man sich schließlich gegenseitig „weichgekocht“ und einen guten Konsens entwickelt hatte, kündigte der Hauptverantwortliche des Bewohner-Teams auf einmal an, dass er sich jetzt zurückziehen wolle. Nach vielem Hin und Her wird das Projekt schlussendlich doch umgesetzt. „Man wird irgendwann mit einer gewissen Coolness gesegnet.“

Man macht was zusammen, das ist produktiv und schön.

Das Projekt in der Warthestraße kommt gut voran. Hier möchte der Eigentümer Christian Kortenkamp die Bewohnerinnen und Bewohner sogar durch eigene Investitionen unterstützen und dort weitermachen, wo die Möglichkeiten der Bewohnerinnen und Bewohner begrenzt sind.

Mittlerweile steht der rötlichbraune Kompost fertig aufgebaut am Grundstücksrand des Gartens. „Es gibt Interesse an der Gartennutzung“, meint einer der Beteiligten. Der Garten wurde auch vorher schon aktiv genutzt, im Sommer wurde zusammen Fußball geguckt, es gab einen (verlotterten) Kompost und eine Spielecke. Und dann kam das Angebot aus dem QM dazu. „Es gibt zwei Parteien, die die Aktivposten sind und der Rest macht dann mit.“ Die Hausgemeinschaft sei insgesamt sehr nett, bestätigt eine Frau. „Die meisten wohnen schon seit etlichen Jahren hier und so macht man halt nochmal was zusammen. Das ist irgendwie produktiv und schön.“

Ein selbstgebauter Kompost, ein Müllbereich, der durch einen anderthalb Meter hohen begrünten Sichtschutz vom Garten abgegrenzt wird und ein eingefasster Weg durch den Garten, der durch einen naturstein-gepflasterten Kreis unterbrochen wird: Die Motivation, die die Bewohner/innen durch ihre Teilhabe und ihre Möglichkeit zur Mitbestimmung aufbringen, treibt Wurzeln. Für das fünfte gemeinsame Treffen, scheinen die Arbeiten schon gut vorangekommen zu sein und Yves Mikelsons-Roloff wirkt durchaus zufrieden mit dem Fortschritt in der Warthestraße. Ein gewisser Stolz auf die Mitarbeit der Bewohnerinnen und Bewohner ist sicher auch dabei.

Vortestgebiete für Verantwortung im öffentlichen Raum

Neben den diplomatischen Fähigkeiten und der inneren Gelassenheit nimmt der Architekt auch manch fachliche Erkenntnis aus dem Projekt für sich mit. Die Vorgabe „Ökonorm” übertreffe er mittlerweile völlig, was auch bei den Leuten gut ankomme und ihm teilweise auch abgefordert werde. Er möchte nur noch mit puren Materialien ohne Zusatzstoffe arbeiten. „Back to the roots“ sozusagen.

In der Warthestraße wird derzeit überlegt, wie und welche Hochbeete gezimmert werden sollen. Aber das beim nächsten Treffen. „Ich würd Euch dann in den Sonntag entlassen.“ Schmunzeln seitens der Bewohner/innen. „Du meinst, dass wir Dich in den Sonntag entlassen.“

Der Text ist zuerst erschienen in der Schillerkiezzeitung „Promenadenmischung„.

 

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