von am 20. November 2017

Mit dem Blumenbeet will Sebastian ein Zeichen gegen Rechts setzen.  Die Grünfläche wurde wiederholt von Unbekannten zerstört. (Bild: Sebastian Danz)

Eine Serie von rechtsmotivierten Brandanschlägen und nun der Diebstahl von insgesamt 16 Stolpersteinen zeigt: Neukölln hat offenkundig ein rechtes Problem. Besonders deutlich wird das im Ortsteil Britz. Sebastian ist hier geboren und gehört zu denen, die sich wehren – mit einem Blumenbeet. Ein Ortsbesuch. 

Text: Sebastian Danz

An diesem Tag Mitte November sucht man die Blumen vergeblich. Das Beet ist leer. Es sieht aus, als hätte ein Tier darin gewühlt. Nur ein paar rote Blüten und pfirsichfarbene Knospen, die verstreut um das Beet liegen, erinnern daran, dass hier bis vor kurzem Pflanzen gewachsen sind. Jetzt ist da nur noch Müll. Ein Zigarettenstummel mit rosa Lippenstiftrand und ein zerrissener, vom Regen durchweichter Flyer einer Fahrschule auf der Sonnenallee liegen im Dreck. „Nachdem das Beet zum zehnten Mal zerstört wurde, habe ich aufgehört zu zählen“, sagt Sebastian. Seinen Nachnamen möchte er hier zum Schutz seiner Familie nicht lesen. Im September hat er, mit Genehmigung des Grünflächenamts Neukölln, mitten auf dem Fußgängerübergang an der Kreuzung Parchimer Allee und Fritz-Reuter-Allee in Britz auf einem halben Quadratmeter Blumen gepflanzt. Daneben steckte er ein kleines Schild mit der Aufschrift „Pflanzen gegen Nazis“ in die Erde.

„Eine Schande für Deutschland“

„Ich will die Leute zum Nachdenken bringen“, sagt Sebastian zur Motivation hinter seiner Pflanzenaktion. Viele Passanten, die ihn bei der Pflege des Beets gesehen und angesprochen haben, hätten gesagt, wie toll sie seinen Einsatz finden. Nur eine Rentnerin sah das anders. „Die meinte, mit dem Schild und dem Beet wäre ich eine Schande für Deutschland“, berichtet Sebastian. Andere schleuderten ihm ihre Ablehnung weniger direkt ins Gesicht. Sie rissen die Blumen heraus und zerstörten das Schild. Wer die Vandalen waren, weiß er nicht. Er hat sie nie gesehen. Einmal hing eine Figur, um deren Hals ein Faden geschlungen war, am Schild neben den Blumen. „Als Todesdrohung sozusagen“, sagt der Aktivist.

Sebastian möchte, um seine Familie zu schützen, unerkannt bleiben.

Sebastian möchte, um seine Familie zu schützen, unerkannt bleiben. (Bild: Sebastian Danz)

Sebastian ist Ende 30, arbeitet im Gastronomiegewerbe und lebt seit seiner Geburt in Britz. Als Treffpunkt für ein Gespräch über sein Engagement schlägt er das Restaurant Zum Hufeisen in der Hufeisensiedlung vor. Die Siedlung ist das Wahrzeichen des Ortsteils und seit 2008 UNESCO-Weltkulturerbe. Im Restaurant stehen grau gepolsterte Eckbänke auf kratziger brauner Auslegeware zwischen Topfpflanzen in geflochtenen Körben. Auf der Speisekarte gibt es vor allem Fleisch. Das Gespenst Gentrifizierung mit seinen Veggie-Bratlingen und Chia-Puddings geht hier noch nicht um. Dafür tun es Neonazis umso mehr. In den letzten Monaten standen wiederholt Autos engagierter Bürger in Flammen. Unter ihnen waren ein Flüchtlingshelfer, ein Buchhändler und ein Gewerkschafter. Das Berliner Landeskriminalamt hat als Reaktion die Sondereinsatzgruppe „Rechtsextremistische Straftaten in Neukölln“ eingerichtet.

Einschüchterung durchs Küchenfenster

„Unser Bezirk hat ein Problem“, sagt Sebastian. Deshalb ist er seit knapp über einem Jahr Teil der Anwohnerinitiative „Hufeisern gegen Rechts“. Sie betreibt Denkmalpflege und organisiert Protestkundgebungen und Feste. Die Initiative gründete sich 2011, nachdem einer Bewohnerin der Hufeisensiedlung die Scheiben eingeschlagen und der Briefkasten gesprengt wurde. Sie hatte sich gegen NPD-Wahlwerbung in ihrer Straße gewehrt. Mit Gründung der Initiative hörten die Einschüchterungsversuche allerdings nicht auf. Mitglieder der Initiative bekamen Drohanrufe. Bei manchen standen abends Leute vorm Haus und schauten durchs Küchenfenster. „Die Rechten merken eben, dass in der Initiative Menschen sind, die sich aktiv wehren“, sagt Sebastian.

An dieser Stelle lag der Gedenkstein für Hans-Georg Vötter. (Bild: Hufeisern gegen Rechts)

An dieser Stelle lag der Gedenkstein für Hans-Georg Vötter. (Bild: Hufeisern gegen Rechts)

Zurzeit beschäftigt die Initiative der Diebstahl von 16 Stolpersteinen in Neukölln. Stolpersteine sind in den Boden eingelassene Messingtafeln, die vor den ehemaligen Wohnorten von Opfern des Nationalsozialismus platziert sind. Sieben der Steine haben Unbekannte in der Nacht vom 5. auf den 6. November aus den Gehwegen der Hufeisensiedlung gehackt. „Dass das so nah am 9. November, am Jahrestag der antijüdischen Progrome von 1938 passiert, ist eindeutig eine Provokation von Rechten“, ist sich Sebastian sicher. Die meisten der verschwundenen Namensplatten erinnerten an Widerstandskämpferinnen und Widerstandskämpfer.

Ein Mahnmal für das Mahnmal

Mit Zetteln wie diesen macht Sebastian auf die rechten Tendenzen im Bezirk aufmerksam. (Bild: Sebastian Danz)

Dieses Mahnplakat, das auf den Diebstahl der Stolpersteine hinweist, wurde mutwillig zerrissen (Bild: Sebastian Danz)

Als Sebastian von den gestohlenen Stolpersteinen hörte, reagierte er prompt. Er druckte ein Mahnplakat aus und hängte es neben sein Beet an der Parchimer Allee. „Noch am selben Tag wurde es zerrissen“, erzählt er. Die Mitglieder von „Hufeisern gegen Rechts“ haben mittlerweile eine feste Tafel in Gedenken an die entwendeten Steine an der Litfaßsäule der Initiative in der Hufeisensiedlung angebracht. Auf Ersatz muss Neukölln jedoch nicht lange warten. Bis Mitte November kamen bereits mehr als 5700€ an Spenden zusammen. Mitte Dezember sollen neue Stolpersteine verlegt werden. Für sein Beet erhält Sebastian weniger Unterstützung. Ein Metallschild, das er als Protest gegen die wiederholte Zerstörung der Bepflanzung angebracht hatte, musste er wieder abnehmen. „Ein älterer Mann hatte mich beim Bezirksamt angezeigt“, erzählt Sebastian. Daraufhin erhielt er von dort einen Anruf. Er möge das Schild bitte wieder entfernen, da es eine Unfallgefahr darstelle. Doch Sebastian lässt nicht locker: „Ich mache weiter mit dem Beet.“ Er hat ein neues Plakat zur Erinnerung an die gestohlenen Stolpersteine gedruckt und in Plastikfolie eingewickelt neben die Pflanzen gehangen. Sein Beet wird sicher wieder zerstört. Sebastian kauft trotzdem weiter Blumen und setzt an der Britzer Kreuzung sein ganz persönliches Zeichen gegen Rechts.

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Ein Kommentar:

  • Sandra H. sagt:

    “ Es darf nie mehr sein wie damals.
    Nie mehr Angst und Dunkelheit.
    Nie mehr auf die Lügen hör’n,
    die den Verstand zerstör’n.
    Es darf nie mehr so sein wie damals.“

    (aus dem Song „Nie nie mehr“ von Nicole)

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