von am 8. Juni 2015

Bild an der WandKäfige, Peitschen, Ledermasken: In Marco Simmats Peitschenhandel bekommt der Sadomasoliebhaber alles, was das Herz begehrt. Nebenan, im Club und den mietbaren Studios, können professionelle Dominas und SM-Amateure die Peitschen schwingen. Der Fetischhof ist eine bekannte Adresse in der Szene und ein Besuch birgt so manche Überraschung.

Text: Franziska Grammes, Fotos: Regina Lechner

Inmitten von Peitschen, Silikonfäusten, Metall-Halsbändern, „Bullwhips“ und „Floggern“ treffen wir Marco Simmat, den Besitzer des Berliner Fetischhofs in der Kirchhofstraße 44. All diese absonderlich klingenden Utensilien können in seinem Peitschenhandel erworben werden. Peitschen werden hier teilweise auch von Hand geknüpft. Und zwar von Damen, die aussehen, als wenn sie damit auch selbst gerne mal zuschlagen. Simmat ist ein lässiger Mittfünfziger mit Wohlstandsfigur und grauem Pferdeschwanz. Seit knapp zehn Jahren führt er den Fetischhof Berlin. In dieser Zeit hat sich hier ein kleines SM-Imperium geschaffen.

„Das Geschäft mit SM ist wie Currywurst verkaufen“

Auf dem Gelände des Neuköllner Hinterhofs gibt es neben dem Peitschenhandel auch einen SM-Club und diverse Spielräume zum Mieten. Simmat hat begriffen, dass man in der Szene angebotsmäßig breit aufgestellt sein muss. Während „gewöhnliche“ Berliner Clubs ihren Hauptumsatz mit dem Verkauf von alkoholischen Getränken machen, verkaufen seine Bardamen eher Cola und Wasser, höchstens mal ein Bier. „Die Leute wollen bei vollem Bewusstsein spielen“, so Simmat. Im Gespräch mit ihm fallen nie Wörter wie „quälen“, „verprügeln“ oder „erniedrigen“. „Wir spielen hier“, erklärt er. „Solange zwei das machen, was sie machen wollen und es dabei keine Verstümmelungen gibt, ist es ok. Schlimmer ist es doch, wenn man seine Wünsche nicht ausleben kann.“ Der Familienvater ist nach eigenen Angaben zwar selbst nicht aktiv am „Spielen“, aber er sagt: „Das Geschäft mit SM ist wie Currywurst verkaufen: Mann muss natürlich ein Faible dafür haben.“

Während wir mit Simmat das Gelände erkunden, haben die unterschiedlichsten faszinierenden Gestalten ihren Auftritt. Den Anfang macht eine junge Domina, die halbnackt und mit hohen Lederstiefeln schwungvoll aus ihrem Wagen steigt. Die Dame scheint zu wissen, wann es Zeit für den großen Auftritt ist. Während sie ihren „Sub“ – im Gegensatz zum „Dom“ der unterwürfige Part in einer BDSM-Beziehung – in eines der Studios treibt, gucken die Herren, die draußen an den Bierbänken sitzen, interessiert zu. Besseres Marketing kann diese dominante Blondine wohl nicht betreiben.

Die „menschliche Toilette“

Neben Dominas, die sich die Studios für Sessions mit ihren gut zahlenden „Subs“ buchen, kommen auch Paare oder Singles jeder Couleur. Die Preise sind moderat. 30 Euro kostet beispielsweise die Stunde im „SM-Apartment“. In solch einem schwarz-rot gestrichenem und gut beheiztem Studio, finden sich neben einem Käfig, einem Thron, einem gynäkologischem Stuhl oder einem Stehpranger auch allerlei Gerätschaften und Vorrichtungen, die fragende Blicke bei uns auslösen. Als wir wissen wollen, wozu die frei stehende Toilette gut ist, ruft Olaf* von hinten: „Na dann legt euch doch mal drunter, dann zeigt der Marco euch das.“ Wie die so genannte „menschliche Toilette“ genau funktioniert, wollen wir an dieser Stelle aber der Fantasie überlassen. Olaf, ein Mann mittleren Alters in Leder und Sneakern, war uns gemeinsam mit seiner Partnerin verstohlen in das SM-Studio gefolgt. Auf die Frage, ob die beiden ein Paar sind, bekommen wir eine kryptische Antwort: „Wir sind Spielpartner.“

2015-05-06-18.22.46

Marco Simmat war Beamter, bis er entdeckte, wie gut sich Peitschen über eBay verkaufen.

Gibt es in der SM-Szene denn auch feste Beziehungen oder wollen alle bloß spielen? Dagmar, die rothaarige Sekretärin von Simmat ist verheiratet, pflegt aber seit Jahren eine intensive Beziehung zu ihrem „Dom“. Sofort fallen uns die Metallringe um ihren Hals und an den Handgelenken auf. „Die hat mir mein Dom geschenkt“, erklärt Dagmar lächelnd. Damit kann ihr „Dom“ sie jederzeit anketten wo er möchte – das ist der Deal. Dagmar ist eine so genannte „24/7“, also eine Person, die ihre devote Neigung rund um die Uhr, an jedem Tag der Woche auslebt. Die Frau um die 50 wirkt ziemlich glücklich und entspannt dabei. So wie eigentlich alle, denen wir an diesem Nachmittag auf dem Fetischhof begegnen. Sie scheinen ein Ventil gefunden zu haben und sprechen ohne Hemmungen über ihre Neigungen. Und Simmat ist so etwas wie ihr gut gelaunter Guru. Nur eine Sache macht dem einstigen Beamten Sorgen: „Es kommen immer mehr junge Menschen, die vom Leben überfordert wirken. Die suchen einfach einen dominanten Partner, der alles für sie regelt. Und diese Gruppe wird immer größer.“ Manchmal wird aus dem Spiel dann also doch Ernst. Und das läuft dann wahrscheinlich nicht für alle so gut wie für Dagmar.

2015-05-06-18.14.58

Dagmar trägt Metall zu ihren perfekt manükierten Fingernägeln. Der “Ring der O” gilt als Erkennungszeichen in der BDSM-Szene.

*Name von der Redaktion geändert

Fetischhof Neukölln
Kirchhofstr. 44
Laden: Mo, Di, Mi + Do 14.00-18.00 Uhr, Fr+Sa 14.00-20.00 Uhr
Lounge: Mo + Do 14.00-18.00Uhr, Fr+Sa 14.00-20.00Uhr
Party jeden 1. Sa, jeden 2. u. 4. Fr ab 21.00 Uhr und nach Ankündigung

Au ja, ich spende via: PayPal | Überweisung | Bankeinzug | Flattr

 

 

Ein Kommentar:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.