von am 22. Mai 2013

Die erste und dritte Generation auf einem Bild: Salman Celiker (links) neben Dogan Özdincer, dem Leiter des Zentrums.

„Uns geht es darum, dass wir nicht diese Trennung von Mann und Frau haben. Dass unsere erste Generation nicht in den türkischen Cafés ihre Zeit verschwendet.“ Zu Besuch beim interkulturellen Seniorenzentrum Em-Der.

Offenheit und Toleranz? Leichter gesagt, als getan. Da leben Menschen einer Generation schon seit Jahrzehnten zusammen, im selben Kiez, in derselben Straße, im selben Haus und haben es doch nie hinbekommen, sich zu finden und aufeinander zuzugehen. Mit „50 Jahre Scheinehe“ hatte das Ballhaus Naunynstraße im letzten Jahr sein Theater-Festival zum 50-jährigen Jubiläum des Anwerbeabkommens zwischen Deutschland und der Türkei betitelt. Böse, aber leider zutreffend. Denn was sich aus den Erfahrungen von Dogan Özdincer, dem Leiter des interkulturellen Seniorenzentrums Em-Der in der Allerstraße, heraushören lässt, ist es mit Offenheit und Toleranz, gerade unter den älteren Semestern, nicht weit her. Die Vorurteile bei deutschen Senioren sind immer noch groß und die erste Generation der Einwanderer fühlt sich nach wie vor als „Gastarbeiter“, die hier nicht willkommen sind.

„Em-Der“, das sind zwei türkische Abkürzungen, die für „Emekli Derneği“ stehen. „Emekli“ heißt Rentner und „Derneği“ Verein. Das interkulturelle Seniorenzentrum ist täglich zwischen 12 und 17 Uhr geöffnet und bietet, neben einem offenen Treffpunkt, verschiedene Aktivitäten und Informationsveranstaltungen für ältere Menschen an. Es werden Stadtrundfahrten und Besuche bei anderen Einrichtungen organisiert oder Beratungsangebote zum Thema Gesundheit wie Diabetes im Alter oder Prostata bei älteren Männern initiiert.

„Ein Jugendzentrum, nur ohne Kicker und für Ältere“, erklärt Dogan Özdincer, der die Einrichtung leitet. „Uns geht darum, dass wir nicht diese Trennung von Mann und Frau haben. Dass unsere erste Generation nicht in den türkischen Cafés ihre Zeit verschwendet, sondern in unseren Einrichtungen Aktivitäten und Infoveranstaltungen mitbekommt.“

„Mensch wie war‘s für euch die ersten Tage, die ersten Wochen?“

Das Zentrum wurde vor über 20 Jahren von Dogans Vater, Erdogan Özdincer, ins Leben gerufen. Der war damals als Dolmetscher für den Deutschen Gewerkschaftsbund tätig und wollte für die erste Generation der Einwanderer eine Anlaufstelle schaffen, bei der sie sich Hilfe und Rat holen konnten. Seit 2006 befindet sich Em-Der in der Trägerschaft der navitas gGmbH.

Mit der neuen Trägerschaft wolle man vor allem eine bessere Vernetzungsarbeit leisten und sich weiter öffnen, meint Dogan Özdincer. Mit dem sich Öffnen sei das bei der ersten Generation allerdings nicht immer so einfach, räumt er ein und verdreht ein bisschen die Augen. „Bringen wir es mal auf den Punkt: die Herrschaften sind über 65, über 70, über 75 und da fällt es ihnen schon schwer, aus ihrem Alltagstrott herauszukommen.“ Die Herausforderung sie zu motivieren und anzutreiben, fällt – neben den anderen Aufgaben wie Buchhaltung, Öffentlichkeits- und Vernetzungsarbeit – in seinen Tätigkeitsbereich. Und wenn es ihm schließlich gelingt, sie zu einem Besuch einer anderen Einrichtung zu bewegen, geht es dort auch sofort los: „Mensch wie war‘s für euch die ersten Tage, die ersten Wochen? Könnt ihr euch noch daran erinnern, als ihr hier herüber kamt?“

Es geht also um Besuche bei anderen interkulturellen Einrichtungen. Ob denn wohl deutsche Institutionen ebenso offen für deren Belange seien? „Ich sag mal ganz offen und ehrlich: nein. Da sind immer noch Berührungsängste.“ Das „Branding“, wie er es nennt, die festgefahrenen Sichtweisen seien aber auf beiden Seiten vorhanden. „Mein Job ist es wirklich, denen die ganze Zeit zu vermitteln: Leute, wir müssen wegkommen von diesem Gedanken, dass wir die Ausländer sind, die hier nicht willkommen sind.“

„Wir wollen alle Nationalitäten unter einen Hut bringen“

Ganz so düster sind die Aussichten dann allerdings doch nicht, denn es gibt immer positive Ausreißer, die über den Schatten der Voreingenommenheit springen. Die älteren Damen von der Seniorenverwaltung Neukölln würden sich wirklich viel Mühe geben, ihr Interesse an der Kultur gehe über türkische Gemüsestände und Döner essen hinaus.

Bei den so genannten Heimatgesprächen der Einwanderer der ersten Generation seien wiederum die Vergleiche spannend: Wie wäre es jetzt, wenn sie in der Türkei geblieben wären? Und meistens folge dann die Erkenntnis: Uns geht es hier doch sehr gut. „Eigentlich sagt man ja, dass man als Rentner wieder zurück in seine Heimat geht. Aber das macht ja niemand.“

Integration, das ist zum Glück inzwischen Konsens, muss von beiden Seiten kommen. Bei Em-Der jedenfalls bemüht man sich redlich, für alle Senioren – welchen kulturellen Hintergrund sie auch immer mitbringen mögen – offen zu sein. „Wir wollen Deutsche, Araber, Jugoslawen, Polen. Wir haben auch deutsche Mitglieder hier und ich freue mich jedes Mal, wenn wir neue Deutsche dazugewinnen“, sagt Dogan Özdincer. Es gebe zwar einen türkischen Schwerpunkt, was die Kultur betreffe, aber es sei eben kein türkisches Zentrum. „Es geht hier wirklich darum, dass wir alle Nationalitäten unter einen Hut bringen können.“


Dieser Text ist im Original in der erschienen.

 

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