von am 4. März 2016
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Dr. Ra (links) und Prinzessin Leia von „Save the Vinyl“

„Smash or Trash“ heißt es jeden ersten Freitag im Monat im Valentin Stüberl in der Donaustraße. Im Hinterstüberl – dem Hinterzimmer der Kneipe – legt DJ „Prinzessin Leia“ Platten auf, die Moderator „Dr. Ra“ anschließend meistbietend verhökert. Findet sich kein Interessent, kommt die Platte unter den Hammer: Ein Vorschlaghammer, der dem Vinyl den letzten Rest gibt. Ein Werkstattbesuch bei der Vorbereitung des Abends.

Der Doktor und die Prinzessin alias Marco und Ralf stehen rauchend in der Mitte des Raums und spielen Billard. Die zweite große Leidenschaft neben ihrer großen und unübersehbaren Liebe: Vinyl. Die komplette Fabriketage – ein langer Schlauch aus Küche, Wohn- und Schlafzimmer – ist auf der einen Seite komplett mit Platten gesäumt. Massiv beeindruckend. Dazu ein Haufen Roboter, Krimskrams, 70er Jahre Vintage-Lampen in Orange und mitten drin der Billardtisch.

neukoellner.net: Eure monatliche Show heißt „Save the Vinyl“ mit der Unterzeile „Plattenzwangsversteigerung“. Wie seid Ihr darauf gekommen? Steht dahinter auch eine Art Mission, die Menschen wieder mehr für Vinyl zu begeistern?
Dr. Ra:
Die einzige Mission bestand am Anfang darin, meinen Bestand im Plattenladen auf dem Fußboden zu verringern. Da stapelten sich die ganzen Schrottplatten, die kein Mensch haben will. Und dann saß ich irgendwann mit einem Kumpel bei einem Bier im Laden – mit Ron, einem schwulen Ami-Punk und Besitzer einer Karaoke-Bar – und haben überlegt, was man mit dem Scheiß machen kann. Der hat die immer ‚Penner-Platten‘ genannt und auch immer welche gekauft, weil er den Trash gerne in seinem Laden aufgelegt hat.

Welche Bar war das?
Dr. Ra: Das Monster’s Ronson, damals noch in Kreuzberg in der Lübbener Straße. Dort haben wir uns dann verabredet: Ich bring 50 Platten mit, er moderiert und ich leg auf. So ist die Idee geboren worden.

Wann bist du dann dazugekommen, Prinzessin?
Prinzessin Leia:
(Lacht) Wie viele Shows habt ihr gemacht mit Ron?
Dr. Ra: Zehn, zwölf Stück. Wir haben uns danach ein bisschen überworfen und daraufhin ist ein Jahr erst einmal gar nichts passiert. Dann kam Peter mit dem Stüberl. Wir kannten uns noch von den Anfängen des Äs, und ich wollte die Idee nicht sterben lassen. Beim zweiten Mal im Stüberl ließ mich dann mein Kumpel und Plattenaufleger kurz vor knapp hängen. Da sollte dann meine Freundin einspringen, die aber noch nie aufgelegt hatte und nicht wirklich begeistert war. Bei den Vorbereitungen für die Show kam Ralf auf einmal ins Stüberl, bekam das mit und sagte: ‚Kein Problem, ich mach das‘. Die zweite Show im Stüberl war damit die Geburtsstunde der Prinzessin.

Prinzessin Leia: Marcos damalige Freundin Christina brauchte an dem Abend einen DJ-Namen und hatte sich ‚Prinzessin Leia‘ ausgedacht. Ich fand den Namen aber auch cool und hab ihn dann übernommen.

Dr. Ra: Wir haben praktisch darauf bestanden, dass er den Namen übernimmt. Mittlerweile kennt niemand Ralf im Stüberl, aber die Prinzessin kennt jeder.

Jahres-Strichliste der zweiten großen Leidenschaft: Billard

Jahres-Strichliste der zweiten großen Leidenschaft: Billard

Und das ist jetzt die 81. Show insgesamt oder im Stüberl?
Prinzessin Leia: Nein, nur im Stüberl. Wir haben eigentlich erst an dem Tag, als diese Christina-Situation war, richtig begonnen. Da ist ‚Save the Vinyl‘ entstanden.

Ist es euch trotzdem ein Anliegen, Vinyl wieder mehr unter die Leute zu bringen?
Dr. Ra:
Auf jeden Fall. Wie du unschwer erkennen kannst, ist es eine meiner größten Passionen…

Prinzessin Leia: Unser Hobby ist es auch, Trash zu hören.

Dr. Ra: Wir hören in jeden Scheißdreck rein, wirklich. Auch wenn wir schon vom Cover her erkennen können: das kann nur übelst sein. Wir überzeugen uns selbst.

Aber hin und wieder sind sicher auch Perlen dabei.
Beide
: Absolut.

Dr. Ra: Auch Entdeckungen. Platten, die du seit 30-40 Jahren kennst, aber es noch nie für nötig befunden hast da mal reinzuhören.

Prinzessin Leia: Oder ein Song, den man aus den 70er aus dem Radio kennt und seitdem nicht mehr gehört hat. Und auf einmal ist der auf irgendeiner Platte.

Fallen euch da konkrete Entdeckungen ein?
Prinzessin Leia: Mitteldeutsche Vogelstimmen zum Beispiel – sehr interessant.

Dr. Ra: Intim-Hörspiel. Und das auf Vinyl.

Da muss man ja dann mitten drin wieder zum Plattenspieler laufen und umdrehen…
Dr. Ra: Schwierig wird’s vor allem bei Singles. Es gibt auch einige 45s, die solche Hörspiele darauf haben. Da legst du deinen Flokati am besten direkt vor den Plattenspieler, dass du nur deinen Arm hochheben musst.

Wie viele Platten hast du hier in der Wohnung?
Dr. Ra:
Ich hab sie nie gezählt. Hinten der Raum ist auch noch voll…

Prinzessin Leia: …das Lager ist voll…

Dr. Ra: Ich schätze zwölf bis 15.000. Ich weiß es aber nicht, vielleicht sind es auch nur 10.000.

Vielleicht auch nur 10.000 - jedenfalls sehr viele.

Vielleicht auch nur 10.000 – jedenfalls sehr viele.

Habt ihr sonstige Statistiken, wie viele Platten bei euch schon unter den Hammer gekommen sind?
Dr. Ra:
Wir haben es mal versucht, sind jedoch gnadenlos gescheitert. Aber wir haben schon mehrfach ausgerechnet, wie viel Bier wir während der Plattenversteigerungen im Stüberl getrunken haben und haben daraus eine Schnapsfrage gemacht. Das war schon im Hektoliterbereich.

Prinzessin Leia: Bei Platten ist das echt schwierig. Wir hatten uns immer vorgenommen zu zählen, wie viele Platten wir so durchhauen, aber die Schätzungen sind immer ungenau.

Dr. Ra: Ich würde sagen mit dem Quiz und der Verlosung werden wir bestimmt so 40 Platten an einem Abend los.

Prinzessin Leia: Davon werden aber viele verlost, also verschenkt. Das ist keine Sache, an der Marco Geld verdient, sondern eher ein Minusgeschäft. Plus minus null oder minus.

Sortiert ihr vor, welche Platten ihr für das Quiz verwendet und welche ihr versteigert?
Dr. Ra:
Ganz grob. Manchmal sind wir auch überhaupt nicht vorbereitet.

Hattet ihr auch schon mal Platten, die unter den Hammer gekommen sind und bei denen ihr innerlich beim Zerstören gelitten habt?
Dr. Ra:
Hin und wieder tut es mir weh, aber generell wird zu wenig kaputt gemacht.

Prinzessin Leia: Ja, es werden viel zu viele, echt beschissene Platten gerettet. Wir bauen das ja auch so auf: Ich spiele einen Scheiß und wenn der dann nicht kaputt geht, versuche ich einen noch größeren Scheiß aufzulegen. Und oft geht davon nichts kaputt.

Was war die höchste Summe, die ihr bisher erzielt habt?
Dr. Ra:
Den Rekord haben wir vor Kurzem gemacht. Das war allerdings ein Plattenstapel. Da ging es um eine Platte und ich hab dann im Rausch immer mehr Platten auf den Hocker gelegt…

Prinzessin Leia: …wie auf dem Fischmarkt…

Dr. Ra: …und der Stapel wuchs immer höher und da waren wir dann bei 52 Euro. Das waren aber auch 20 Platten.

Und die höchste Summe für eine Platte?
Dr. Ra:
Der Einzelrekord liegt bei 33 Euro für eine Maxi: The Sugarhill Gang mit ‚Rapper’s Delight‘, 15-Minuten-Version. Und der Rekord bei einer Single ist bei 17 Euro für Adriano Celentano.

Wer kommt zu euren Shows? Habt ihr ein festes Klientel?
Prinzessin Leia: Wir haben ein Stammpublikum, dann kommen Plattenliebhaber, aber auch Partyleute dazu, die gar keinen Plattenspieler besitzen. Die Hälfte unseres Publikums kann man nicht einschätzen. Mal so, mal so.

Dr. Ra, du hattest früher deinen Plattenladen in der Kopernikusstraße in Friedrichshain und verkaufst nach wie vor über das Internet und auf Flohmärkten. Kennt man sich denn unter den Plattenhändlern in Berlin auch persönlich?
Dr. Ra:
Natürlich! Es gibt echt eine große Plattenklitsche in Berlin. Die Stadt hat, meiner Meinung nach, sogar London als Plattenhauptstadt abgelöst. Bis vor drei vier Jahren war London noch der Hotspot, aber mittlerweile kommen Vinyl-Junkies für ein Wochenende nach Berlin, pflügen durch 20, 30 Plattenläden und Flohmärkte und nehmen dann ein ganzes Paket mit nach Hause. Viele aus Schweden, viele aus Italien und Russland kaufen für ihre Läden hier ein. Man sagt immer, Vinyl wäre wieder auf dem aufsteigenden Ast – das ist es seit 15 Jahren. Und in Berlin war die Platte nie weg.

Prinzessin Leia: Aldi Süd verkauft jetzt sogar Platten.

Dr. Ra: Haben sie aber auch früher schon. Ich hab ganz alte Aufkleber aus den 70er Jahren, da steht ‚Aldi, 16 Mark 99‘ drauf.

Du beziehst deine Platten selbst von Wohnungsauflösungen und Trödlern. Da erfährt man ja wahrscheinlich viel über die Musikgeschmäcker von Alt-Berlin.
Dr. Ra:
95 Prozent von dem, was bei den Trödlern und auf den Flohmärkten liegt, ist Müll. Davon hab ich aber selbst genug.

Was ist Müll? Volksmusik?
Dr. Ra:
Volksmusik, ohne Ende Schlager, Compilations – Schlager 73, Monat Januar bis Dezember, Operetten, ganz viele billig gedruckte Klassikplatten oder dudliger Pop wie Jennifer Rush oder Simply Red.

Prinzessin Leia: Das sind aber genau die Platten, die Marco in seinem Laden in der Kopernikusstraße auf dem Boden stehen hatte.

Dr. Ra: Das sind die Penner-Platten.

Prinzessin Leia: Aber auf der Plattenversteigerung spielen wir nicht nur Schrott. Wir bemühen uns, eine gute Bandbreite zu spielen, bei der auch sehr gute Platten dabei sind, was aber das Publikum oft nicht zu würdigen weiß.

Gibt es Musik, die ihr mit Neukölln verbindet?
Prinzessin Leia:
Eure regelmäßigen Neukölln-Mixtapes: Neuköllner Musik.

Gibt es eine Platte, die für euch als Soundtrack zu Neukölln passen würde?
Prinzessin Leia: Keine Platte, aber auf Facebook, die Postings von Attila alias Sultanallee (Soundcloud). Der stellt türkische 70er-, 80er-Jahre Pop-Songs und türkische Coverversionen zusammen. Das ist Neukölln.

Dr. Ra: Und Das Ausmaß der Zerstörung. Das sind drei oder vier schlechte Musiker, die schon ewig Punk machen. Aber wenn du die siehst, sehen die eigentlich fast alle aus wie Nerds. Die spielen schlechte Punk-Songs nach, aber sind so schlecht, dass es schon wieder geil ist.

Dr. Ra alias Marco verkauft samstags auf dem Flohmarkt am Marheinekeplatz, sonntags auf dem Flohmarkt am Arkonaplatz und sonst bei Ebay.

Au ja, ich spende via: PayPal | Überweisung | Bankeinzug | Flattr

 

 

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