von am 9. Juli 2014

timeless3Die Serie “Pieces of Neukölln” geht in eine weitere Runde. Fotograf und Künstler Florian Reischauer stellt uns die neuesten, hiesigen Straßenstars vor.

Die Serie, in der wir Euch Florian Reischauers Bilder aus seinem Foto-Blog “Pieces of Berlin” präsentieren, geht in ihre neunte Runde. 2013 wurde das Projekt des Österreichers und Wahlneuköllners mit dem Annual Multimedia Award ausgezeichnet. Jetzt hat Florian Reischauer seine gesammelten Werke von 2009 bis 2013 in einem Buch veröffentlicht. Die Redaktion sagt: Sehr zu empfehlen!

coverSeit August 2011 stellt uns der Künstler ausgewählte Arbeiten auf neukoellner.net zur Verfügung. Nach dem ersten Teil der Pieces of Neukölln, folgten Nummer zwei, drei, vier, fünf, die Späti Pieces, das Ringbahn-Special und Last Pieces of Summer.

Diesmal heißt es: Zurück zu den Wurzeln. Fünf Neuköllner Bewohnerinnen und Bewohner erzählen, was sie hierher geführt hat. Sie zeigen auf, was sie an diesem Stadtteil so fasziniert, aber auch was sie abstößt. Wie soll es weitergehen? Vorhang auf für Old School Pieces of Neukölln!

 

juergen3jürgen; 50; arbeitslos;
der jürgen ist gebürtiger spandauer. er lebte mal im märkischen viertel und nach der wende in köpenick. seit 10 jahren ist er in neukölln zuhause. das hatte sich einfach so ergeben. er war alkoholiker und in der hermannstraße hat er eine “trockene wg” gefunden.
“es ist alles locker hier und die leute sind gemischt, alles super – aber es gibt natürlich hoch und tiefs.” was der jürgen jedoch in den letzten jahren hier festgestellt hat: die jugendlichen werden aggressiver, zum beispiel in der hasenheide – “da muss man in der nacht schon aufpassen, auch als mann!”
einer seiner lieblingsorte ist die alte försterei in köpenick: “ich bin zwar auch hertha fan, aber dort macht es mehr spaß!”

 

andreas2andreas; 34; druckspezialist, spieleerfinder, preisboxer;
2008 hat es den andreas nach berlin verschlagen und wohnt seither dem, wie er sagt, untergang bei. “es ist spannend berlin dabei zuzusehen, wie schnell es sich verändert. vor einigen jahren machte jede woche ein neues unkommerzielles projekt auf – heute macht jede woche eines zu. es geht uns wie könig midas, alles was wir anfassen wird zu gold – und dann können wir es uns selbst nicht mehr leisten.”

 

ruthruth; 60; rentnerin;
mit 6 jahren, 1962, kam ruth mit ihren eltern nach berlin.
sie lebten zuvor in nürnberg – der vater war regierungsdirektor und wurde in die hauptstadt versetzt. in steglitz hatte sie eine tolle kindheit und jugend genossen, wenngleich darauf ein 20 jähriges intermezzo in schleswig-holstein folgte. seit 2002 ist sie wieder in berlin, genau genommen hat die ruth eine wohnung in der weißen siedlung in neukölln gefunden.
nur fühlt sie sich seit der rückkehr immer weniger wohl hier, vor allem in den letzten 5 jahren hat sich vieles zum nachteil verändert. “die leute hier im haus, die ich am anfang kennen gelernt hatte, sind fast alle weg. diejenigen die hartz4 bekamen mussten in die gropiusstadt oder nach britz ziehen, weil hier die wohnungen zu groß waren. mit den neuen nachbarn gibt es viele probleme – komasaufen, fast täglich ist die polizei hier, jugendgangs die schutzgeld verlangen!”
am anfang hatten sie in der siedlung noch feste und flohmärkte veranstaltet und es gab ein miteinander. das existiert jedoch nicht mehr. das gebäude hatte auch früher der stadt gehört, die hat es dann verkauft: “alles verlottert hier, niemand kümmert sich um etwas.”
trotz dieser tristesse ist sie guten mutes und ist froh über die gesellschaft ihres wellensittichs und hundes – ihr bruder wohnt auch nicht weit weg – aber einen plan für die zukunft hat sie schon: im fernsehen hat sie etwas über eine senioren-wg auf einem bauernhof am land gesehen, da hat sie sich jetzt um ein zimmer beworben, dort will sie hin.

 

2013_POB_georg_4georg; 32; filmemacher, komiker, politiker und privatgelehrter;
der georg kommt aus karlsruhe und lebt seit 9 jahren in berlin. es ist sein zu hause, aber irgendwie fühlt er sich trotzdem auch als wäre er auf urlaub.
“die stadt kann einen fertigmachen, zieht einen wieder hoch blablabla, massenweise möglichkeiten, dadurch eine leichte tendenz zur beliebigkeit. wahrscheinlich ist berlin die provinziellste weltstadt der welt, glaube ich, ich kenne nur diese!”
ja und sonst so: “ich will nicht einer von haufenweise zugezogenen daueradoleszenten kreativ-idioten sein, aber ich bins, und gebe nur ungern zu, dass mir das gefällt.”

 

juergenjürgen; 70; rentner;
“berlin ist eigentlich eine katastrophe!”, sagt der jürgen bißchen resignierend. recht glücklich ist er hier nicht. die unendlichen baustellen und der dreck nerven ihn gewaltig, aber es gebe auch schöne ecken – wie dahlem-dorf zum beispiel.
in münchen hat der jürgen mal gelebt – das war besser – aber seine familie hat ihn wieder hier her zurückgebracht.
“…und was passiert jetzt mit dem foto? dass das bloß nicht auf irgendwelchen internet sexseiten landet!”

 

hermannplatzA Piece of Hermannplatz

 

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