von am 13. März 2014

PCsenioren_01Sie tuscheln und schwatzen im Unterricht und mögen keine Hausaufgaben. Klingt nach Schule? Genauso geht es im Senioren-Computerkurs in Gropiusstadt zu – nur etwas langsamer.

Von Inge Pabel

„Ich bitte um Ruhe!“ Andrej Stadnik wendet sich in freundlichem, aber bestimmten Ton an die vor ihm sitzende Gruppe kichernder und tuschelnder Menschen. Das fröhliche Geschwatze verstummt nur langsam. Ein Lehrer vor seiner Schulklasse, könnte man vermuten. Doch Andrej Stadnik unterrichtet keine Teenager, sondern Senioren.

Es ist ein Mittwochvormittag im Integrationsverein Impuls in der Neuköllner Gropiusstadt. Später werden sich hier die Senioren zum Kaffeeklatsch treffen, aber jetzt sind sie nicht zuallererst zum Quatschen gekommen. 15 ältere Damen und Herren sitzen zu zweit oder dritt an Tischen. Der Blumenschmuck wurde zu Seite geräumt, denn so bleibt genug Platz für die Laptops, die vor ihnen stehen. Es ist Ruhe eingekehrt, der PC-Kurs für Senioren kann beginnen.

Jeder Teilnehmer spendet zu Beginn des Unterrichtes einen Euro für den Verein, als Klingelbeutel fungiert eine Plastiktüte. Im Hintergrund ist das Tellergeklapper der Dame zu hören, die den nachmittäglichen Seniorentreff vorbereitet. Wenn man aus dem Fenster sieht, versperren große Kübelpflanzen die meiste Sicht, aber dahinter lässt sich die hintere Hälfte des so genannten Gemeinschaftshauses erkennen, in dem wir uns befinden. Der rote Kastenbau mit den kleinen Fenstern steht mitten in der Großraumsiedlung aus den 70er Jahren im Süden Neuköllns. Er wirkt niedrig im Vergleich zu den vielen grauen Hochhäusern der umliegenden Gropiusstadt.

Ein Ehepaar, ansonsten nur Frauen

Hier leben viele Migranten aus Osteuropa, und in den letzten Jahren haben auch die Einwanderungszahlen aus der Türkei, aus arabischen Ländern sowie aus Polen deutlich zugenommen. Es scheint, als gebe es trotzdem kaum Leben auf den dreckigen Straßen. Vielleicht liegt es am Winterwetter: Der Gehweg ist noch mit dem für Berlin typischen Schneematsch bedeckt und die Atmosphäre ist kalt und wenig einladend. Umso gemütlicher und freundlicher erscheint so der kleine Raum im Erdgeschoss des Gemeinschaftshauses, wo nun die 15 Computer hochgefahren werden.

Die Anfängerklasse von Andrej Stadnik trifft sich seit August einmal wöchentlich. Ein paar Ehepaare sind dabei, ansonsten nur Frauen. Die Gruppe besteht zurzeit aus zwei Personen mit polnischem, zwei mit türkischem und drei mit russischem Hintergrund, die restlichen Teilnehmer sind Deutsche. Viele tragen blond gefärbtes, kurzes Haar und lange, manikürte Fingernägel. Sie scheinen sich für diesen Termin herausgeputzt zu haben.

PCsenioren_03Genau wie in einer Schulstunde, werden zu Anfang die Hausaufgaben kontrolliert. Aufgabe war es, ein Bild aus Google auf seinem Desktop zu speichern und hinterher wieder finden zu können. Und wie tausende von Schülern auch, beginnen die Senioren prompt mit Diskussionen, bringen Erklärungen und Empörungen vor, wieso sie die Hausaufgabe nicht gemacht haben. Aber Andrej Stadnik kennt keine Gnade. “Gut“, verkündet er, “dann müssen wir das eben noch einmal alle zusammen wiederholen! Ihr habt ja alles wieder vergessen!“ Und so ist es wohl auch. Die Frau neben mir stöhnt, dass der Kurs diese Aufgabe bereits mehrmals wiederholt habe. “Aber die grauen Zellen von so einigen wollen eben einfach nicht mitspielen.“

Begeisterung über ungeahnte Möglichkeiten im Netz

Sie ist auf den Kurs durch Aushänge in der Stadtbibliothek aufmerksam geworden, die sich gleich nebenan befindet. Als dann auch noch ihr Sohn davon abraten wollte, sich anzumelden, war ihr Interesse geweckt. “Der wollte doch nur nicht, dass ich ihn mit meinen Fragen nerve!“, erklärt sie mir lächelnd. Den Computer besaß sie schon vorher, ihr Mann spiele darauf gerne Solitaire. Aber sie selber weiß ihn erst zu nutzen, seitdem sie den Kurs besucht. Stolz erzählt sie mir, dass sie vor kurzem selbstständig im Internet nach einem neuen Auto gesucht hat. Nur beim Abspeichern der gefundenen Broschüre brauchte sie noch Hilfe. Als ich sie frage, ob sie E-Mails nutze, antwortet sie abwinkend. “Nein, wissen Sie, ich habe da ja noch nicht einmal einen Namen.“

Die gesamte Gruppe hat erst im August vergangenen Jahres und zwar bei Null angefangen. Wie meine Gesprächspartnerin besaßen die meisten schon seit längerem einen Computer, konnten aber nicht damit umgehen. Anfangs war es für die Senioren schwer zu begreifen, wie man einen Browser öffnet und Suchbegriffe eingibt. Als sie Google-Street-View benutzt haben, um sich “in der Welt umzuschauen“, waren alle schwer begeistert. Das hört man auch jetzt noch, Wochen später, aus der Erzählung heraus. Andrej Stadnik ist zufrieden mit den Lernergebnissen. “Der fortgeschrittene Kurs ist sogar schon so weit, dass sich jeder eine eigene Homepage einrichtet – und das, obwohl dieser Kurs erst seit eineinhalb Jahren existiert“, erzählt er stolz.

PCsenioren_04Der 50-Jährige trägt Vollbart, einen grau-schwarzen Pullover und Jeans. Stadnik möchte mit diesem Projekt älteren Menschen helfen, langfristig mit Computern umgehen zu können und die verschiedenen Systeme auch zu verstehen. Die Idee für diesen Kurs hatte er vor einigen Jahren, als er seiner Mutter einen Computer sowie eine Internetverbindung schenkte – und diese überhaupt nichts damit anfangen konnte. Nachdem er ihr ein Jahr lang Unterricht gegeben hatte, beschloss er, auch anderen Senioren bei Impuls dieses Angebot zu machen.

Ton aus? Fragende Gesichter

Doch ist es gar nicht so einfach, den Senioren die Welt der Technik verständlich nahe zu bringen. Es fällt vielen sichtlich schwer, sich überhaupt noch darauf einzulassen. Und bei manchen gibt es zusätzliche Hürden: Eigentlich wird zwar ausschließlich Deutsch gesprochen, aber wenn gar nichts mehr funktioniert, erklärt der Lehrer ein paar Sätze auf Russisch. Andrej Stadnik kommt selber aus Weißrussland und arbeitet seit fünf Jahren für den Verein. Neben den beiden Computerkursen für Senioren findet einmal im Monat ein PC-Kurs als Erweiterung für Deutsch lernende Schüler statt. “Aber da geht es eher darum, in Berlin klarzukommen, wie etwa auf der BVG-Seite Verbindungen herauszusuchen oder einen Beruf zu finden“, erklärt er mir. Inzwischen gibt sogar schon Bewerber für einen weiteren Computerkurs, der im Sommer starten soll.

Au ja, ich spende via: PayPal | Überweisung | Bankeinzug | Flattr

Während die Frau sich mit mir unterhält, wiederholen die anderen noch einmal die Hausaufgabe. Sie steigt interessiert wieder ein, als etwas Neues beginnt. Alle sollen einmal Youtube aufrufen, dann darf jeder die Suchfunktion ausprobieren. Schnell ertönen im ganzen Raum laut die Klänge der Rolling Stones und der Beatles, eine Seniorin sucht sich den Filmtrailer von Titanic heraus. Die Faszination ist den Gesichtern deutlich abzulesen, aber Andrej Stadnik möchte fortfahren. “Ton aus“, befiehlt er, doch damit können die Senioren zunächst herzlich wenig anfangen. Erst als ihn lauter fragende Gesichter anschauen, begreift er, dass er ihnen zeigen muss, wie man die Lautstärke regelt. Selbst er vergisst manchmal, wie neu das alles für die Senioren ist. Nie werden die verschiedenen Funktionen der Technik für sie so selbstverständlich sein, wie sie es für die jüngeren Generationen sind.

Doppelklick als Hausaufgabe

Nun wird die Gruppe aufgefordert, den Browser zu schließen und ein Word-Dokument zu öffnen. Die Frau hinter jener mit dem Titanic-Trailer fährt ihren Computer daraufhin herunter. Als ihr erklärt wird, dass es reicht, das eine Fenster mit dem Kreuz zu schließen oder mit dem Strich zu minimieren, um ein neues Programm starten zu können, seufzt sie und startet ihren PC neu. Die Senioren sollen nun die bereits abgespeicherten Bilder im Dokument einfügen. Bis jeder diese Aufgabe bewältigt hat, vergeht eine halbe Stunde. Die Schwierigkeit besteht auch darin, dass jeder seinen eigenen Computer von zu Hause mitgebracht hat und so nicht bei jedem alle Schritte vollkommen gleich sind. “Das ist ja bei jedem ein komplett anderer Ablauf!“, beschwert sich meine Sitznachbarin, nachdem sie versucht hatte einem der Ehepaare zu helfen.

Andrej Stadnik bleibt bewundernswert  gelassen. Nur als eine Frau schlicht behauptet, “das ginge bei ihr nicht“, sie aber nur keinen Doppelklick gemacht hatte, wird er kurz ein wenig ärgerlich. Denn dies hatte er mit der Gruppe schon Monate vorher bereits besprochen und geübt. Die zuvor noch so Empörte, schaut nun etwas betreten, aber sie ist nicht die einzige, die mit solchen Problemen zu kämpfen hat und so sind Wiederholungsstunden wie heute keine Seltenheit.

Die 90 Minuten sind fast um, der Kursleiter verkündet die Hausaufgabe, jeder soll sich zu Hause noch einmal hinsetzen und üben, mit der Computermaus umzugehen. “Rechtsklick, Linksklick und vor allem Doppelklick!“, diktiert er den Senioren, die brav mitschreiben, auch wenn missmutige Unruhe ausbricht. Hausaufgaben scheinen Senioren, genauso wenig wie Schülern zu gefallen.

 

Hier entlang zu mehr Infos zum PC-Kurs für Senioren im Integrationsverein Impuls e.V. in Gropiusstadt, der mittwochs (Anfänger) und donnerstags (Fortgeschrittene) von 10-11.30 Uhr stattfindet.

Inge Pabel, Schülerin des Leibniz-Gymnasiums, kannte vor ihrem Schülerpraktikum bei neukoellner.net Gropiusstadt nur aus “Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“.

 

 

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