von am 20. Oktober 2011

Als Heimat von Christiane F. und sozialer Brennpunkt ist Gropiusstadt in den Achtzigern bekannt geworden. Seitdem hat sich eine Menge verbessert. Doch der Neuköllner Ortsteil steht vor neuen Problemen.

„Gropiusstadt, das sind Hochhäuser für 45.000 Menschen, dazwischen Rasen und Einkaufszentren. Von weitem sah alles neu und sehr gepflegt aus. Doch wenn man zwischen den Hochhäusern war, stank es überall nach Pisse und Kacke. Das kam von den vielen Hunden und den vielen Kindern, die in Gropiusstadt lebten. Am meisten stank es im Treppenhaus.“

So schildert Christiane F. auf den ersten Seiten ihrer berühmten Lebensgeschichte die Umgebung, in der sie als Kind aufwuchs. Die Eltern waren mit Christiane und ihrer Schwester zunächst aus einem Dorf nach Kreuzberg gezogen, um eine Heiratsvermittlung aufzuziehen. Nachdem der Traum vom eigenen kleinen Unternehmen geplatzt war, ging es nach Gropiusstadt. Wie sie kamen viele in die Trabantenstadt am äußersten Zipfel Westberlins, vom Leben enttäuscht, ohne Geld und ohne Perspektiven. Und von hier aus nahmen die Dinge ihren Lauf: Der Vater trank, schlug die Kinder, betrog seine Frau. Hinterließ tiefe Wunden in der Seele der kleinen Christiane F., die später mit Drogen aus der Enge der Vorstadt ausbrechen sollte.

Berliner Banlieu

Licht, Luft und Sonne für alle.

In den Achtzigern erlangte Gropiusstadt als sozialer Brennpunkt traurige Berühmtheit, gekennzeichnet durch hohe Arbeitslosigkeit, Kriminalität und Anonymität. 1975 erreichte die Hochhaussiedlung ihre heutige Größe, mit rund 90 Prozent Sozialbauwohnungen. Die ersten Pläne stammten aus den Fünfziger Jahren, als die Stadtplaner die dicht bebauten Gründerzeitviertel Nordneuköllns „entkernen“ und den Kriegsgeplagten mehr „Licht, Luft und Sonne!“ schenken wollten. Den Entwurf verfasste schließlich eine Koryphäe der Architektur: Bauhaus-Gründer Walter Gropius, der sich wiederum von französischen Wohnkonzepten, etwa von Le Corbusier, inspirieren ließ.

Für die „Großsiedlung Berlin-Buckow-Rudow“ überlegte er sich ein Konzept, das eine Mischung aus maximal fünfstöckigen Hochhäusern und Einfamilienhäusern vorsah, mit viel Grün, Ladenzeilen und Spielplätzen. Doch schon bald nach der Grundsteinlegung 1962 mussten diese Pläne geändert werden. Durch den Bau der Mauer wurde Raum für neue Häuser in Westberlin knapp. Die Folge: Mehr und weitaus höhere Gebäude waren in Gropiusstadt nötig, so dass die Siedlung bei ihrer Fertigstellung 19.000 statt der ursprünglich geplanten 14.500 Wohnungen fasste. Eine Betonwüste mit wenig Abwechslung, gegen die sich auch Walter Gropius sträubte, jedoch ohne Erfolg. Er starb 1969, einige Jahre vor Abschluss der Bauphase, und wurde schließlich gar als Namensgeber für die Großsiedlung auserkoren.

Zurück zum Grün

Gropius meets Le Corbusier: Schnörkellos und symmetrisch.

„Man lernte in Gropiusstadt einfach automatisch zu tun, was verboten war. Verboten zum Beispiel war, irgendetwas zu spielen, was Spaß machte. Es war überhaupt eigentlich alles verboten. An jeder Ecke steht ein Schild in Gropiusstadt. Die sogenannten Parkanlagen zwischen den Hochhäusern sind Schilderparks.“

So trostlos wie Christiane F. die Zustände schildert, ist es in Gropiusstadt heute bei weitem nicht mehr. Die Wohnqualität hat sich seit den Achtzigern durch verschiedene Maßnahmen verbessert, etwa durch mehr Grünanlagen, wie sie Gropius ursprünglich geplant hatte. Ein richtiges „Kiezgefühl“ will sich aber immer noch nicht breit machen. Es ist der älteste Ortsteil Neuköllns: Ein Viertel aller über 65-Jährigen Neuköllner leben hier. Doch „seniorenfreundlich“ ist die Gegend keineswegs. Es gebe zu wenig Pflegestützpunkte, kritisiert Bezirksstadtrat Falko Liecke, und die Infrastruktur verschlechtert sich insgesamt zunehmend. Am 19. Oktober schloss die Postbank ihre Filiale in der Gropiusstadt, die nächste Filiale befindet sich über einen Kilometer entfernt in Britz. „Ich glaube nicht, dass die Kunden den Umsatz nicht bringen, mir scheint hier vielmehr das Konzept der Post nicht zu stimmen. Da ist es für die Post leichter, eine Filiale dicht zu machen, als einen tragfähigen Betrieb zu organisieren“, empört sich Liecke.

Wer auf Bingo steht, hat's gut in Gropiusstadt

Wer auf Bingo steht, hat's gut in Gropiusstadt

Für Kinder und Jugendliche gibt es in Gropiusstadt viele Angebote, oftmals initiiert durch das Quartiersmanagement. Schwerer haben es jedoch die Erwachsenen: Wenig Arbeitsplätze in der direkten Umgebung, kaum Freizeiteinrichtungen. Wenn man nicht mit den älteren Mitbürgern Bingo spielen oder sich die Hollywood-Blockbuster im Kino in den Gropius-Passagen anschauen will, sieht es schlecht aus mit sinnvoller Abendgestaltung. Der französische Spruch, der das Leben des modernen Großstädters zusammenfasst, scheint hier immer noch zuzutreffen: „Métro, Boulot, Dodo“ – „U-Bahn, Arbeit, Schlafen“. Das macht trotz „Licht, Luft und Sonne“ keinen Spaß.

 

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