von am 7. Juli 2016
Bahnhof Köllnische Heide (Foto: Cornelia Saxe)

Bahnhof Köllnische Heide

Unsere Autorin zog vor einem halben Jahr von Pankow nach Neukölln. Sie wohnt jetzt im Märchenviertel in der Köllnischen Heide. Dort geht es nur auf den ersten Blick idyllisch zu.

Text und Fotos: Cornelia Saxe

„Sind Sie verheiratet?“, fragt uns Frau A. gleich bei unserer ersten Begegnung. Vor einem halben Jahr bin ich mit meinem Lebenspartner von Pankow in die Köllnische Heide gezogen. Als wir verneinen, sagt sie begeistert: „Zwei Namen auf einem Schild, das ist so urban!“ Mir ist, als ob in diesem Teil Neuköllns die Uhren etwas anders ticken.

Im Gegensatz zu unserem alten Kiez, dürfen wir uns hier noch einmal jung fühlen. Die Bewohner laufen so langsam wie ihr Hund oder ihr Hund so langsam wie sie. Viele sind Senioren. Und sie haben immer Zeit für ein Gespräch. Frau A. ist um die 70. Wir treffen sie, wenn sie mit ihrem Kurzhaardackel Gassi geht. Auch ihre Kinder- und Kindeskinder wohnen hier. „Unsere Oase“ nennt sie die Gegend. Die Namen auf den Klingelschildern sind vorwiegend deutsch und zumeist gilt noch: ein Name für die ganze Familie. Später lernen wir auch Frau A.s Tochter kennen. Sie geht morgens mit ihrem Hund und ihren beiden Katzen spazieren!

Märchenhafte Zustände

Auf den ersten Blick geht es idyllisch zu in unserem Märchenviertel. Auf der Hänsel-, Gretel- oder Drosselbartstraße kann es passieren, dass man sich grüßt, auch wenn man sich nicht kennt. Das sind tatsächlich märchenhafte Zustände für eine gebürtige Berlinerin, die plötzlich ihr Herz für das Kleinstadtflair entdeckt.

Die Balkone der 20er-Jahre-Häuser sind von Halbbögen eingerahmt. (Foto: Cornelia Saxe)

Die Balkone der 20er-Jahre-Häuser sind von Halbbögen eingerahmt.

Die Häuser aus den 20er Jahren haben nur zwei Stockwerke und stehen zum Teil unter Denkmalschutz. Die Balkone sind von Halbbögen eingerahmt. Die Straßenlampen sehen so aus, als ob abends der Laternenanzünder vorbeikommt. Nachts wölbt sich ein Sternenhimmel über dem Haus, den ich in Pankow so nie gesehen habe. Und wenn wir an warmen Abenden auf dem Balkon sitzen, weht eine frische Brise vom gegenüberliegenden Park herüber. Die Nachtigallen schlagen und die Frösche quaken und wir fühlen uns wie im Urlaub.

Müllentsorgung von Zauberhand

Der Schulenburgpark ist das Herzstück meines neuen Lebensmittelpunktes. Viele Bänke haben einen Namen, der in die Sitzfläche geritzt ist. Es gibt eine Patrick-, eine Kai-, eine Murat- und sogar eine Erdogan-Bank. Ich mag es, wenn der Geruch nach Wasserpfeifentabak über die Parkwege zieht.

Der Schulenburgpark (Foto: Cornelia Saxe)

Der Schulenburgpark

Müll wird in der Köllnischen Heide entsorgt wie von Zauberhand (Foto: Cornelia Saxe)

Müll wird in der Köllnischen Heide entsorgt wie von Zauberhand

Hier sitze ich häufig und beobachte neugierig die Kinder, die Hamsa oder Ahmed heißen. Sie werden von ihren Müttern gerufen, wenn sie sich zu lange von der Familie entfernen, die am Wochenende zumeist getrennt in eine Frauen- und eine Männergruppe auf der Wiese sitzt. Spätestens ab Montagmittag sind die liegen gebliebenen Müllsäcke, die Pistazien- und Sonnenblumenkernschalen wie von Zauberhand verschwunden. Die Wege sind geharkt und die Wiese ist wie ein flauschiger, fleckenloser Teppich ausgerollt – den Parkarbeitern sei dank.

Wasserschlacht im Märchenbrunnen

Ich verfolge eine Wasserschlacht im Märchenbrunnen mitten im Park. Ein Zwölfjähriger steigt samt seiner teuren roten Turnschuhe in das Becken, in dem sich drei andere, etwas Jüngere barfuß bespaßen. Als sie kaum Notiz von ihm nehmen, bespritzt er sie mit Händen und Füßen, dass sie erschrocken aus dem Brunnen flüchten. „Wir kommen Deine Mutter klatschen!“, rufen sie aus sicherer Entfernung.

Morgens, mittags und abends läuten die Glocken der evangelischen Tabea-Gemeinde, die direkt am Park liegt. Das Geld habe nur für den Bau des Gemeindehauses, aber nicht mehr für eine Kirche gereicht. Doch ein Glockenturm sollte unbedingt her. Die Glocken sollten laut sein, um die Einwandererfamilien zu beeindrucken, wird in der Gemeinde erzählt. Hinter dem Park rauscht die Sonnenallee wie ein Grenzfluss, der den deutschen vom arabisch-türkischen Teil trennt.

Neuer Drogenumschlagplatz

Beim Sommerfest der Genossenschaft sind wir erstaunt, dass wir als einzige aus unserem Haus gekommen sind. Ist der Zusammenhalt doch nicht so stark, wie wir dachten? Kaum jemand nimmt Notiz von uns Neulingen. Ein Lichtblick sind B. und ihr Freund aus dem Nachbarhaus, die in unserem Alter sind. Sie lebt seit ihrer Kindheit in der Genossenschaft und trägt ein T-Shirt mit der Aufschrift „Neukölln macht glücklich“, engagiert sich für den Bezirk und in einer Künstlergruppe.

B. erzählt uns, dass es vor wenigen Wochen ungewöhnlich viele Spaziergänger, Jogger und Gärtner im Park gegeben habe. Tatsächlich seien es getarnte Polizisten gewesen, die auf Dealer zugegriffen hätten, die rund um den Bahnhof Köllnische Heide aktiv seien. Die „BZ“ schreibt, das Schulenburgpark-Viertel drohe zu kippen und titelt „Das ist Neuköllns neuestes Problemviertel“. Und auch der „Tagesspiegel“ verzeichnet hier einen Anstieg des illegalen Drogenhandels, von dem ich bislang noch nichts bemerkt habe. Hat die Kai-, die Patrick- und die Murat-Bank eine ganz andere Bedeutung, als ich dachte?

Sorgen um kippendes Quartier

Ich erlebe den Bahnhof während der EM eher als gemütliches Wohnzimmer. Jemand hat einen großen Flachbildschirm in die Eingangshalle gestellt und Wimpel aller Länder aufgehängt. Dort sitzen nun Menschen verschiedener Nationen friedlich auf wackligen Holzstühlen zusammen, wenn ein spannendes Spiel läuft. Der kleine Elektronik-Trödler hat auch Modeschmuck mit dem Cannabis-Symbol. Ein versteckter Hinweis auf mein kippendes Quartier?

Natürlich vermisse ich manchmal meinen alten Kiez zwischen Schönhauser Allee und Vinetastraße. Die vielen Läden, Kneipen und Cafés. Und dass ich auf der Schönhauser mein halbes Leben wiedertreffe: den alten Schulkamerad, die Kommilitonin oder einen verflossenen Flirt.

Wie alte Bekannte begrüßt

Man könnte die Gegend eine Servicewüste nennen, einen Nicht-Kiez. Als Treptowerin, die in der Mauerstadt aufgewachsen ist, kann ich allerdings gut auf Einkaufstempel verzichten. Und dafür komme ich, sobald ich die Genossenschaft verlasse, mit vielen Nationen in Berührung. Hier gibt es weit und breit nur eine einzige Bäckerei. Sie gehört einer türkischen Familie. Ich bekomme hier zwar nicht das Brot, das ich gern esse, dafür habe ich eine neue Vorliebe für Sesamkringel und Honig triefenden Grießkuchen entdeckt. Ich habe sogar Lust bekommen, Türkisch zu lernen, denn nicht nur der Bäcker, auch meine Schneiderin spricht diese Sprache.

Märchenhafter Brunnen mitten im Park (Foto: Cornelia Saxe)

Märchenhafter Brunnen mitten im Park

Das einzige Restaurant in der Gegend ist ein echter Italiener mit einem Biergarten unter alten Bäumen. Bei allen besonderen Anlässen sind wir bisher hier gelandet und stets wie alte Bekannte begrüßt worden. Meine Yogalehrerin ist Niederländerin. Und der Besitzer meines Lieblingsladens auf der Sonnenallee, in dem es nach frisch gerösteten Nüssen und Kaffee duftet, ist Palästinenser. Etwas weiter entfernt gibt es eine Handvoll Supermärkte. Die Genossenschaft bietet für alle älteren Nachbarn einen Einkaufsservice an.

Steht bald ein Generationenwechsel an?

Frau A. erzählt uns, dass sie als junge Frau noch erlebt hat, wie hier die Mauer gebaut – und wie sie knapp 40 Jahre später wieder abgerissen wurde. Die Wunde der Stadt, die hier einst zwischen Neukölln und Treptow verlief, ist jetzt ein begrünter Mauerweg, der sich am Rand unserer Siedlung durch Schrebergärten und Grünanlagen schlängelt.

Unser Vormieter hat mit seiner Familie über 50 Jahre in dieser Wohnung gelebt. Vor unserem Einzug habe ich die verschiedenen Schichten mit groß geblümter Tapete fotografiert, die bei der Renovierung zum Vorschein kamen. Er ist mit über 80 Jahren hier gestorben. Zwei weitere Nachbarn sind ihm inzwischen gefolgt. Vielleicht steht hier bald ein Generationenwechsel an – und wir werden schneller zu den Alten gehören, als uns lieb ist.

Au ja, ich spende via: PayPal | Überweisung | Bankeinzug | Flattr

 

 

6 Kommentare:

  • Bla sagt:

    Man kann sich ja erkennbar alles schön schreiben, wenn man es denn möchte. Und ja, es ist auch schön geschrieben. Richtig ist aber, dass diese Ecke unserer Stadt _das_ kommende Problemviertel sein wird. Migrationsanteil, Anteil von Sozialleistungsempfängern, Gesundheitsdaten und Kriminalitätsentwicklung (Drogen!) sprechen dafür. Diese Ecke macht nur glücklich, wenn man die Augen schön weit in den Himmel richtet.

    Schönreden hilft nicht. Man muss an die Probleme ran. Aber da ist neukoellner.net ja auf gleicher Wellenlänge wie die Frau, die immer rote Bänder durchschneidet und sich Bezirksbürgermeisterin nennt.

  • LiebeR Bla – das ist ein Stimmungsbild, das ich hier in den ersten Monaten gewonnen habe. Die Drogenproblematik habe ich erwähnt, auch wenn sie mir bislang nicht vor die Füße gefallen ist. Angeregt auch durch Ihren Kommentar werde ich noch genauer hinschauen und berichten!

  • Bla sagt:

    Liebe Cornelia Saxe, bitte nicht falsch verstehen: Es ist als – nett geschriebenes – Stimmungsbild angekommen. Und als solches vollkommen in Ordnung.

    Ich wollte dem mal mein – weniger umfangreiches und weniger nett geschriebenes – Stimmungsbild entgegensetzen. Willkommen in Neukölln!

  • Danke für das freundliche Willkommen! Wir bleiben im Gespräch – spätestens bei der nächsten Veröffentlichung 😉

  • FNTMS sagt:

    @Bla: Ich wohne schon seit mind. 8 Jahren im Viertel rund um den Schulenburgpark und das was Sie hier schreiben ist schon sehr negativ. „Es wird das kommende Problemviertel sein“? Haben sie eine Glaskugel mit der Sie in die Zukunft schauen können? Nur weil irgendwelche Zeitungen unsägliche Artikel über dieses Viertel schreiben? Es gehört schon wirklich viel Chuzpe dazu die Köllnische Heide als Problemviertel anzusehen. Zur Drogenproblematik: ich habe hier schon Dealer gesehen, meist Jugendliche oder junge Erwachsene, aber sie verstecken sich meist und sind nicht so aufdringlich wie anderenorts in Berlin. Problembezirk wg. Sozialhilfeempfänger und Ausländeranteil? Wirklich? Dann muss es schon früher ein Problembezirk gewesen sein, denn fast alle Bauten in dieser Gegend waren und sind Sozialwohnungen (Stadt und Land). Also wer soll darin wohnen, junge Hipster oder sozial Bedürftige, die sich nur Sozialwohnungen leisten können? Die Köllnische Heide ist mir lieber als die Weserstraße oder die sonst jetzt so trendigen Viertel in Neukölln. Dort gibt es alles was man braucht fußläufig, das Nahverkehrsnetz ist ausgesprochen gut. Der Schulenburgpark ist eine wunderbare Oase. Der Grünstreifen des Mauerweges lädt zum Verweilen ein. Es gibt schöne Ecken wo man sich ungestört an den Treptower Kanal legen kann. Die Bebauung ist aufgelockert, so dass man tatsächlich einen freien Blick auf den Himmel/Horziont hat. Die Nachbarschaft (zumindest bei mir) ist nett, man kennt sich vom Sehen und man grüßt sich.
    Ergo: Erst einmal das Viertel kennen lernen und dann urteilen Herr Bla.

    @Frau Saxe:
    Der Artikel ist schön geschrieben und entspricht auch meinen Eindrücken. Ich finde das Märchenviertel auch sehr schön und der Italiener ist auch super. Wg. der Sauberkeit der Parks und der Grünflächen: Nun es sind 2 Außenstellen des Grünflächenamtes (direkt am Park und in der Neuköllnischen Allee) die in einer Sisyphusarbeit die Grünanlagen sauber halten. Weil es leider viele Menschen gibt (und nicht nur in der Köllnischen Heide), die das Gemeineigentum nicht schätzen und ihren Müll, wo sie gehen und stehen einfach liegen lassen.

    Was wirklich störend ist, ist der Autobahnbau, durch den schon viel Natur weichen musste und die Lärmbelästung erheblich gestiegen ist. Und die Sonnenallee wird durch die Autobahn noch mehr befahren werden und für Radfahrer wird es dann auf der Sonnenallee wirklich gefährlich.

  • Bla sagt:

    @FNTMS: Der Einfachheit halber verweise ich mal auf die bezirkliche Sozialberichterstattung. Objektiver geht es kaum. Aber erstmal das Viertel kennen lernen und so.

    Einigen wir uns doch darauf, sich gegenseitig nicht Dinge vorzuwerfen, die wir gar nicht wissen (können), ay?

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