von am 1. April 2014
BerlinPoche_02

Nur auf Französisch! Ein Hoch auf die Mehrsprachigkeit singt Berlin Poche. (Foto Nicolas Oxen)

Berlin für die Tasche: Am fünften Geburtstag des französischen Kulturmagazins „Berlin Poche“ zeigt Chefredakteurin Léa Chalmont-Faedo ihr unwiderstehliches Lippenstiftlächeln und wünscht sich: ein bisschen mehr Rafinesse!

Wir sitzen am Kotti, oben rauscht die U-Bahn vorbei, unten ist der Asphalt noch frühlingshaft warm und im Südblock wird getanzt. „Alors, on danse“, der französische Partyklassiker dröhnt aus den Boxen. Grund zum Tanzen hat das französische Kulturmagazin Berlin Poche, das zwar hier in Kreuzberg seinen fünften Geburtstag feiert, aber eigentlich in Neukölln beheimatet ist. Wenn Léa Chalmont-Faedo, die Chefredakteurin, dann noch ihr unwiderstehliches Lippenstiftlächeln auflegt, weht durch diesen Märzabend ein Hauch von „Kotti d’azur“.

Ein Kulturmagazin auf Französisch, für die, die es sprechen oder gerne lesen, mit Veranstaltungskalender, Ausgehtipps und Rezensionen zu Theater, Kino, Kunst und Tanz – Léas kam die Idee, als sie bei einer französischen Zeitung in Berlin ein Praktikum absolvierte. Berlin Poche – Berlin für die Tasche, so handlich, praktisch und umsonst sollte ihr Magazin sein. Nach fünf Jahren ist es mittlerweile zum Din-A5-Format gewachsen, kostet 2 Euro und muss sich, was den Inhalt angeht, hinter keiner Späti-Theke verstecken.

Rezepte, Partys, Interviews

In der Geburtstagsausgabe lernt man zum Beispiel wie man eine Käse-Lauch-Hackfleisch-Suppe kocht, kann eine Zeitreise zum Ernst-Thälmann-Park in der Greifswalderstraße unternehmen oder sich einen Weg durch die Vielfalt der Veranstaltungen planen. Dazwischen ist auf den kleinen Seiten immer wieder Platz für Interviews mit Regisseuren und Choreografen oder einen Guide für die Berliner Jazz-Clubs. Wer sich mit der „Métro“ in Berlin noch nicht so gut auskennt, dem hilft auf der letzten Seite der Liniennetzplan der BVG.

Au ja, ich spende via: PayPal | Überweisung | Bankeinzug | Flattr

Berlin findet Léa sehr kreativ, aber auch sehr anstrengend. Sie mag die Vielfalt in Neukölln, wo sie seit 2008 lebt und Berlin Poche macht. Prenzlauer Berg ist ihr zu schick „zuviel Kinderwägen, zuviel Bio“. Im Vergleich zu anderen deutschen Großstädten ist in Berlin die frankophone Leserschaft besonders groß. Dass sich so viele Franzosen hauptsächlich für Berlin und nicht für Deutschland generell interessieren, findet Léa ein bisschen beschränkt. Dass Berlin Poche auch zweisprachig erscheinen könnte, steht für sie nicht zur Debatte. Sie interessiert die Mehrsprachigkeit und kulturelle Vielfalt – wie es sie auch in der frankophonen Sprachgemeinschaft gibt.

Fremd und neugierig bleiben

Deshalb nervt sie manchmal das ständige Reden von der deutsch-französischen Freundschaft. Man kann nicht nur in zwei Ländern oder Sprachen denken. Gerade die Erfahrung in einer anderen Sprache nie ganz heimisch zu werden, immer ein bisschen fremd und dadurch neugierig zu bleiben, daraus gewinnt Berlin Poche seinen Antrieb.

Léa freut sich über die fünf Jahre, auch wenn es hier in Berlin zwar billig, aber nicht immer einfach ist, ein Kulturmagazin zu führen. Alles ist gut organisiert, aber zwei Dinge fehlen ihr hier manchmal: Fantasie und Raffinesse.

www.berlinpoche.de

 

Ein Kommentar:

  • Nach einer erfolgreichen Premiere in Vien, feiert der Film „A Perception“ seine Erstauführung in Deutschland.

    Montag, den 15. Juni um 20:30 öffnet das Kino Babylon für die Geschichte des Regisseurs Daniel Pfanders die Türen.

    Die Stadtmagazine Zitty und Tip sind von der Geschichte überzeugt und das Material wurde unter „Tagestipps“ eingeordnet.

    EINE UNSTERBLICHE WAHRNEHMUNG

    REZENSION ZUM FILM „A PERCEPTION“

    Zunächst, die Handlung des Dramas ist kurz erzählt: Ein gehbehinderter alter Gutsherr (Hermes Phettberg) residiert in der Einöde seines halbverfallenen Schlosses in Pommern. Er ist ist über seinen einzigen drogendealenden Sohn (Rainer Meifert) dermaßen enttäuscht, dass er seinem Pfleger Jean-Jaques (Hennig Gronkowski) überredet, denselben aus dem Weg zu räumen, damit dieser an Sohnes statt eine neue Blutslinie gründet, quasi als der Nachkomme, den der Alte sich immer gewünscht hat. Freilich, mit einer Einschränkung: der allseits sichtbare Verfall des Gutes Hohenholz, darf unter keinen Umständen verändert werden, tristesse oblige. So nimmt das Verhängnis seinen Lauf, denn in der schwülen pommerischen Hitze des August erscheint der Sohnemann mit seiner Geliebten, einer Prostituierten (Hanni Bergesch) und ihrer erblühten Tochter (Paulina Weiner). Die Gemüter erhitzen sich, alte und neue Konflikte brechen auf und so kommt es schließlich zum unvermeidbaren finalen letzten Akt des Dramas.

    Was Daniel Pfander mit den begrenzten Mitteln seines nicht geförderten Films gelingt, ist erstaunlich bemerkenswert. Geschickt versteht er es, die Kulisse des halbverfallenen Herrenhauses mit seinem Hauptdarsteller Hermes Phettberg in einer harmonischen Synthese zu verschmelzen, sodass die Illusion von abgewirtschafteten Mensch und Ort perfekt scheint. Dabei führt der Film anfangs behutsam in die bizarre Welt des schrulligen Alten und seines Pflegers ein; ein keusches Liebesverhältnis zwischen Bedürftigen und Helfer, das sinnliche Momente in sich birgt und poetische Inspiration konnotiert. So z.B. als der Alte unter der Dusche steht und von seinem Pfleger geduldig gewaschen wird oder der Graf dem jungen Mann beim Baden im nahen Teich sehnsuchtsvoll zusieht.

    Trotz dieser vom Tod-in-Venedig gefärbten Szene (die durchaus Gronkowskis nackten Hintern vertragen hätte können), entwickelt der Film seine eigene Identität, ohne dabei ins Sentimental-Kitschige abzudriften, wie dies bei den meisten schwulen Filmen der Fall ist. Es wäre jedoch ein Fehler, den Film allein auf dieses Genre zu beschränken, denn in erster Linie handelt es sich um die Darstellung von zwischenmenschlichen Beziehungen mit allen ihren Höhnen und Tiefen vor dem Hintergrund des endgültigen finanziellen Ruins. Dass es Hermes Phettberg dank seiner menschlichen Größe dabei gelingt trotz seiner Forderung nach Auslöschung der eigenen Blutslinie, das Publikum auf seine Seite zu ziehen und die Figur des Grafen als sympathisches warmherziges Familienoberhaupt darzustellen, ist eine der besonderen Stärken dieses Streifens. Obwohl von mehreren Schlaganfällen gezeichnet, beeindruckt das einst so wortgewaltige Sprachgenie allein durch die inversive Ausdruckskraft seines tiefen Blicks und vermag den Zuschauer von Anfang an zu fesseln.

    Nicht minder bewundernswert ist auch die Leistung der anderen Schauspieler – die es zugegebenermaßen nicht immer leicht haben, neben dem Titanen Phettberg zu bestehen –, und die Handlung dort geschickt vorantreiben, wo längere Dialoge Phettbergs Sprachzentrum überfordern würden.

    Rainer Meifert überzeugt in der Rolle des abgewrackten Sohnemanns und Sonnyboys, der aber – und dies ist die weitere Besonderheit dieses Films – ebenso von seinem ersten Auftritt an die Sympathie des Publikums auf seiner Seite weiß. Dadurch kann Pfander bis zuletzt eine Spannung aufrechterhalten, die dem Publikum den endgültigen Ausgang der Handlung offen lässt, indem er zwei Sympathieträger geschickt gegeneinander ausspielt. Als gescheiterte Existenz schafft es Meifert alias Konstantin von Hohenholz, sich gerade einmal so über Wasser zu halten, wobei eine tadellose Hanni Bergesch in der Rolle als Prostituierte Nadja an seiner Seite die letzte Stütze darstellt. Ein Paar, wie füreinander bestimmt, sich durchs Leben treiben zu lassen und irgendwo noch glücklich zu stranden – oder unterzugehen.

    Dem gegenüber steht die junge Generation in den Figuren des verträumten Pflegers Jean-Jaques (hervorragend spitzbübisch: Henning Gronkowski) und der sinnlich-erotischen Paulina Weiner als Nadjas junge Tochter. Der gegenseitigen Anziehungskraft ihrer Körper erlegen, darf jedoch bezweifelt werden, ob die Jugend es später vielleicht wirklich besser als die vorherige Generation machen wird. So weitet sich das Drama ums Haus Hohenholz letztlich auch zum Konflikt über drei Generationen aus.

    Daniel Pfander beherrscht sein Handwerk als Filmemacher, wenngleich das minimale Budget des Films Nachtaufnahmen nur in bescheidener Qualität zulässt. Allein, dies tut dem Unterhaltungswert keinen Abbruch, wird der Zuschauer doch mit anderen großartigen Aufnahmen entschädigt. Absoluten Höhepunkt dieses durchaus auch tragikomischen Streifens, stellt die Teeszene dar, als der alte Herr von Hohenholz seinen Sohn samt Entourage zum Tee im Salon des Schlosses empfängt. Man kann hierbei mit Fug und Recht behaupten, dass Pfander es geschafft hat – zumindest für einen kurzen Augenblick – Phettbergs altes Feuer zu entfachen und die Auswirkungen seiner Erkrankungen zu überwinden. Allein dafür gebührt ihm das Prädikat der Unsterblichkeit.

    Philipp Porta, Theater-, Film- und Medienwissenschaftler aus Wien

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.