von am 24. August 2011

Agnieszka, freiberuflich und DJane, lebt seit fünf Jahren in Neukölln. Wir wollten von ihr wissen, was sie sich für Neukölln erhofft. Teil 2 unserer Serie, in Zusammenarbeit mit dem tazblog M29.

„Ihr kriegt uns hier nicht raus! 
Das ist unser Haus“ sangen Ton, Steine, Scherben schon in den Achtziger Jahren. Nun sind die Zeiten der Hausbesetzungen zwar vorbei, aber steigende Mieten oder der Verkauf der Wohnung in der man lebt, sind die Schreckgeschichten der Gentrifizierung. Der Prenzlauer Berg, Mitte, Friedrichhain sind schon lange vom großen Ausverkauf glatt geschliffen. Ist Neukölln als nächstes dran oder ist unser Kiez schon längst mittendrin?

Agnieszka wird demnächst aus ihrer Mietwohnung, in der sie seit fast 5 Jahren lebt, ausziehen müssen. Ihre Wohnung ging im letzten Jahr zur vorübergehenden Verwaltung an eine Insolvenzfirma und wurde Anfang Januar 2011 zwangsversteigert. Dabei erziehlte die Ein-Zimmerwohnung einen Preis, der 10.000 € über dem Schätzwert und 22.000 über dem Einstiegspreis lag.

Agnieszka:

“Ich will in einem Kiez leben, der ein Kiez bleibt, der sich nicht so rasant verändert, wie das nun in Neukölln passiert. Klar, Änderungen sind an sich gut und unvermeidbar, aber so? Was zum Teufel bringt Leute dazu, plötzlich hier wohnen zu wollen? Die Mieten steigen, alte Mieter werden aus ihren Wohnungen rausgeschmissen, das Eigentum, also das Geld, macht sich hier breit. Der letzte anarchistische Fleck Berlins verschwindet. Ja, ja! Ich bin sauer, da ich aus meiner Wohnung, meinem Zuhause ausziehen muss, wegen Eigenbedarf einer jungen Frau, die Kreuzkölln, wie sie meine Gegend nennt, cool findet. Ok, ich bin noch jung und kann mir einen neuen Kiez suchen, aber was ist mit den älteren Menschen, die sich nicht mehr trauen in ihrem Lieblingscafé, Kaffee zu trinken, da es hip geworden ist oder es  zugemacht hat. Ich finde nicht alle Zugezogenen schlecht, aber mehr Respekt gegenüber dem Bestehenden wünsche ich mir schon. Ich vermisse die alten Zeiten, wo es noch nicht so viele Cafés gab, man den Wirt noch persönlich kannte, und die vielen Nachbarn abends beim Bier oder bei einer kleinen Lesung oder einem Konzert getroffen hat. Ja, das war schön damals in Neukölln, sehr entspannt, keine Kluft zwischen Reich und Arm. Neukölln war mein Zuhause, ob es das auch bleibt? Das hoffe ich sehr.”

Artikel erschienen am 21.01.2011 im tazblog M29 von unserer Autorin Elisabeth Wirth.

 

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