von am 28. März 2013

Wohnt das Glück im Garten? Oder wartet es auf die Sonne? Unsere Autorin hat bei der Kleingartenkolonie Odertal im Schillerkiez nachgesehen, ob es sich dort versteckt.

Die Tore sind verschlossen. Kein Mensch ist zu sehen. Kein Lebenszeichen. Das überschaubare Gebiet der Kleingartenkolonie Odertal am Eingang des Tempelhofer Feldes Herrfurth-, Ecke Oderstraße wirkt verwaist und leer, als ich dort ankomme. Einzig und allein die Spatzen hüpfen in den Hecken, die sich am Zaun um die kleine Gartenkolonie ranken, umher. Ab und zu joggt ein Läufer vorbei – auf dem Weg am Rande des ehemaligen Flughafens, der an der Anlage vorbeiführt.

Ich suche nach Anwohnern, um herauszufinden, wer hier lebt, wie der Blick der Leute auf ihren Kiez ist und ob das Glück hier wohnt, an diesem Ort, der nur einen Katzensprung vom Tempelhofer Feld entfernt liegt.

Leere Pfandflaschen, ein verwaister Koffer, viel Hundekot

Auf dem Weg am Gelände entlang liegen vereinzelt Abfälle: Das ist sicher nicht das Glück

Doch wen soll ich fragen, wenn niemand da ist? Kein Hinweisschild verweist auf AnsprechpartnerInnen der Kleingartenanlage. Ich suche nach dem Glück im Garten. Vielleicht finde ich es auch ohne mit jemand zu sprechen? Vielleicht kann ich es riechen, hören, sehen oder ertasten? Auf dem Weg am Gelände entlang liegen vereinzelt menschliche und tierische Abfälle: leere Pfandflaschen, ein verwaister Koffer, viel Hundekot. Das ist sicher nicht das Glück. Gut, dann mache ich eben Fotos von dem, was ich finden kann, um so zu verstehen, was das Glück an diesem Ort ausmacht. Ich blicke über den Zaun. Der Garten an dieser Stelle ist sehr aufgeräumt mit kurzgeschorenem Rasen und akkurat in versetzter Reihe angeordneten Gehwegplatten. Die Gartenlaube sieht gut gepflegt aus. Der Zaun ist mit Stacheldraht gesichert. Die Tür zu diesem Gartenkleinod ist eine typische Gartenlaubentür, so wie ich sie kenne. Stahlstangen, die in diesem Fall rot angestrichen sind und insgesamt eine Sonne zeichnen. Die Sonne – vielleicht bringt sie mir Glück! Über mir nieselt es, und der Wind saust mir um die Ohren.

Am Ende der Umzäunung angelangt: noch immer kein Lebenszeichen – und ich hatte doch so gehofft! Doch hoffen allein hilft – wie so oft – anscheinend in diesem Fall auch nicht. Ich brauche Glück und suche es noch einmal am Haupttor der Anlage. Dort angelangt, spricht mich eine Frau an, die gerade vorbeispaziert: „Was haben sie denn da fotografiert?“ Ich erkläre ihr, was es mit meinen Erkundungen auf sich hat. Wir kommen ins Gespräch. Sie ist Hamburgerin, ehemalige Theaterfotografin und nur zu Besuch, um ihre Enkelin zu hüten. Gerade hat sie sich das Tempelhofer Feld angesehen, das sie noch von früher kennt, als sie vor vielen Jahren von dem ehemaligen Flughafen losgeflogen ist. Für sie sei so eine freie Fläche mitten in der Stadt faszinierend. Ihre Tochter wohnt erst seit Kurzem in Neukölln, gleich um die Ecke. Als diese vor einem Jahr nach Berlin kam, war ihr Wohndomizil in der Wiener Straße in Kreuzberg: 4. Etage, Kohlenheizung, Toilette auf dem Gang, Dusche in der Küche. Die jetzige Wohnung in Neukölln sei ein wenig besser, einfach komfortabler und die Umgebung auch schön grün. Der Wind bläst mir während des Gespräches um die Ohren. Es ist kalt und es beginnt immer mehr zu regnen.

Im Winter müsse man mit Einbrechern rechnen

Den Sommer über „draußen“ sein zu können – das bedeutet für ihn Glück

Unerwartet, wie durch eine glückliche Fügung, kommt ein Mann aus der Eingangstür der Gartenkolonie. Ich bin überrascht und freue mich, doch noch einen potentiellen Ansprechpartner zu sehen. Nach einer kurzen Verabschiedung von der Berlinbesucherin frage ich den Herrn mit Basecap, der gerade das Gartentor verschließt, ob er mir einige Fragen beantworten würde. Er bleibt einfach stehen, und ich deute das als: ja. Er ist Eigentümer einer der 26 Parzellen und hat nachgesehen, ob auf seinem Grundstück alles in Ordnung ist. Im Winter müsse man mit Einbrechern rechnen, da ja auch die Tageszeitungen immer ankündigen, wenn die „Laubenpieper“ ihre Häuser für den Winter verlassen, erklärt er. Seine derzeitige Wohnung liegt in Treptow, in der Nähe der Elsenstraße. Früher wohnte er in Nordneukölln. Doch nach der Maueröffnung hat er den Bezirk verlassen, weil es ihm zu „gemischt“ wurde und er in Treptow eine neue „schöne grüne“ Wohnumgebung gefunden hat.

In seinem Garten hier in der Kolonie wachsen Obstbäume und Gemüsepflanzen, und er bewirtschaftet verschiedene Beete. Auch ein Teich ist Teil seines kleinen Grundstückes. Die Entspannung, die es bringe, wenn es im Frühling wieder los gehe, den Garten zu pflegen und dann den Sommer über „draußen“ sein zu können – das bedeutet für ihn Glück. Im Winter schläft das Glück eher in der Kolonie. Bereits seit 20 Jahren ist er vor Ort als Kleingärtner aktiv. Damals bekam er glücklicherweise durch Bekannte einen Platz in der Kolonie. „Früher waren noch Bettgestelle an den Zäunen“ und dienten so als Umzäunung selbst. Was für eine heimelige Atmosphäre, wenn bereits die äußeren Abgrenzungen der Gartenanlage von Entspannung und Träumerei erzählen, denke ich. Heute begrenzt die Kolonie ein schlichter Zaun mit Stacheln zum Schutz vor Unbefugten.

Diffuse Angst, dass die Kolonie „wegsaniert wird“

Derzeit stören ihn die unterschiedlichen Bewirtschaftungen der Parzellen. Einige werden sehr gepflegt, andere sind eher „durcheinander“, weil dort ständig Kinder spielen und dann seiner Meinung nach nicht entsprechend Ordnung gehalten wird. Die diffuse Angst, dass die Kolonie „wegsaniert wird“, hat er bereits seit längerer Zeit. Seitdem auch in der Umgebung das Thema Aufwertung und der Neubau von Wohnungen besprochen wird sowie die Diskussion um das ehemalige Flugfeld in Gang ist. Mit der Angst kommt die Annahme, dass dieser Ort vielleicht für neuen „höherwertigen“ Wohnraum genutzt wird, gerade im Kontext der Pläne für das Tempelhofer Feld.

Meine anfänglichen Assoziationen, dass hier ein verwaistes, vernachlässigtes und vorrübergehend vergessenes Grundstück vor mir liegt, treffen auf den Winter als Jahreszeit wohl zu. Doch im Frühling und Sommer wird (hoffentlich) alles durch die Laubenpieper und das Erwachen der Natur belebt und mit neuer Energie und Kraft beseelt. Sicher zeigt sich das Glück dann wieder.

 

Dieser Text ist in gekürzter Fassung in der Februar-/Märzausgabe der Schillerkiezzeitung Promenadenmischung zum Thema “Glück” erschienen.

 

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