von am 2. November 2015

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Vorurteile machen sich breit! Abgrenzung statt Solidarität sei im Norden Neuköllns auf dem Vormarsch. Die Soziologin Manuela Freiheit hat in einer Studie untersucht, was dran ist an den Klischees.

Die Räume in Neukölln sind umkämpft, die Gentrifizierung ist bilderbuchartig nachzuvollziehen, was soziale Konflikte nach sich zieht. Doch wer wehrt sich da eigentlich alles gegen was und wen? Manuela Freiheit vom Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld hat sich in ihrem Forschungsprojekt „Aus dem Alltag umkämpfter Räume: Ausgrenzungs- und Abwertungsprozesse oder sich wandelnde Solidaritäten“ den Reuterkiez vorgeknöpft, um das genauer zu verstehen.

Wie in den anderen Kiezen in Nord-Neukölln konkurrieren die Leute hier nicht mehr nur wegen steigender Mieten um Wohn- und Arbeitsräume, sagt die Soziologin, sondern mittlerweile auch um Plätze in den „besten“ Schulen und Kitas, um Parks oder Spielplätze, oder auch um Cafés, Kneipen und Nachbarschaftsvereine. Dass sich ihre Nachbarschaft verändert, empfinden nicht wenige als Verlust, vertraute Orte werden ihnen plötzlich fremd.

„Ich bin noch nie in eine der Bars gegangen. Ich mag die Atmosphäre dort nicht. (…). Es ist nicht üblich für uns, dass jeder für sich alleine in einer Ecke sitzt und sein Bier trinkt. In diesen Cafés sieht man das ständig: Ein zwei Leute sitzen dann da mit einer Flasche Bier in der Hand. Zwischen denen fühlst du dich fremd. Hier in die Cafés gehst du einfach rein und begrüßt jeden, egal ob du die Person kennst oder nicht. Man fragt, wie es einem geht. Du hast hier das Gefühl, wie in einer Familie eben.“ (Zitat eines Befragten)

Breite Gräben zwischen allen Lebensstilen

Sich abzugrenzen, scheint ein weit verbreitetes Bedürfnis zu sein. Hipster, Yuppie, Ghettokid, Möchtegern-Gangster, Öko, Bioleute, Prolls, Kampfhundebesitzer, einfache Arbeiter – Manuela Freiheit ist auf viele Klischees gestoßen. Dazu auf Platzverweise für obdachlose Menschen und Drogenabhängige, Schilder in Kneipen mit der Aufschrift „heteronormativer Mainstream muss draußen bleiben“ oder auf Wohnungsanzeigen mit Hinweisen wie „keine Ausländer“. Die Gräben tun sich also nicht unbedingt nur zwischen Alteingesessenen und Zugezogenen auf, sondern auch zwischen unterschiedlichen Lebensstilen. Das betrifft zum Beispiel auch Menschen mit queeren Lebensweisen:

„Ich glaube nicht, dass das irgendeine Religion auf dieser Welt toleriert, weder das Christentum, noch das Judentum, noch der Islam. Selbst Menschen die nicht an Gott glauben akzeptieren das nicht. Es heißt ja sexuell pervers, jedenfalls nichts Normales, eine psychologische Krankheit sozusagen. Siehst du diese rot-blauen Lampen da, dort ist es. Ja genau, sie verhalten sich sittlich und bleiben drin, und wir haben damit nichts zu tun. Du wunderst dich aber manchmal, wenn du zum Beispiel zwei Männer Arm in Arm siehst. Das ist ekelhaft, unglaublich.“ (Zitat eines Befragten)

Vorurteile und Unterstellungen

Und was laut Studie besonders weit verbreitet scheint, ist, dass sich negative Zuschreibungen an ethnischen und vermeintlich religiösen Merkmalen orientieren. Da werden ökonomisch erfolgreiche Bewohner türkischer Herkunft als „dubiose Geschäftsmacher“ angeschwärzt, oder insbesondere bei „muslimischen Kindern“ ein besonders „rohes“ und „wildes“ Sozialverhalten festgestellt, und Sinti und Roma „Taschenspielertricks im Jobcenter“ und „kriminelle Machenschaften“ unterstellt. Nicht der Zuzug von reichen Haushalten egal welcher Herkunft führt zu konfliktträchtigen Einstellungen im Quartier, sondern die „reichen, deutschen Familien aus Westdeutschland“ oder deren „Töchter und Söhne“, die sich von „ihren Eltern die Miete zahlen lassen“ und sich ansonsten „dissozial“ verhalten und „nur sich selbst sehen“.

Klingt düster, Vorurteile, wohin man schaut. Da ist es gar nicht mehr weit bis zu Buschkowskys Schwarzmalereien. „Neukölln ist keine Erfolgsgeschichte, sondern bittere Realität: organisierte Kriminalität, Islamismus, Salafismus, Bildungsferne und hohes Armutsrisiko“, schrieb er Anfang des Jahres im „Stern“, da war er als Bürgermeister noch im Amt. Laut Manuela Freiheit haben solche „Deutungsangebote“, um es wissenschaftlich auszudrücken, zumal von Politikern, nicht unbedeutende Auswirkungen auf die öffentliche Wertschätzung oder Stigmatisierung. Buschkowskys Diskriminierungsstrategie und Hau-drauf-Taktik sind umso ärgerlicher vor dem Hintergrund, dass die Studie ebenfalls ergeben hat, dass migrationsbedingte Vielfalt im Quartier langfristig zu weniger Vorurteilen führen kann. Auch über solche Entwicklungen ließe sich reden, doch von den Bezirksverantwortlichen hört man davon leider kaum.

Vertraute Kreise sind wichtig

Doch auch etwas Positives hat Manuela Freiheit bei ihren Forschungen herausgefunden: Es ergeben sich vereinzelt neue Solidargemeinschaften, die sich quer zu ethnischen oder sozialen Grenzen verhalten – wie bei neueren Mieterinititativen. Insgesamt, so Manuela Freiheit, orientieren sich engere Sozialbeziehungen allerdings immer noch weit mehr an sozialer und / oder ethnisch-kultureller Homogenität als an räumlicher Nachbarschaft, weil hier das Bedürfnis nach einer sozial vertrauten Umwelt am besten eingelöst wird. Je heterogener die Gesellschaft – und Neukölln wird immer vielfältiger, nicht zuletzt durch Geflüchtete, aber auch durch den Zuzug von vor allem jungen Leuten aus westeuropäischen Ländern, aus den USA oder Israel –, umso wichtiger werden diese vertrauten Kreise. So werden in Zukunft Abgrenzungen untereinander eher zu- als abnehmen, prophezeit die Studie.

Sind die Diskriminierungtendenzen im Reuterkiez wirklich so massiv? Was die Befragten und ihre Beobachtungen angeht, so hat sich Manuela Freiheit um einen breiten Querschnitt bemüht und Akademiker, mittelständische Unternehmer oder auch Hartz IV-Empfänger einbezogen, alle verschiedenen Alters, Geschlechts und ethnischer Zugehörigkeit. Dazu Leute, die schon lange im Kiez wohnen und solche, die erst kürzlich hingezogen sind. Die Untersuchung ist zwar nicht repräsentativ – das sind qualitative und exemplarische Untersuchungen nie – die Ergebnisse sind aber dennoch aufschlussreich, und zwar im Hinblick auf die Entstehung von solchen sozialen Ab- und Ausgrenzungen und die dahinterstehenden Konflikte. Hinweise auf ähnliche gesellschaftliche Prozesse lassen sich auch in anderen Studien finden.

Gentrifizierung ist Gift

Was kann da helfen bei all den Klischees? Soziale Interaktion! Vor allem, wenn man dabei gemeinsamen Zielen folgt und sich auf Augenhöhe begegnet, meint Manuela Freiheit. Dabei unterstützen können vor allem Schulen und die Politik. Gleichzeitig: Wettbewerb vermeiden! Die Gentrifizierung ist da Gift. Das zeigt sich auch daran, dass der Wandel im Quartier im Sommer 2009 in den von Manuela Freiheit beobachteten Gruppendiskussionen und Gesprächen noch als unproblematisch und begrüßenswert empfunden wurde, die Stimmung ab Sommer 2010 dann aber bereits zu kippen schien. Es gilt also die Wahlmöglichkeiten für alle in Bezug auf die Räume zu erhalten. Der Milieuschutz im Reuterkiez ist da nur ein erster, kleiner Schritt.

Manuela Freiheit stellt ihr Forschungsprojekt und ihre Ergebnisse bei „Fokus Neukölln – Bürger. Forschung. Dialog“ (Event bei Facebook) zur Diskussion. Und zwar heute Abend, am 2. November 2015, 19-21 Uhr in der Villa Neukölln (Hermannstrasse 233, 12049 Berlin), Eintritt frei – neukoellner.net ist Medienpartner

 

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