von am 11. Mai 2015

GeschichtenueberOMA_KH1Oma ist die Beste, da sind wir uns sicherlich einig. Wir lieben ihre herzliche und eigensinnige Art und ebenso all die Geschichten, die sie aus ihrem Leben erzählen kann. Umso schlimmer ist es, wenn es Oma nicht gut geht. Irina Marjell schreibt für neukoellner.net regelmäßig  über ihre Großmutter aus Neukölln und berichtet dieses Mal leider über den Krankenhausaufenthalt der 95-Jährigen.

Collage: Katrin Friedmann; Foto: Archiv Museum Neukölln

Meine Oma liegt im Krankenhaus. Nach einem Kreislaufkollaps war sie nicht mehr allein auf die Beine gekommen. Auf dem Namensschild am Ende ihres Bettes ist vor ihrem Nachnamen das Kürzel „Hr.“ eingetragen. Dass sich beim Geschlecht meiner Oma scheinbar jemand geirrt hatte, soll sich aber noch als das kleinste Problem herausstellen.
Als ich mit meiner Schwester das Zimmer betrete, liegt meine Oma bereits seit einer Stunde auf ihrer Bettpfanne. Sie tut das nicht freiwillig. Die Klingel ist abgestellt oder es reagiert einfach keiner. Das Pflegepersonal der gesamten Station besteht zurzeit aus einer einzigen, verständlicherweise überforderten Frau. „Nah am Menschen“ heißt es in der Imagebroschüre des Krankenhauses.
Anfangs beschwert meine Oma sich nicht. Lediglich die gestrige Spätschicht, sie meint damit das Pflegepersonal, habe ihr aber besser gefallen als die heutige. Obwohl sie von dieser, mitten in der Nacht und nach den Strapazen ihres Unfalls, in vollkommener Dunkelheit unter die Dusche gestellt wurde. Die Privatsphäre muss schließlich gewahrt werden.
Dass die Rechte des Patienten hier groß geschrieben werden, kann man auch am schwarzen Brett der Station nachlesen. Dort hat das Krankenhaus seinen Verhaltenskodex ausgehangen. „Wir teilen dem Patienten stets mit, was mit ihm gemacht wird“, heißt es da. Als ich meiner Oma daraus zitiere, lächelt sie nur müde.
Das Lächeln der abgearbeiteten Krankenschwester ist so künstlich wie der Darmausgang des Patienten aus dem Nachbarzimmer. Es gibt Abendbrot. Die Frage nach der Teesorte richtet die Krankenschwester an mich und meine Schwester, nachdem sie meiner Oma genau eine Sekunde Zeit gelassen hat selbst zu antworten. Meine Schwester und ich schweigen einstimmig. Meine Oma ist mündig, denke ich, nur sie darf entscheiden, ob sie sich für oder gegen Hagebutte entscheidet, ob sie Kamille oder Pfefferminz eine Abfuhr erteilt.
Das Abendbrot hinterlässt bei meiner Oma einen bitteren Nachgeschmack. Die Portion ist viel zu groß für jemanden, der den ganzen Tag im Bett liegt und kaum Kalorien verbraucht. Ihre Kriegserfahrungen machen es ihr sichtlich schwer, etwas übrig zu lassen. Auf ihre Bitte stecke ich eine Tomate ein.
Im Zimmer gegenüber liegt eine alte Dame. Ihr Husten ist ausdauernd und hört sich an wie ein Lachsack, bei dem in Kürze die Batterie alle ist. Aus einem anderen Zimmer ruft ein Mann. Er macht die Krankenschwester lautstark darauf aufmerksam, dass er nun sterben werde. Ihm wird lange Zeit keine Beachtung geschenkt.
Unter Krankenpflegern wird der Patient Kunde genannt. Nur ist dieser hier nicht König.
Im Krankenhaus.

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