von am 20. Oktober 2016
Akkurat frisiert - Hussein Seif in seinem Barbershop (Foto: Alexander Derr)

Akkurat frisiert – Hussein Seif in seinem Barbershop (Foto: Alexander Derr)

Hussein Seif betreibt einen Oldschool Barbershop in der Flughafenstraße. Und was für einen! Kein Wunder, dass seine internationalen Gäste immer wieder kommen.

Von Jacqueline Rettschlag

Wer die Flughafenstraße entlang läuft, wird auf Höhe der Nummer 15 kurzzeitig von Jazzmusik dem Alltagsirrsinn entrissen. Hier betreibt Hussein Seif seinen Oldschool Barbershop „Kücük Istanbul“. Einmal betreten, entführt das Ladenlokal seine Besucher in die goldenen 20er Jahre Berlins.

Hier wird das traditionelle Barber-Handwerk gelebt. Die Herren bedienen in feinem Zwirn, im Hintergrund spielt Musik von der Vinylplatte und rasiert wird mit scharfen Messern im altenglischen Ambiente – egal ob Vollbart oder Moustache. Im hinteren Bereich des Shops finden Gentlemen eine der letzten Bastionen des modernen Mannes – das Herrenzimmer. Es dürfen in aller Ruhe Zigarren und Pfeifen geraucht werden. „Aber keine Zigaretten“, stellt der Geschäftsführer mit einem Lächeln auf den Lippen klar.

Anfangs hielten ihn viele für verrückt

Hussein ist Master Barber mit Leib und Seele. Er zählt über 20 Jahre Berufserfahrung, kennt die vielen verschiedenen Frisiertechniken vergangener Zeiten und weiß um die Bedeutung eines guten Haar- und Bartschnitts. „Du fühlst dich gleich ganz anders“, erklärt er, während sein Rasiermesser am Hals eines Kunden entlanggleitet.

Blick in den Laden von Hussein Seif (Foto: Jens Book)

Blick in den Laden von Hussein Seif (Foto: Jens Book)

Damals, als er das Geschäft 1996 gründete, hielten ihn viele für verrückt: ein Oldschool Barbershop mitten in Neukölln? Wer soll sich denn hier her verirren? Und was ist mit der Friseur-Konkurrenz, die an jeder Ecke lauert? Hussein hat den Kritikern getrotzt. Heute begrüßt der gebürtige Jerusalemer Kunden aus aller Welt – teilweise planen seine oft bärtigen Fans extra einen Besuch bei ihm ein, wenn sie auf Geschäftsreise in Berlin sind oder die Stadt privat unsicher machen. „Für mich ist das eines der schönsten Komplimente“, fügt Hussein hinzu.

Gäste wollen unbedingt nach Neukölln

Auch mit einigen Hotel-Concierges ist der Master Barber gut vernetzt: „Ich werde oft für Gäste aus dem Orient angefragt, das kann auch schon mal sonntags oder spät am Abend vorkommen. In der Regel fahre ich dann in die Hotels, aber in den vergangenen Monaten hat sich der Trend umgekehrt: Die Gäste wollen unbedingt nach Neukölln. Da sage ich kleiner Lokalpatriot natürlich nicht nein“, lacht er, um sich kurze Zeit später von seinem Kunden per Handschlag zu verabschieden: „Mach es gut, mein Freund. Bis zum nächsten Mal!“

Wer einmal bei Hussein war, der vergisst ihn nicht so schnell. Er hat eine einnehmende Persönlichkeit, ist zuvorkommend und hat immer spannende Geschichten zu erzählen, zum Beispiel wie es dazu kam, dass er kürzlich Matt Damon auf einer Filmpremiere in Berlin traf und für ein gemeinsames Foto posierte.

Hussein vergibt kaum Termine

Ohnehin pflegt er eine Leidenschaft für Bildkunst. Im März hat er aus einer Laune heraus die Idee für einen Barbershop-Fotoband. Er trommelte seine Stammkunden zusammen und herausgekommen ist eine liebevolle Hommage an den Gentleman von heute. In seinem Kopf brodelt es immerzu: „Ich habe noch so viele Ideen, die ich umsetzen möchte, aber mir fehlt aktuell die Zeit dazu.“ Das Telefon klingelt oft. Termine vergibt Hussein aber selten. Bei ihm dürfen und sollen die Kunden einfach vorbeikommen.

Immer wieder fragen ihn Kunden, warum er sein Geschäft nicht nach Mitte verlegt, dort wo die großen Luxushotels stehen und eine Boutique die nächste jagt. Aber Hussein winkt dann nur ab: „Das ist aktuell kein Thema für mich. Ich liebe Neukölln und Neukölln liebt mich auch ein wenig. Zumindest hat mir der Kiez hier viel Glück gebracht!“

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