von am 4. März 2015

blaumann_header_nkEin sommerlicher Ausflug in die Weiße Siedlung, die in den 70er Jahren als soziales Wohnungsbauprojekt inmitten von Kleingartenkolonien erbaut wurde. Die Fotoserie zeigt auf, welche Gleichheiten und Gegensätze zwischen Dammweg und Sonnenallee vorherrschen, wenn Plattenbautristesse auf entspannte und verkitschte Idylle trifft.

Text: Laura Schnaus / Fotos: Anna Florin und Laura Schnaus

Als wir im Sommer 2014 das erste Mal durch die Weiße Siedlung spazieren, sieht es überraschenderweise nicht so karg aus, wie wir von weitem angenommen hätten. Die Hochhäuser zwischen Dammweg und Sonnenallee sind von sattem Grün umgeben. Zwischen den unterschiedlich hohen Türmen sind Rasenflächen, auf denen zahlreiche Kinder spielen, der Hundeauslaufplatz wird als Treffpunkt von Hundehaltern genutzt. Irgendwie wirkt alles friedlich, auch wenn es den Anschein erweckt, als würde hier jeder Kulturkreis unter sich bleiben wollen.

Die Weisse Siedlung

Die Weisse Siedlung

In der Weißen Siedlung leben rund 4.100 Menschen ganz unterschiedlicher Herkunft. Angeblich ist die Fluktuationsrate sehr hoch, doch wie wir noch herausfinden, gibt es einige Mieter, die schon seit Jahrzehnten in den bis zu 18-geschossigen Hochhäusern wohnen.

Jede Parzelle eine kleine Austellungsfläche

Die angrenzende Kleingartenkolonie „Zur Freiheit“ ist durch einen Zaun von der Weißen Siedlung getrennt. Jede Parzelle scheint eine kleine Ausstellungsfläche zu sein, deren Besitzer sich individuell auf einem kleinen Fleck Land verkitscht und verkünstelt haben. Gartenzwerge treffen auf Buchsbaumkugeln und Spitzenvorhänge spiegeln sich in Aufstellpools. Die Besitzer dösen in ihren Gartenstühlen unter Sonnenschirmen und die Deutschlandfahnen bewegen sich schwerfällig in der Luft. Es ist WM-Zeit.

Dagmar und Ralf in ihrem Garten

Dagmar und Ralf in ihrem Garten 

Als erstes treffen wir auf Dagmar und Ralf, die in Bikini und Badehose gärtnern. Beide haben etliche Jahre in der Weißen Siedlung gewohnt, sind dann aber der Kinder wegen und aus Platzmangel in die Nähe umgezogen, die Parzelle haben sie behalten. Damals konnten sie vom Balkon aus auf ihren Garten schauen. Wenn man in ihrem grünen Fleckchen steht, ergibt sich ein absurdes und irreales Bild: hinter dem kleinen Häuschen ragen die weißen West-Platten in die Höhe und werfen ihre langen Schatten auf den Rasen. Es scheint, als würde sich der beengte Raum der Hochhauswohnungen im Garten fortsetzen. Im kleinen Teich schwimmen große Kois, perfekte Äpfel wachsen am Baum.

Ein Leben in der Laube

Jeder kennt hier jeden und so lernen wir durch die beiden auch Bernhard, seine Frau und seinen Hund Lulu kennen. Bernhard ist mit im Vorstand der Kleingartenkolonie und wohnt in der Nummer 9. Auch er hat von seinem Balkon aus Blick auf den Garten. Aber eigentlich lebt er im Sommer in der Laube, die Wohnung dient dann eher als Abstellraum, nur sein Wellensittich Romeo haust da oben ganz alleine, seitdem seine Julia gestorben ist.

"Zur Freiheit" aus dem 18. Stock gesehen.

„Zur Freiheit“ aus dem 18. Stock gesehen.

Frauen spielen Volleyball, Rentner gehen spazieren, Kinder flitzen auf ihren Fahrrädern umher. Draußen herrscht entspannte Idylle. Jeder gibt gerne Auskunft und alle scheinen unser Interesse an der Siedlung und der Kolonie gut zu finden. Vom 18. Stock aus hat man einen unglaublichen Blick auf all die grünen Gärten und die Stadt. Die Quartierseigene Immobilienmaklerin erzählt, dass es vergleichsweise mit dem Rest von Neukölln, gar nicht mal so günstig ist, hier zu wohnen. Allerdings stehen nur wenige Wohnungen leer. In den Häusern ist das Klima eher trist und anonym, im strengen Gegensatz zur Atmosphäre in der Kleingartenkolonie.

Die A 100 als neuer Nachbar

Eines Samstagnachmittags ist Sommerfest, ein Andrea Berg-Double tritt auf. Wir treffen Herrn Kalipke und lernen seinen Stiefsohn kennen, die beide auch seit Jahren in der Siedlung wohnen. Sie erzählen, dass es mittlerweile mehr junge Leute im Kleingarten-Verein gebe und auch einige arabische und türkische Familien einen Garten haben.

Wer möchte, kann sich jederzeit in der „Freiheit“ umsehen. Die besten Chancen auf eine Parzelle haben aber immer noch Familien. Bald liegt jedoch die A 100 in direkter Nachbarschaft. Wie sehr der Ausbau der Stadtautobahn dieses grüne Idyll stören wird, bleibt erst mal abzuwarten.

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