von am 19. Mai 2011

Eine bekannte deutsche Supermarktkette lädt zum Gratisfrühstück. Auch in Neukölln. Bericht über einen Weltrekordversuch.

Die kleine dicke alte Frau ist ganz clever. Eben noch hatte ein stattlicher älterer Herr in der Reihe gestanden. Der war aber plötzlich weg und schon stand sie da. „Der Kollege hat für mich freigehalten“, informiert sie uns zackig und bestimmt, während sie unsere Füße fast mit ihrem Kartoffelporsche, wie man Oma’s Einkaufstrolley früher bei uns nannte, überfährt. Na gut, wir wollen ja nicht so sein. Bevor sie noch ihre großen Brüder holt, lassen wir die Frau vor.

„Das größte Frühstück der Welt“ steht auf den Papieruntersetzern, die wahllos und völlig undekorativ auf den etwa 20 Tischen im ersten Stock des immer wieder entsetzlich häßlichen Einkaufzentrums „Neuköllner Tor“ verteilt sind. Das größte Frühstück der Welt. Gratis, deutschlandweit und auch in Neukölln. Die Supermarktkette Real lädt ein. In allen 317 Filialen des Discounters sollen an diesem Dienstag Vormittag zwischen zehn und elf Uhr Menschen auf Kosten des Hauses frühstücken. Ziel ist es, den Weltrekord einer chinesischen Supermarktkette zu überbieten.

Erstmal aber geht gar nichts voran. Die Schlange ist lang und scheint still zu stehen. Die dicke Frau vor uns scheint nervös. Nicht, dass am Ende alles alle ist. Diese Sorge treibt uns weniger um.

Frühstück ans Bett

Vor der dicken Frau steht eine der wenigen jüngeren Personen an diesem Vormittag. So dramatisch kann das mit den Schulschwänzern in Neukölln nicht sein, wenn sie nicht mal ein Gratisfrühstück sie vom Unterricht abhalten kann. Diese jüngere Person ist weiblich, wohl Ende zwanzig und trägt ein Thor-Steinar-Shirt. Ihre Ohrringe klappern immer etwas nervtötend, wenn sie sich zu ihrem Begleiter wendet, der es vorgezogen hat, sich nicht in die Schlange einzureihen, sondern zwischen zwei Tischen steht. Die Thor-Steinar-Frau erspäht eine Kaffeekanne. „Kannst du mir einen einschenken?“, fragt sie ihren 2-Meter-Freund mit der Cap. Der zögert. Ist ja auch irgendwie ganz schön dreist. „Ich bring dir dann auch morgen Frühstück ans Bett.“ Der Gentleman lässt sich erweichen.

Es ist mittlerweile 10:25 und wenn man sich umschaut, erblickt man das Ende der Schlange, das immer weiter im Horizont zu verschwinden scheint. Zum erlösenden Büffet ist es aber auch noch ein Stück. Da kommt eine Realmitarbeiterin vorbei und bittet uns, uns in eine Liste einzutragen. Name, Vorname. Will ja schließlich alles dokumentiert sein, damit die Herren vom Guinessbuch der Rekorde einen etwaigen Weltrekord auch korrekt überprüfen können. Pflichtbewusst kritzeln mein Begleiter und ich unsere wohlüberlegten Pseudonyme in die Liste. „Nolito Rodriguez“ und „Tio Lindo“. Nicht, dass wir noch stress mit einer chinesischen Supermarktkette kriegen.

Angriff auf die Kaffeekannen

Die kleine dicke alte Frau wird zunehmend unruhiger. Wie ein eilender Nobelkutschenfahrer im Autobahnstau, schert sie immer wieder aus der Schlange aus, um zu begutachten, wie lange sie noch warten muss. Manchmal lässt sie ihren Einkaufstrolley bei uns stehen, andere Male nimmt sie ihn mit, wirft aber immer wieder streng prüfende Blicke auf uns, dass uns ja nicht einfallen möge, Faxen zu machen und ihren Anspruch auf den Warteschlangenplatz zu vergessen.

Die Frau geht mir auf die Nerven.

Gegen zehn vor elf kommen wir am Büffet an. Es befindet sich in einem anscheinend ungenutzten Laden mit hübschen weißgetünchten Wänden. Gierig stürzt sich die dicke Frau auf den Kaffee, rempelt dabei die anderen Leute an. Kaffee klatscht aus den Bechern auf den dreckigen Fußboden. Keiner sagt was. Die kleine dicke Frau hat Kaffee, jetzt soll noch Milch rein. Empört schüttelt sie die kleinen Plastikbecher. Vier, fünf Becher. Keine Milch. Ihr Kopf wird rot vor Wut.

Auf den letzten 20 Metern der Schlange hatte sie sich eine neue, nicht weniger raffinierte Taktik ausgedacht. Statt auszuscheren war sie immer wieder ein paar Meter vorgelaufen und hatte sich auf eine Bank gesetzt, den Kartoffelporsche fest im Griff. Immer wenn der Doktor und ich an ihrem Platz ankamen, stellte sie sich vor uns, um dann das Spiel zu wiederholen.

Frisches aus der Frischetheke

Ein letzter Becher Milch ist noch da. Wie in Zeitlupe greift die schwülstige Hand nach dem Behältnis und schüttelt ihn. Gleich ist alles vorbei, befürchte ich. Doch da fließen ein paar Tropfen weißer Flüssigkeit in den dampfenden Plastikbecher mit Kaffee. Erleichtert atmen Dr. Aguilera und ich auf und nehmen uns auch Kaffee.

Als wir die Werbung für dieses kulinarische Event gesehen hatten, hatten der Doktor und ich, so erinnern wir es beide, folgendes gelesen: „Hochwertige Produkte aus unserer Frischeabteilung“. Das mag ja auch keine Fehlinformation gewesen sein, aber als wir an Kaffee, Saft, Obst (Äpfel, Bananen) und Brot (Weißbrot, Graubrot, Schwarzbrot) vorbei sind, erblicken wir: Fleisch.

Fleisch, Fleisch, Fleisch. Neben einem Tablet Fleisch, steht ein weiteres mit Fleisch, auf das eins mit Fleisch folgt. Es gibt: Fleischkäse, Leberkäse, Schinken, Salami, Fleischwurst, Fleischsalat, Frühstücksfleisch[1]. Es ist beeindruckend. Ein epischer Moment. Ein undifferenziertes Hingeklatsche, keine Auswahl, kein Arrangement. Nur Fleisch.

Nicht, dass wir Vegetarier wären. Aber diese Menge an totem Tier in seinen manigfaltigen Facetten ist doch beeindruckend. Wir versuchen uns zu Orten. Nein, dahinten hört das Büffet auf. In einer Ecke, fast schüchtern, erblicken wir es dann doch: Ein Tablett mit Käse. Verängstigt liegt er da, schön ordentlich aufgereiht, ganz offensichtlich traurig über das Desinteresse, das ihm zuteil wird. Wir bedienen uns. Was das für ein Käse ist? Wir wissen es nicht. Könnte Gouda sein, könnte Butterkäse sein, auch ein Edamer ohne Geschmack wäre vorstellbar. Die dicke Frau ist offensichtlich auch keine Vegetarierin. Artistisch manövriert sie zwei mit den unterschiedlichsten Würsten beladene Pappteller und einen Kaffeebecher durch das Getümmel, in dem sie letztlich verschwindet.

Schweigen im Wirtshaus

Wir setzen uns an einen der Tische und beobachten die Menschen. Frühstück ist wohl ein sehr intimer Moment, scheint es, vergleichbar nur mit einer Minute der Einkehr im Gottesdienst oder einer längeren Meditation. Wo man sich bei vergleichbarer Veranstaltung in einem bayrischen Wirtshaus kaum vor Gesprächspartnern retten könnte, herrscht hier mönchgleiches Schweigen. Mit leeren Augen schauen sie auf ihre Teller, langsam kauend. Uns geht es nicht anders. Auch uns fehlen die Worte, während wir das wohl fettigste Frühstück unseres bisherigen Lebens in uns reinschaufeln.

Dreihundert Leute müssen pro Supermarkt kommen, damit der Weltrekord geknackt wird und die Chinesen düpiert werden, erfahre ich von einer Angestellten, kurz bevor wir aufbrechen. Nein, sie weiß nicht, wie viele hier im Neuköllner Tor dabei waren. Das müsse noch ausgewertet werden. Auch wie viel Spendengelder für die SOS Kinderdörfer zusammengekommen sind, ist noch nicht bekannt. Das war das andere Ziel der Aktion. Gratis frühstücken, dafür spendet man für einen guten Zweck. Wenn man möchte.

Später lese ich im Internet, dass es wohl zumindest mit dem Weltrekord geklappt hat. 60 Menschen mehr als in China haben sich in die Listen eingetragen. Ein wichtiger Schritt, ist meine erste Analyse, um das leidende Selbstwertgefühl der Deutschen aufzupolieren. Ein neuer Weltrekord in unserem Land! Jeder konnte mitmachen! Und wir waren dabei!

Das ist doch schon mal was.

Patriotisch beseelt, denke ich an die rücksichtslose kleine dicke alte Frau. Ob sie sich auch für Deutschland freut? Oder wollte sie nur auf ganz perfide Weise ein Gratisfrühstück abstauben?
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[1] Kleiner, unvollständiger Auszug aus der an besagtem Ort zu dem genannten Zeitpunkt vorhandenen Auswahl an nicht-vegetarischem Aufschnitt.

 

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