von am 19. Juni 2014

Berlin erlebt eine Renaissance der Underground-Party: Neuberliner wollen den alten Geist wiederbeleben, der die Stadt erst zum Magneten für feiernde Touristenmassen gemacht hat. In Neukölln toben sie sich aus.

In den Club zu kommen, ist gar kein Problem. Keine Menschenschlangen, keine Hype-Touristen, nicht mal ein Türsteher. Doch hinter der Tür beginnt eine Parallelwelt. Menschen in neonfarbenen Pullovern, 80er-Jahre-Shirts und asymmetrischen Haarschnitten drängeln sich um eine kleine Bar. Subtile Exzentrik und entschlossene Entspanntheit, dichter Qualm und diffuses Stimmengewirr. Ein gedämpfter Techno-Beat weht herüber.

Es ist eine besondere Samstagnacht im ­Sameheads. Die „Cheap Acid“-Party hat rund 100 Menschen in den kleinen Club in der Neuköllner Richardstraße gezogen. Sie verbindet nicht nur eine Vorliebe für Acid Techno. Die meisten stammen aus England, Israel, USA, Spanien oder Italien. Sie sind Neuberliner, gut ausgebildete ­junge Menschen, die aber zum großen Teil nur für eine begrenzte Zeit nach Berlin gekommen sind.

Gekommen, um Partys zu organisieren

Wie Uri, Veranstalter der „Cheap Acid“-Partys. Er kam vor einem Jahr aus Israel, um ein Masterstudium an der Humboldt-Uni zu beginnen. „Aber vor allem, um in die Clubmusik-Szene einzutauchen und Partys zu organisieren“, ruft er und übertönt die Musik und Gespräche so routiniert wie jemand, für den Clubs eine zweite Heimat sind. Der 30-Jährige, der sonst die Futurisms-Partys mit dem Schwerpunkt auf britische Bassmusic wie 2step und Grime organisiert, ist mit seinen Ambitionen ein Protagonist eines Trends. Immer mehr Neuberliner wollen die Clubs der Stadt nicht mehr nur besuchen, sondern selbst gestalten, was dort läuft. Sie klagen über die mittlerweile von Touristen dominierten Mainstream-Clubs, in denen es bisweilen nur noch am Rande um die Musik geht, immer mehr aber um den schnellen Rausch und das Sammeln von Selfies. Den Traum vom wilden Berlin, den sie selbst suchten, wollen diese Neuberliner jetzt wiederbeleben.

Selbst das Berghain, Flaggschiff der weltweit geschätzten Party-Metropole Berlin, ist zur beschallten Sardinenbüchse verkommen. Obwohl das Musikprogramm weiter vielfältig und nur selten massentauglich ist, kommen die Massen – selbst wenn sie wegen der strengen Türpolitik dann vielleicht vergeblich Stunden in den legendär langen Schlangen wartet müssen. Auch das Geschehen in vielen anderen bekannten Clubs, heißen sie nun Watergate oder Ritter Butzke, hat oft nicht mehr viel zu tun mit der Utopie, die Anfang der 90er-Jahre die elektronische Clubmusik noch beseelte: Einen temporären Raum zu schaffen für ein gemeinsames, gleichberechtigtes Mit­einander, während einer ekstatischen Nacht eine Atmosphäre zu erzeugen, in der sich jeder Einzelne kurzzeitig in der kollektiven ­Euphorie auflösen kann.

Wem gehört der Mythos?

Im Sameheads wird dieses Ideal noch ­gelebt. Uri, der selbst an der Kasse steht, begrüßt alle Gäste persönlich. Im Keller, den man über eine schmale Treppe erreicht, schlägt einem heißfeuchte Luft entgegen. Die Tanzenden synchronisieren ihre Körper mit dem pumpenden Bass und den flirrenden Synthesizer-Melodien. Von der Kellerdecke tropft die kondensierte Ekstase. Es sind solche Momente, die Berlin immer noch zu einem Sehnsuchtsort machen. Doch wem gehört der ­Mythos der Stadt als Oase für alternative Lebensstile, den der Easyjetset quer über den Globus getragen hat: den großen Clubbetreibern, die ihn profitabel vermarkten? Oder den Neuankömmlingen, die einen alten, scheinbar ausgedienten Geist wiederbeleben wollen?

Dass so viele in Berlin ihr Glück suchen und eine Partylandschaft, die zu veröden drohte, nun erneuern, liegt auch an der Wirtschaftskrise, die vor allem die südlichen Länder Europas heimsucht. Auch Federico und Daniel, die zusammen die „Mechatronica“-Partys organisieren, haben in ihrer Heimat keine Arbeit gefunden. Daniel, gebürtiger Chilene, lebte in Madrid, bevor er nach Berlin kam, um hier einen Job als Tontechniker zu finden. Auch Federico suchte, bevor er vor vier Jahren hier landete, nach einem Lehramtsstudium in Italien vergeblich eine ­Stelle. In einem Deutschkurs lernten sie sich kennen.

Es geht um die Musik, nicht um Drogen

Als ihnen auffiel, dass in vielen Clubs nur der ewig gleiche Mix aus Techno und House Music läuft, packte sie der Ehrgeiz. Zusammen begannen sie, regelmäßige Veranstaltungen in Neukölln zu organisieren. „Alles begann mit einem Geburtstag, für den wir eine kleine Bar mieteten“, sagt ­Daniel. Das war im März 2012. Inzwischen versuchen die beiden, zwei Veranstaltungen pro Monat auf die Beine zu stellen. Sie laden DJs ein, legen aber auch selbst auf. Daniel spielt außerdem Livesets mit einem ­Set-up aus analogen Synthesizern und umgebauten Gameboys. Der Name ihrer Party-­Reihe, „Mechatronica“, verweist auf ihre gemeinsame Liebe zu analogen Synthesizern und Stilen aus den 90er-Jahren wie IDM, Electro oder Acid.
Das sind immer noch eher unbekannte Musikstile für ein spezielles Publikum. Doch weil die meisten der Gäste tatsächlich hauptsächlich wegen der Musik kommen, sei die Atmosphäre anders als bei gewöhnlichen Partys. „Wir sind keine Fans von aufputschenden Drogen, daher ist bei uns meistens um sechs Uhr morgens Schluss“, sagt Federico.

Charlie Coulson hat ­seine Partyreihe „Trojan Measures“ inzwischen von England nach ­Berlin exportiert (wir berichteten). Er wohnt immer noch in Manches­ter, wo er einem „langweiligen Bürojob“ nachgeht. Da er Berlin und seine entspannte Clubszene liebt, möchte er sich und befreundeten DJs die Möglichkeit geben, hier aufzulegen. Allerdings: In Berlin gehe es musikalisch weit weniger offen zu als in britischen Clubs. Die Berliner Version von „Trojan Measures“ soll deshalb das Beste aus beiden Welten zusammenführen, so Coulson, eine „Party im britischen Stil in einem Berliner Setting“ sein.

Alles selbstgemacht

Auch Federico und Daniel können von i­hren Partys nicht leben. Ihr Geld verdienen sie in einer Bar. Aber, sagt Daniel, „Madrid wurde einfach zu teuer und hier kann man gut leben, ohne, dass man 70 Prozent seiner Zeit mit Arbeit verbringen muss.“ Berlin ermögliche stattdessen immer noch einen Lebensstil, der sich noch nicht vollständig den finanziellen Zwängen unterordnen muss. Hier ist der Do-it-yourself-Anspruch, mit dem sie ihre Partys ­organisieren, noch umsetzbar. Federico, Daniel oder Uri machen alles in Eigenregie, von den Flyern bis zum ­Booking.

Der Trend beschränkt sich jedoch fast nur auf den nördlichen Teil Neuköllns, während andere Teile der Stadt zum Rummelplatz geworden sind. Außerhalb hat die Strahlkraft der Stadt ohnehin noch nicht wesentlich gelitten. Das erlebten Federico und Daniel zuletzt in Rom, als ihnen der Eintritt verweigert wurde. Als der Türsteher erfuhr, dass sie aus Berlin sind, standen ihnen plötzlich alle Türen offen.

Die nächste Cheap Acid-Party findet am Freitag, 20.6., im Loophole statt (Boddinstraße 60).

Dieser Artikel erschien zuerst in der aktuellen Ausgabe des Stadtmagazins Zitty.

 

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