von am 14. März 2016
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Das SchwuZ ist ein diskriminierungsfreier Raum, hier kann man seinem Ich freien Lauf lassen. Foto: Matthias Hamann

Eine bunte Insel im clubarmen Neukölln: Vor über drei Jahren ist das Schwulenzentrum (kurz SchwuZ) von Kreuzberg in den Neuköllner Rollbergkiez gezogen. Hier hat sich das Team um Geschäftsführer Marcel Weber und den künstlerischen Leiter Michael von Fischbach ein Refugium der guten Laune und politischen Arbeit aufgebaut. Diesen Donnerstag steigt unsere erste Party im SchwuZ, aber vorher haben wir uns mit den Betreibern noch über ihr politisches Erbe, den Kampf gegen Homophobie und über Tunten unterhalten.

neukoellner.net: Das SchwuZ hat bereits eine sehr lange und bewegte Geschichte. Ihr seid schon mehrfach umgezogen, zuletzt vor drei Jahren nach Neukölln. Wie kam es dazu?
Marcel Weber:
Wir mussten raus aus unserer, nun ja wie soll ich es nennen, Komfortzone.

Wie genau meinst du das?
Weber: Man muss dazu sagen, dass das SchwuZ in der Szene schon immer ein Vorreiter war. Von den Anfängen der Westberliner Schwulenbewegung in den 70ern, waren wir schon immer eine politische Institution und dieses Standing wurde im Laufe der Jahre immer weiter auf ein Minimum zusammengestaucht. In den 2000ern wurden dann vor allem nur noch Partys veranstaltet, wir hatten aber den gemeinsamen Wunsch diesen Zustand zu verändern. Also haben wir es getan.

Habt ihr euch bewusst für Neukölln als neuen Standort entschieden?
Michael von Fischbach: Nein – also jein. Natürlich war Neukölln ein Stadtteil, in dem wir uns immer vorstellen konnten zu arbeiten und den Club zu betreiben. Ausschlaggebend war dann letzten Endes die Beschaffenheit der Räumlichkeiten, die Location an sich. Dahinter hängt ja ein riesen Organisationsaufwand.

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2013 ging es für Geschäftsführer Marcel Weber mit dem SchwuZ und seinem Team von Kreuzberg nach Neukölln. Foto: Nadine Seidler

So ein Umzug hört sich in der Tat sehr aufwendig und arbeitsintensiv an. Gab es Komplikationen? Hattet ihr Schwierigkeiten?
Weber:
Auch wenn ich bereits 17 Jahre für das SchwuZ arbeite, musste ich bis dahin noch nie solch einen Aufwand betreiben. Während es in den 70er Jahren kaum ein Problem war, einen Club zu eröffnen, ist das heutzutage ein riesen Akt geworden. Es gibt so viele Amtsgänge und Papierkram zu erledigen. Vom Brandschutz bis zur Hygiene gibt es sehr viele Auflagen, die man erfüllen muss. Wir finden die Auflagen wichtig und gut, aber sie bedeuten einen großen Haufen Arbeit. Wir wussten bis kurz vor Beginn unserer Eröffnungsparty nicht, ob wir eröffnen dürfen.

Wo lag das Problem?
Weber: Beim Brandschutz. Das ist natürlich wichtig, aber auch mit viel Papierkram verbunden.

v. Fischbach: Wir zitterten tatsächlich bis zum bitteren Ende. Es fühlte sich so an, als säße unser ganzes Team in einem Jumbojet, der umbedingt landen muss, aber der Tower sagt immer wieder: “Nein, ihr könnt noch nicht. Dreht doch nochmal bitte eine Runde”. Das war wirklich nervenzehrend. Wir haben mit Hochdruck gearbeitet und dann hat alles geklappt.

Wie gestaltete sich die Kontaktaufnahme zu den Kiezbewohnern im Rollbergviertel? Gab es Probleme mit dem neuen Club?
Weber: Nein, da gab es keine Probleme. Warum auch? Wir sind ja schon geübt in unserer Nachbarschaftspflege und haben von Anfang an alle Nachbarn freundlich behandelt und stets zu unseren Veranstaltungen eingeladen. Wir haben rechtzeitig alles ins Boot geholt.

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Michael von Fischbach verantwortet als künstlerischer Leiter u.a. das Booking der DJs für das SchwuZ. Foto: Nadine Seidler

Es hat sich nie jemand beschwert?
v. Fischbach:
Tatsächlich nicht. Natürlich ist es etwas Neues, wenn im Laufe eines Wochenendes anstatt den üblichen Blaulichtern und dem Streifenwagenlärm (die Polizeiwache liegt direkt neben an) auch 3000 bis 4000 Partybesucher die Straße bevölkern. Aber wir sind offensiv zu unseren Nachbarn gegangen. Direkt am ersten Partywochenende luden wir die Bewohner der nahgelegenen Seniorenwohnanlage zu Kaffee und Kuchen ein. Niemand soll sich zurückgelassen oder übergangen fühlen. Das war ein wunderschönes Bild, als sich die alten Damen und Herren mit unseren Partygästen der Vornacht gemeinsam zum Kaffeeklatsch trafen. Die Tunten im Kleid neben den Rollatorenschiebenden Nachbarn und Nachbarinnen. Das war wirklich bezaubernd zu sehen wie diese zwei Welten zusammenkamen.

Weber: Der Kontakt wird auch bis heute aufrechtgehalten, weil hier alle dazugehören.

Ihr habt euer großes Erbe, welches mit der Geschichte des SchwuZ zusammenhängt, bereits erwähnt und habt euch zum Umzug erneut vorgenommen euch wieder einzumischen. Ist es schwierig an dieses Erbe anzuknüpfen?
Weber: Was wir machen, ist uns tagtäglich zu fragen, warum Berlin und der Bezirk das SchwuZ brauchen. Wir müssen uns fragen, wie sehen unsere Gegner aus und wie sichtbar oder unsichtbar sind die? Das einiges schief lief und immer noch schief läuft, ist mit einem Blick in die Medien bewiesen. Wir leben immer noch in einer homophoben Gesellschaft, in der eine Partei wie die AfD mit homophober und fremdenfeindlicher Hetze auf Stimmenfang gehen kann. Dagegen muss man kämpfen, darüber muss man reden. Des Weiteren gibt es nicht nur externalisierte Ressentiments in der Gesellschaft, auch in der Szene selbst gibt es genügend Arbeit zu tun und Vorurteile abzubauen. Für derlei Zwecke organisieren wir Diskussionsveranstaltungen und Vorträge.

v. Fischbach: Vielleicht sind wir auch gerade deswegen so auf Diskriminierungen in der Gesellschaft fixiert, weil viele von uns selbst welche erfahren. Wir sind sehr sensibel was Diskriminierung angeht und müssen uns daher auch einbringen. Das heißt jedoch nicht, dass nicht auch Schwule, Lesben, oder Transgender Ressentiments hegen, die es abzubauen gilt.

Neben eurer politischen Arbeit habt ihr als Clubbetreiber sicherlich noch mehr zu tun.
v. Fischbach: Das Wichtigste meines Tätgkeitsbereichs ist es Monat für Monat ein neues Programm zu erstellen. Es ist ein großer Organisationsaufwand sämtliche Acts und DJs zu buchen, zu bewerben und zu betreuen. Man möchte es nicht glauben, aber wir beschäftigen ein Team von über hundert Leuten und da greift ein Rädchen ins andere.

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Das SchwuZ: Ein voller Dancefloor, glückliche Menschen und feiern ohne Kategorien. Foto: Guido Woller

Auf eurer Homepage werbt ihr darum Diskriminierung jeglicher Art zu vermeiden und zu ahnden. Nur wer sich an die Regeln hält kommt ins SchwuZ. Was unterscheidet euch sonst noch von anderen Clubs?
Weber:
Nirgends in Berlin hat man solch eine große Diversität. Egal, ob es die Gäste oder unsere Veranstaltungen betrifft. Von der Musik bis zum Booking – wir bedienen einfach die größtmögliche Bandbreite. Wir sind sehr gesellig, nicht zu hedonistisch oder egoistisch. Soweit ich zurückdenken kann, haben Tunten im Fummel bei uns freien Eintritt.

Entschuldigt, da muss ich mal nachhaken. Was sind eigentlich Tunten genau und was ist ein Fummel?
v. Fischbach: Tunten, mhm, ich sage ja immer ganz gerne Damenimitatorinnen.

Weber: Es ist eine selbstgewählte Bezeichnung von Menschen, die sich in der Zeit der Westberliner Schwulenbewegung politisch engagiert haben. Sie waren die MitbegründerInnen der Schwulenbewung und haben mit dem Stöckelschuh protestiert. Man sagt ja immer jede/r darf sein wie er oder sie ist und wenn dann manche so sind, wie sie sind, will’s doch wieder keiner haben. Die Tunten haben gezeigt wer sie sind. Ein Fummel ist der Dress, in den sie sich kleiden.

Und ihr wollt die Tunten und homosexuellen Gäste darin bestärken ihr Sexualität offen zu zeigen?
Weber:
Viele Schwule und viele Tunten müssen nachwievor Gewalt erfahren, wenn sie ihre Sexualität offen zeigen. Bei uns im Club gibt es dieses Problem nicht. Auch heute braucht es immernoch viel Selbstbewusstsein zu dem zu stehen, was man ist und sein Ich offen zu zeigen. Unsere Gäste kommen meistens mit den Öffentlichen Verkehrsmitteln. Für den Mut auch in Frauenkleidern und Schminke vor die Tür zu gehen, belohnen wir unsere Gäste gerne. Genauso übrigens auch bei Frauen die sich wie ein Mann kleiden – also Dragkings.

Wie ihr bereits angedeutet habt, ist eure Arbeit noch nicht getan. Wie soll es mit dem SchwuZ weitergehen?
v. Fischbach:
Hoffentlich wird es weiterhin einfach immer besser. Wir hoffen, dass auch in Zukunft immer mehr Leute, die selten in queere Clubs gehen oder noch nie in einem waren, bei uns vorbeikommen und feststellen, dass es hier sehr schön ist.

Weber: Wir machen weiter bis sämtliche Kategorien aufgehoben wurden und wir alle glückliche Menschen sind.

v. Fischbach: Dann hätten wir sie – unsere queere Utopie.

Wer bisher noch nicht im SchwuZ war, aber schon immer mal dorthin wollte, und für alle anderen natürlich auch! – diesen Donnerstag, den 17.3., laden das SchwuZ und neukoellner.net das erste Mal zusammen ein zu:

AroundTheBlock mit Zola, Kai von Glasow und Deepneue
SchwuZ
17.3.2016 ab 23 Uhr
Rollbergstr. 26
Facebook-Event
Resident Advisor

Au ja, ich spende via: PayPal | Überweisung | Bankeinzug | Flattr

 

 

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